Vom Supermarkt bis zur Oper: Modelle der TU Berlin verweisen auf Ansteckungsraten in verschiedenen Räumen. Die Risiken, sich in geschlossenen Räumen anzustecken, variieren je nach Ort sehr stark.

Friseure zuerst öffnen, Schulen später?

Legt man Modellberechnungen der TU Berlin zu Ansteckungsrisiken durch Aerosole zugrunde, könnte eine Prioritätensetzung durchaus Sinn ergeben. Denn die Risiken, sich in geschlossenen Räumen anzustecken, variieren je nach Ort sehr stark. Die Forscher des Hermann-Rietschel-Instituts haben für verschiedene Innenräume – vom Theater über Supermarkt, Büro und Fitnessstudio bis zur Schule – einen „situationsbedingten“ Reproduktionswert, also Ansteckungswert, berechnet.

Nimmt man an, dass sich an jedem dieser Orte eine infizierte Person aufhält, ergibt sich also eine ganz unterschiedliche Anzahl an Personen, die der Infizierte dort – theoretisch – ansteckt. Je höher die Anzahl der potentiell Angesteckten, desto höher ist somit das Risiko, sich an diesem speziellen Ort aufzuhalten.

Beispiele: Bei einem Damenfriseur mit Maskenpflicht liegt dieser R-Wert laut TU Berlin bei 0,6 – in einem Klassenzimmer einer weiterführenden Schule mit Maskenpflicht, das zu 50 Prozent belegt ist, steckt hingegen ein Infizierter rund drei weitere Personen an (R-Wert von 2,9). Das niedrigste Infektionsrisiko verzeichnen nach diesen Modellen Theater, Opern und Museen, die zu 30 Prozent mit Maske tragenden Besuchern belegt sind: Der Wert beträgt 0,5.

Corona-Ansteckungsrisiko in Innenräumen

Ob man sich in geschlossenen Räumen ansteckt, hängt vor allem von der Dosis der potentiell infektiösen Aerosole ab, die man einatmet. Ein Faktor ist die „Quellstärke“, welche die Menge an Aerosolen, die eine Person im Durchschnitt in einer bestimmten Situation ausatmet, bemisst. En weiterer Faktor ist die „Atemaktivität“. Diese ist im Fitnessstudio anders als im Theater, sie verstärkt sich mit der körperlichen Aktivität.

Acht Stunden im Büro, eine Stunde im Supermarkt

Zugrunde gelegt wurden darüber hinaus die Aerosolkonzentration im Raum, basierend auf variierenden Lüftungskonzepten, sowie die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im jeweiligen Raum. Je länger man sich an einem Ort aufhält, desto mehr Aerosole atmet man ein. Für die Modelle hat man jeweils eine „nutzungstypische“ Dauer angenommen – acht Stunden im Büro, eine Stunde im Supermarkt. Hier gibt es wesentliche Unterschiede: „Im Supermarkt stecken sich halb so viele Personen an wie im Restaurant mit fünfzigprozentiger Belegung. Und im Großraumbüro werden achtmal mehr Personen als im Supermarkt infiziert, wenn dort keiner Maske trägt.“

Einfluß der Mutationen

Die große Unbekannte ist jedoch der Einfluss der Varianten von Sars-CoV-2 auf die Infektionsrisiken. Denn für die Modellberechnungen wurde das „herkömmliche“ Coronavirus zugrunde gelegt. Wenn es auch noch keine gesicherten Erkenntnisse gibt, so gelten die Varianten bislang zum Teil als weit infektiöser, da sie offenbar leichter an der Oberfläche der menschlichen Zellen anhaften können. Für eine Ansteckung braucht es dann vermutlich weniger Viren, da diese erfolgreicher bei ihrem Angriff auf die Zellen sind.

Was könnte somit die höhere Infektiosität für die Modelle bedeuten? Setzt man eine weite Verbreitung der Varianten voraus, stecken sich im Supermarkt, beim Friseur, in der Schule mehr Menschen an, als die Modelle berechnet haben.“ Man müsse also den R-Wert nach bisherigen Erkenntnissen um 0,3 bis 0,5 erhöhen.

Quelle: F.A.Z.

PDF zur Studie

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