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22. Juli 2022

Die Unterrepräsentation weiblicher Athletinnen und methodische Herausforderungen in der Sport- und Sportmedizin-Forschung

Ein Beitrag von Hanna Zimmel

Die Fußball-Europameisterschaft der Frauen 2022 in England ist in vollem Gange. Auch die Feldhockey-Weltmeisterschaft der Frauen 2022 in den Niederlanden und Spanien begeistert die Zuschauer*innen und die deutschen Beachhandballerinnen sind gerade ungeschlagen und ohne Satzverlust Weltmeisterinnen in Griechenland geworden. Die mediale Repräsentation dieser sportlichen Großereignisse der Frauen der jeweiligen Sportarten fällt dennoch unumstritten sehr viel geringer aus als es bei vergleichbaren sportlichen Events der Männer der Fall wäre.

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Jacob Lund / shutterstock.com

Das hat Folgen. Die Bekanntheit, Anerkennung sportlicher Leistungen und auch die finanziellen Möglichkeiten und Unterstützung im Frauenleistungssport stehen in engem Zusammenhang mit der medialen Aufmerksamkeit.

Mit Blick auf die aktuelle wissenschaftliche Studienlage der Sport- und Sportmedizin-Forschung wird noch eine andere Dimension der Problematik dieser Unterrepräsentation deutlich: die meiste Sport- und Sportmedizin-Forschung basiert auf Stichproben mit hauptsächlich männlichen Teilnehmern. Auf diese Problematik weisen die Forschungsgruppen um Kristy Elliott-Sale sowie Ella S. Smith in aktuellen Publikationen dringlich hin (Elliott-Sale et al., 2021; Smith, McKay, Ackerman, et al., 2022; Smith, McKay, Kuikman, et al., 2022). Ein Grund für den Mangel an Studien mit hauptsächlich weiblichen Teilnehmerinnen läge darin begründet, dass ihre physiologische Komplexität auch komplexere Studiendesigns sowie längere Forschungszeiten und damit auch zusätzliche Kosten erfordere. Die recht einseitige Forschungsgrundlage führt allerdings dazu, dass die aus Studien gewonnenen Schlussfolgerungen meist auf männlichen Athleten basieren und diese Erkenntnisse nicht ohne Weiteres auf ihre weiblichen Pendants übertragbar sind. Begrenzte Übertragbarkeit besteht aufgrund der physiologischen Geschlechtsunterschiede insbesondere bezüglich reproduktiver Endokrinologie und der charakteristischen Unterschiede der sportlichen Wettbewerbe (z.B. Wettkampflänge und -dauer). Falsche Schlussfolgerungen bzw. die mangelhafte Anwendbarkeit der Ergebnisse auf weibliche Athletinnen kann die Bemühungen von Frauen behindern, ihr sportliches Potenzial zu maximieren.

Zudem fehle laut Elliott-Sale et al. (2021) Wissen über die weibliche Physiologie in der Sportwissenschaft und die Bereitschaft experimentelle Designs so anzupassen, dass frauenspezifische Aspekte, wie zum Beispiel der Menstruationszyklus, hormonelle Verhütung oder eine Schwangerschaft einbezogen und beachtet werden. Darüber hinaus stellt sich für den Fortschritt hochqualitativer Forschung eine uneinheitliche Terminologie und mangelnde Einigung über methodische Goldstandards als problematisch dar. In ihrem Artikel „Methodological Considerations for Studies in Sport and Exercise Science with Women as Participants: A Working Guide for Standards of Practice for Research on Women” diskutieren sie Vor- und Nachteile relevanter methodologischer Aspekte und Adaptationen experimenteller Studiendesigns.

