Fitnessstudios zu, auf, wieder zu, auf mit 2G oder 2G plus, … Die Corona-Pandemie bringt nicht nur die Mitglieder aus dem Trainingsrhythmus, sondern stellt die Branche vor große Herausforderungen. McFit-Gründer Rainer Schaller spricht im Interview über Mitgliederverluste, die Zukunft der Gyms in der Pandemie und er gibt einen Ausblick auf 2022..

Wie lief das von der Pandemie bestimmte Jahr 2021 für die Fitness-Branche?

Rainer Schaller: „Das Jahr 2021 war für die gesamte Fitnessbranche eine Achterbahnfahrt. Wir sind mit geschlossenen Studios ins Jahr gestartet, haben aber gleich zu Beginn an ausgewählten Standorten unsere Outdoor Gyms eröffnet. Trotz Lockdown konnten wir so unseren Mitgliedern ein sicheres Training an der frischen Luft gewährleisten. Nach ungefähr sechs Monaten, in denen unsere Gyms im zweiten Lockdown am Stück geschlossen waren, durften wir Mitte des Jahres endlich wieder die Türen öffnen. Kurz darauf haben wir mehrere Openings gefeiert – unter anderem die beiden Gold’s Gym Flagships in Berlin und Mailand sowie John-Reed-Standorte in Los Angeles, London und Rotterdam und haben dadurch mit unseren Marken neue Märkte erobert, die wir schon lange im Blick hatten. Zum Jahresende werden unsere Nerven nun erneut getestet, und uns steht wieder eine Zeit bevor, die von Unsicherheit geprägt ist. Alle Studios in Österreich sind aktuell wieder komplett geschlossen und teilweise auch in einigen Bundesländern in Deutschland. Es bleibt für uns eine Herausforderung, die wir mit ins Jahr 2022 nehmen werden müssen.“

Was bedeutet 2G beziehungsweise 2G plus für die Studios?

Schaller: „Mit der aktuell geltenden 2G-/2G-plus-Regelung haben nur vollständig Geimpfte oder Genesene – teilweise plus aktuell negativen Testnachweis bei 2G-plus – Zutritt in unsere Studios. Dadurch sind wir leider gezwungen, einen Teil unserer Mitglieder, die keinen 2G-Nachweis haben, von dem regulären Studiobetrieb auszuschließen.“

Was bedeutet das speziell für Ihre Unternehmensgruppe?

Schaller: „Eine 2G-/2G-plus-Regelung bedeutet einen erhöhten Aufwand in allen Bereichen, den wir aber gern in Kauf nehmen. Wir wollen weder die Gesundheit unserer Mitglieder riskieren, noch weitere Studios schließen müssen. Allerdings bedeutet es auch für eine bestimmte Gruppe unserer Mitglieder, dass wir ihnen keinen Zutritt ermöglichen können.“

Was denken Sie – wann ist wieder ein normaler Studiobetrieb möglich?

Schaller: „In Anbetracht der aktuellen Umstände ist es schwer vorherzusehen, wann wir den Normalzustand wieder erreichen werden. Wir haben Studios auf der ganzen Welt, und überall sieht die Situation anders aus. Selbst innerhalb Deutschlands gelten aufgrund von variierenden Infektionszahlen auch unterschiedliche Regelungen. Corona wird uns voraussichtlich noch etwas länger begleiten, und somit müssen wir uns drauf fokussieren, einen „normalen“ Studiobetrieb mithilfe von langfristigen Schutz- und Hygienemaßnahmen aufzubauen. Das Motto für uns alle ist und bleibt „saftey first“.“

Wie viel Verlust hat die Pandemie bislang in der Fitness-Branche verursacht, können Sie das beziffern?

Schaller: „Die Folgen der Pandemie werden für die Fitnessindustrie noch lange spürbar bleiben, denn die gesamte Branche wurde schwer getroffen, und im Durchschnitt haben alle Fitnessstudiobetreiber rund 25 Prozent an Mitgliedern verloren. Uns haben viele unserer Mitglieder in diesen schweren Zeiten die Stange gehalten, worüber wir sehr dankbar sind und weshalb es bei uns etwas weniger – zwischen 15 und 20 Prozent Verlust an Mitgliedern – sind, die wir während der Lockdowns zu verzeichnen hatten. Nach den Öffnungen der Studios konnten wir einen Großteil davon wieder ausgleichen und waren auf einem sehr guten Weg. Jetzt aber bestimmen wieder Unsicherheit und Einschränkungen den Alltag der Menschen. Für alle Studioinhaber und -betreiber, die es aus der Krise schaffen, wird es daher ein langer Kraftakt bleiben, bis sie wieder auf wirtschaftlich positiven Füßen stehen.“

Was wird sich mit Blick auf das Jahr 2022 in der Fitness-Branche ändern? Welche neuen Trends sehen Sie?

Schaller: „Seit Beginn der Pandemie hat sich die Fitness-Branche und haben sich die Erwartungen der Menschen verändert. Ein Besuch im Fitnessstudio muss mit einem Erlebnis verbunden werden – das Training steht weiterhin im Vordergrund, aber die Ausstattung, das Design, die Musik, die Atmosphäre, die Community und die Angebote, die über das Training hinausgehen, gewinnen an Bedeutung und sorgen dafür, dass das Mitglied eine unvergessliche Zeit hat. Zudem wollen viele flexibel und unabhängiger sein. Aus diesem Grund haben wir nach dem ersten Lockdown unseren Flex-Vertrag eingeführt. Dieser kann monatlich gekündigt werden und bietet unseren Mitgliedern maximale Freiheit. Des Weiteren steigt die Nachfrage für Trainingsmöglichkeiten von Zuhause beziehungsweise virtuell.“

Haben sich Home-Workouts also etabliert? Oder trainieren die meisten doch wieder am liebsten im Studio?

Schaller: „Home-Workouts haben im letzten Jahr definitiv an Attraktivität gewonnen, und es gibt viele neue digitale Fitnessformate auf dem Markt. Auch wir haben uns diesem Trend früh angepasst und haben die Angebote unserer 2016 gestarteten Cyberobics-App aktuell deutlich ausgebaut. Mittlerweile bieten wir neben unserem On-Demand-Angebot wöchentlich circa 150 Live-Classes an. Ein Home-Workout ist somit eine gute Ergänzung, wird jedoch ein vollausgestattetes Fitnessstudio nicht ersetzen können. Der Großteil hat Zuhause nicht das Equipment und den Platz, um ein umfangreiches Training im Gym ersetzen zu können. Zusätzlich fehlen beim Training Zuhause auch die Atmosphäre und vor allem: die Community. Diese beiden Aspekte sind in unseren Studios – je nach Marke in unterschiedlicher Ausprägung – gegeben und werden im Alltag von unseren Mitgliedern extrem geschätzt.“

Quelle: Fitbook.de / Julien Wolff