Dr. Roy Kühne ist Mitglied des Bundestages. Er setzt sich in Berlin für eine kluge Wiedereröffnung von Fitness- und Gesundheitszentren ein.

[sh] Der Bundestagsabgeordnete Dr. Roy Kühne hat in den vergangenen Tagen an alle Regierungschefs der Länder und die jeweiligen zuständigen Minister und Senatoren ein gleichlautendes Schreiben zu ähnlichen Fragen gesendet. Das Schreiben ging ebenfalls an den Vorsitzenden des Parlamentskreises Mittelstand (PKM) der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Freiherr von Stetten. Darin geht er auf die Relevanz von Fitnesseinrichtungen ein. Darin heißt es zum Beispiel „… ein gezieltes und kluges Öffnen von Fitness- und Gesundheitszentren stellt kein höheres Risiko dar – im Vergleich zu Supermärkten, Baumärkten, Garten- und Blumenzentren. Auch hier wird durch ein gutes Management das Infektionsrisiko weitgehend minimiert.“ Wir haben bei Dr. Roy Kühne nachgefragt.

Wie ordnen Sie die aktuelle Situation der Fitnessbranche ein?

Die Situation ist sehr ernst: Deutschlandweit müssen Fitnessstudios, Sportzentren und Vereinsstätten schließen. Der Individual- und der Teamsport kann derzeit nur sehr eingeschränkt stattfinden. Das hat finanzielle Auswirkungen auf die Betreiber solcher Einrichtungen. Darüber hinaus ist sportliche Betätigung ein wichtiger Bestandteil von Gesundheitsförderung. Es ist schädlich für Körper und Geist, wenn diese Bemühungen gerade jetzt zum Erliegen kommen.

Wie ordnen Sie die Statements der Branche (Verbände) ein?

Mich erreichen eine Vielzahl an Anschreiben und Positionen. Trotz der verschiedenen Blickwinkel haben die allermeisten eine Gemeinsamkeit: wir brauchen wieder vergleichbare Zustände deutschlandweit. Wenn es für Friseure, Gartencenter und Baumärkte möglich sein kann, müssen auch Fitnesscenter und Sportstätten unter strikter Einhaltung der hygienischen Vorschriften die Möglichkeit haben, wieder zu öffnen. Das ist auch mein Appell an die Länder!

Was empfehlen Sie der Branche, um sich auf höchster politischen Ebene Gehör zu verschaffen?
Realitätsnah an einem Strang zu ziehen. Die Corona-Pandemie wird unseren Alltag noch eine ganze Zeit lang beeinflussen. Umso wichtiger ist es jetzt, keine Maximalforderungen oder Einzelinteressen in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr müssen wir schauen, welche Gemeininteressen wir voranbringen müssen, die im Sinne der Sporttreibenden und Anbietern liegen.

Im Positionspapier aus Hamburg ging es unter anderem darum den Vereinssport mit Schulsport gleichsetzen. Ist das sinnvoll?

Die Länder haben unterschiedliche Maßnahmen getroffen, die Wiedereröffnung der Schulen durchzusetzen. Sie müssen auch die entsprechenden Regelungen für den Schulsport treffen. Oberstes Ziel muss auch hier die Einhaltung der hygienischen Standards sein. Sicherlich sollten die Bereiche Schulsport, Vereinssport und Individualsport im Fitnesscenter, grundsätzlich getrennt betrachtet werden – eine wirkliche Vergleichbarkeit ist nicht immer gegeben.

Wie lautet ihr Standpunkt zur Wiedereröffnung von Fitness-Studios? Ist dies zügig möglich?

Ich sage: Ja. Die Studios sind sehr wohl in der Lage, Mindestabstände einzuhalten. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt einen Mindestabstand von 2 m bzw. von 4 m bei einer Geschwindigkeit von 5 km/h. Darauf aufbauend kann man eine großzügige Quadratmeterzahl von 10 Quadratmetern definieren. Die Kundenanzahl wäre also ein Sportler pro 10 Quadratmeter, dieser Abstand liegt weit über dem z.B. in Supermärkten üblichen. Setzen wir diese 10 Quadratmeter als guten Abstand ein, würde das bedeuten, dass bei Einhaltung aller genannten Maßnahmen ein Betrieb in einem Fitness- und Gesundheitscenter möglich sein sollte. Ergänzend sollte aber gesagt werden, dass auf ein kardiologisches Training (Laufband, Crossgerät, Stepper) weitgehend verzichtet werden sollte, da es auf Grund starker Erwärmung auch zu vermehrter Atemtätigkeit und damit der Gefahr des Abhustens kommen kann.

Ergänzend durch viele Möglichkeiten der Desinfektion und weiteren Abtrennungen /Absperrungen einzelner Trainingszonen bzw. einzelner Trainingsgeräte, können alle Anforderungen eingehalten werden. Weiterhin kann angeregt werden, dass es keine Kurse gibt, keine Getränke- oder Essensausgabe (Snacks, Drinks, etc.), Umziehen nicht stattfindet (der Sportler kommt und geht in Trainingskleidung), dementsprechend auch kein Duschen. Damit wird der Trainingsbetrieb auf das eigentliche gesundheitspolitische Ziel reduziert.

Was wäre aus Ihrer Sicht in Bezug auf Personal Training sinnvoll?

Kurse können, wie betont, abgesagt werden, wenn sie den gebotenen Regelungen nicht ausreichend Rechnung tragen können. Die individuelle 1:1-Betreuung kann bei ausreichender Fläche unter Einhaltung des Mindestabstands stattfinden. Das müssen die gegebenen Umstände der einzelnen Trainingsstätten zeigen. Auf kardiologisches Training sollte aus bereits genannten Gründen auch hier weitgehend verzichtet werden.

Auch Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga standen auf der Agenda. Wie ist hier der Status quo?

Die Deutsche Fußball Liga DFL hat dazu einen Fahrplan erstellt, Details sind mir aber nicht bekannt. Klar ist: alle Akteure müssen geschützt werden, das kann durch regelmäßige Testung der Spieler und Verantwortlichen vorangetrieben werden. Die Verantwortung fängt aber bei jedem Einzelnen an. Sollte der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden, dann auf jeden Fall unter strengsten Bedingungen und ohne Zuschauer. Gleichwohl täte die Ablenkung den Fans zu Hause gut – das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Wie sehen die nächsten Schritte der Sportministerien aus?

Das müssen Sie die Länder fragen, ich appelliere an ein geordnetes, gemeinsames Vorgehen. Anders lässt sich das Verständnis der Bevölkerung nicht erreichen.

Dann fragen wir mal die Länder. Vielen Dank für das Interview.

 

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