So weisen sie beispielsweise darauf hin, u. a. folgende Aspekte in zukünftigen sportwissenschaftlichen und sportmedizinischen Forschungsarbeiten mit Athletinnen zu beachten:

  • Pubertät
  • Peripubertät
  • Adrenarche (Beginn der Nebennierenreifung bei Mädchen: Steigerung der Androgenproduktion in der Nebennierenrinde)
  • Natürlich menstruierende Frauen
  • Verwendung hormoneller Verhütungsmittel
  • Menstruale Unregelmäßigkeiten
  • Erstes/zweites/drittes Trimester der Schwangerschaft
  • Menopause
  • Menopausale Symptome

Bei der Umsetzung experimenteller Designs mit weiblichen Studienteilnehmerinnen ab der Pubertät bis zur Post-Menopause, seien zudem u.a. folgende Aspekte zu beachten:

  • Veränderungen des Östrogenspiegels vor Beginn der Pubertät
  • Definitionen von Menstruationszyklen basierend auf hormonellen ProfilenAnalyse & Bestimmung der Merkmale des Menstruationszyklus für ≥2 Monate vor der Testung
  • Outcome-Maße sollten in einem 2. Zyklus wiederholt werden

Berücksichtigung der steigenden Konzentrationen von Östrogen und Progesteron in jedem Trimester der Schwangerschaft

In einem aktuellen Review von Smith, McKay, Ackerman, et al. (2022) betonen die Forscher*innen zudem die Wichtigkeit der genauen Analyse der bestehenden Forschungslücken und den möglichen Folgen für den sportlichen Erfolg weiblicher Athletinnen. Dafür präsentieren sie eine standardisierte Prüfmethodik, um die Repräsentation von Athletinnen in den Unterdisziplinen der bestehenden Sport- und Sportmedizin-Forschung zu ermitteln. Außerdem stellen sie ein Protokoll zur Dokumentation der Hauptkennzahlen für diese Forschung vor. Die standardisierte Prüfmethodik ermöglicht so Vergleiche über die Zeit und verschiedenen Subdisziplinen hinweg. Die erarbeiteten Guidelines sollen zu mehr Geschlechtsgleichheit in der Sportforschung verhelfen und den Weg für frauenspezifische evidenzbasierte Empfehlungen für Athletinnen ebnen.

Am Beispiel der Subdisziplin der evidenzbasierten Leistungsergänzungsmittel-Forschung konnten Smith, McKay, Kuikman, et al. (2022) zeigen, wie unterrepräsentiert Frauen hier sind, obwohl Athletinnen diese Ergänzungsmittel häufig einnehmen. Sie untersuchten nach einer standardisierten Methode die Literatur zu Produkten, wie zum Beispiel Koffein, Kreatinin, Rote Beete Saft, etc., die die Leistung steigern sollen und fanden in 1.826 Studien mit insgesamt knapp 35.000 Teilnehmer*innen eine Teilnahmerate von nicht mal einem Viertel (23%) an Frauen.

Nur 0-8% der Studien hatten eine rein weibliche Stichprobe über die verschiedenen Ergänzungsmittel hinweg und die jährlichen Publikationen für frauenspezifische Untersuchungen waren ca. 8 Mal geringer als bei Studien mit ausschließlich männlichen Stichproben. Zudem definierten und beachteten nur 14% der Studien mit weiblichen Teilnehmerinnen einen Menstruationsstatus und nur drei Studien verwendeten Best-Practice Methoden zur Erhebung des Menstruationsstatus.

Diese hier vorgestellten Studien zeigen den dringend notwendigen Forschungsbedarf für weibliche Athletinnen in der Sport- und Sportmedizin-Forschung – gerade auch in der deutschsprachigen Forschungslandschaft – auf und verdeutlichen auch hier, dass eine Gleichberechtigung der Geschlechter weder im professionellen Sport noch in der sportwissenschaftlichen Forschung bisher gelungen ist.

Quelle: Sports-Medicine-Health-Summit

Literatur:

  1. Elliott-Sale K. J. et al. 2021. Methodological considerations for studies in sport and exercise science with women as participants: A working guide for standards of practice for research on women. https://ll.rpv.media/55r. Zugriff am 22.07.2022
  2. Smith E. S. et al. 2022. Methodology review: A protocol to audit the representation of female athletes in sports science and sports medicine research. https://ll.rpv.media/55s. Zugriff am 22.07.2022
  3. Smith, E. S., McKay, A. K. A., Kuikman, M., Ackerman, K. E., Harris, R., Elliott-Sale, K. J., Stellingwerff, T., & Burke, L. M. (2022). Auditing the representation of female versus male athletes in sports science and sports medicine research: Evidence-based performance supplements. https://ll.rpv.media/55t. Zugriff am 22.07.2022