Auf der digitalen Überholspur entwickelt sich der Mensch zu einem Wesen, das Smartphones besser beherrscht als den eigenen Körper. Auch im Gesundheitsmanagement ist ein Wandel zu spüren: BGM 4.0.

Antonia Muriqi setzt in ihrem Buch „Der digitale Ball – der Weg zu einer neuen Bewegungskultur“ breit gefächert an die Probleme der heutigen Zeit an. Sie möchte die Logik der zukünftigen Generation der Mitarbeiter lehren und ermöglichen, dass Unternehmen den Herausforderungen des neuen Zeitalters im digitalen Betrieblichen Gesundheitsmanagement gewachsen sind.

Zurück zur Basis – zurück zum Körper. Das Ballsportkonzept der Universität Heidelberg ist Aufhänger für die Umsetzung eines alltäglichen „Trainings“ am Arbeitsplatz, ohne sprichwörtlich zu trainieren. Das Buch soll Anregungen geben, wie Defizite – vor allem am Arbeitsplatz –  ausgeglichen werden können, um sie erst gar nicht entstehen zu lassen.

 

Du hast eine App zum Thema BGM entwickelt. Worum geht es genau?

Die App digitalhumanbalance hat sich mit der Zeit von einer Fitnessapp zu einer BGM-App entwickelt. Zuerst stand die Vermittlung von Trainingsinhalten und Ernährungsverbesserungen von Privatpersonen im Vordergrund. Mittlerweile betreut die App große Unternehmen beim Thema Digitales BGM. Viele neue Tools sind dazugekommen, die einem Unternehmen die Unterstützung bietet, welche bisher nur durch einen Gesundheitsmanager vermittelt wurde. Die ursprünglichen Funktionen bilden nun die beiden Handlungsfelder Bewegung und Ernährung der Primarprävention. Die App wird von uns immer weiterentwickelt und passt sich dem Bedarf des Marktes ständig an.

 

Welche Rolle spielt BGM in unserer Gesellschaft und gibt es noch Luft nach oben?

Definitiv. Wir sind noch lange nicht an die digitalen Grenzen gestoßen und auch die Gesetzeslage macht immer weiter Türen auf, um sich als Dienstleister weiterzuentwickeln und den Markt im BGM sinnvoll zu erweitern. BGM wird immer wichtiger. Gerade im Hinblick auf den demographischen und kulturellen Wandel. Zum einen gibt es immer ältere Mitarbeiter, die mehr in ihre Gesundheit investieren müssen. Unternehmen finden zum anderen aber auch nur wenige neue junge Mitarbeiter. Demnach wird BGM zu einer richtigen Marketingstrategie, um neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Der kulturelle Aspekt sollte dabei nicht unbemerkt bleiben, sowohl der Mann als auch die Frau verbringen einen Großteil der Zeit im Betrieb und das birgt natürlich auch gesundheitliche Risiken, wenn kein erfolgreiches BGM betrieben wird.

 

Worauf sollten Arbeitgeber bei der Ausstattung ihrer Büroräume achten?

Wir empfehlen den Unternehmen, die wir betreuen, immer eine Arbeitsplatzbegehung mit den Experten aus unserem Team. Dabei erhält jeder Mitarbeiter aus den einzelnen Bereichen eine individuelle Beratung zu seinem Arbeitsplatz und eventuellen Risiken. Die Menschen sind so unterschiedlich und dementsprechend sollten es dann auch ihre Arbeitsplätze sein. Dies ist aber meist nicht der Fall. Das häufigste Problem sind starre Schreibtische, Bürostühle und fehlende Hilfsmittel.

 

Wie kann die Gesundheit des Arbeitnehmers von Arbeitgeberseite aus verbessert werden?

Jedes Unternehmen ist einzigartig und für jede Einzigartigkeit gibt es ein individuelles Konzept zur Gesundheitsförderung. Wir sprechen immer von verschiedenen Handlungsfeldern und Risiken. Der Bedarf eines Unternehmens wird durch eine Gefährdungsbeurteilung und verschiedene Reports sichtbar. Die meisten Kranken- und Fehltage resultieren im Allgemeinen aus Muskel- und Skeletterkrankungen und psychischen Belastungen. Erkennt der Arbeitgeber das Problem seiner Mitarbeiter, kann er Maßnahmen anbieten, um die Risiken zu minimieren.

 

Dein Buch konzentriert sich hauptsächlich auf Übungen mit dem Ball. Zu welchem Handlungsfeld gehören diese Einheiten?

Das Konzept mit dem Ball gehört zum Handlungsfeld der Bewegung. Zu den anderen Handlungsfeldern gibt es ebenfalls solche Pilotierungen und dementsprechend Konzepte, die ein Unternehmen durchführen kann. Das Projekt hier ist besonders für solche Unternehmen geeignet, die wieder mehr Spaß an Bewegung und Teamgeist in ihre Mitte bringen wollen. Die Übungen brauchen nicht viel Platz und können mehrmals am Tag durchgeführt werden.

 

Wo siehst du das größte Problem im Alltag eines Arbeitnehmers mit ungesunder Lebensführung?

Die größten Feinde meiner Arbeit sind Zeitmangel und Stress. Meiner Meinung nach sind das selbstgeformte Probleme, denn ob ich Zeit für etwas habe, ist gekoppelt mit der Priorität, welche ich dieser Tätigkeit gebe. Stress ist subjektiv. Wenn es ein Unternehmen es schafft BGM zu leben, können die größten Krankmacher und Risiken in einem Betrieb beseitigt werden.

 

Du bist seit über vier Jahren selbstständig, studierst einen zweiten Studiengang, bist als Buch- und Zeitschriftenautorin tätig, hast diverse Trainerscheine und vor Kurzem geheiratet. Was könntest du uns über dein Zeitmanagement verraten?

Ich werde immer wieder gefragt, wie alt ich sei und wie ich das alles schaffe. Das ist eine gute Frage, die ich aber auch beim Schreiben meines Buches beantwortet habe: Ich brenne für das was ich tue. Haben Sie schon einmal ein spielendes Kind sagen hören es habe ein Burnout? Nein, sicher nicht. Es spielt, weil es für das Spielen brennt und nicht, weil es spielen muss. Viele Arbeitgeber sollten bei ihren Angestellten sehr genau hinhören, wofür sie brennen.

 

Fünf Fakten zum Thema Gesundheitsförderung in Unternehmen?

  1. Viele Unternehmen haben noch Nachholbedarf sowohl beim Informieren über BGM als auch bei der Umsetzung und sollten so langsam mit ersten Schritten starten.
  2. Die Gesetzeslage zum Arbeits- und Gesundheitsschutz wird immer konkreter.
  3. Digitale Umsetzungen im BGM werden zunehmend akzeptiert und finden Anklang im Mittelstand.
  4. Unternehmen mit BGM verlassen sich noch zu sehr auf die Angebote der GKV. Diese Unterstützung wird aber irgendwann weniger. Demnach sollten sich Betriebe um nachhaltige Strukturen bemühen.
  5. BGM wird digital – keine Frage. Die Vorteile sind immens, gerade für Unternehmen mit vielen Standorten und Mitarbeitern in Schichtarbeit und Homeoffice.

 

Welche Qualitätsmerkmale muss ein gutes BGM haben?

Strukturen und Prozesse, die eine hohe Qualität und Überprüfung möglich machen. Ein gutes Projektmanagement, zeitgemäße Kommunikationskanäle und Marketingstrategien. Führungskräfte, die als gute Vorbilder vorangehen.

 

Die Waage Privatleben und Arbeitsalltag halten – wie schafft man das?

Früher sprach man von der sogenannten Work-Life-Balance. Die Balance zwischen Beruf und Privatleben. Heute ist das aber nicht mehr so einfach zu trennen. Die ständige Erreichbarkeit und die Verschmelzung zwischen Arbeit und Freizeit z.B. beim Homeoffice, machen eine klare Trennung schwer oder unmöglich. Als digitale Gesundheitsmanagerin beschäftige ich mich auch mit den Themen des digitalen Arbeitsschutzes und den sogenannten Future Skills. BGM hat ein weiteres Aufgabenfeld dazubekommen, nämlich den Mitarbeiter auf die Digitalisierung vorzubereiten. Darunter zählt nicht nur der richtige Umgang mit digitalen Medien, sondern auch alles im digitalen Kontext zu Kommunikation, Soft Skills, Zeitmanagement und Unternehmensknigge.

 

Vielen Dank für das Interview!

Dieses Interview führte Michelle Dian.

Antonia Muriqi

Antonia Muriqi hat Teile des Betrieblichen Gesundheitsmanagements, Sportwissenschaften und Biologie studiert. Seit 2019 ist sie Geschäftsführerin von digitalhumanbalance. Zur Zeit beschäftigt sie sich intensiv mit der Implementierung digitaler Strukturen im BGM ihrer Kunden und arbeitet an einer erweiterten Version ihrer BGM-App.

Hier geht es zum Buch „Der digitale Ball – der Weg zu einer neuen Bewegungskultur“.

 

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