Am Wochenende referierten 30 Experten zu den Themen Sport, Rehabilitation und Fitness in Düsseldorf. Die LL-Redaktion war vor Ort. Zwei der Vorträge beschäftigten sich einerseits mit High Intensity Training und andererseits mit Verletzungen im Kraftsport. Diese haben wir für euch zusammengefasst.

Gesundheitliche Auswirkungen des hochintensiven Muskeltrainings

[jr] Sportwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Gießing ging vor allem auf die gesundheitsrelevanten Effekte des HIT ein und betonte die Wichtigkeit einer „langsamen, lupenreinen Übungsausführung, was er auch als perfekte Technik bezeichnete.“ Unter diese Effekte fällt zum Beispiel die Reduktion von Bluthochdruck und den damit verbundenen Herz-Kreislauferkrankungen. Durch HIT Training kann eine Erhöhung der Knochendichte beobachtet werden, was der Entstehung einer Osteoporose-Erkrankung entgegenwirkt. Der Grundumsatz wird erhöht, dementsprechend wird Adipositas entgegengewirkt. Interessanterweise kommt es auch zu einer Insulinsensibilität, wodurch Diabetiker weniger bis hin zu gar keinem Insulin mehr zuführen müssen. Auch der altersbedingten Sarkopenie wird deutlich entgegengewirkt.
Überdies hinaus erhöht HIT die Myokinproduktion. Hierbei ist eine direkte Korrelation von Myokinausschüttung und Trainingsintensität zu beobachten.

Positive Effekte der Myokine

  • Osteoporose wird vorgebeugt
  • Brustkrebs- und Darmkrebsrisiko sinkt
  • Verstärkte Lipolyse
  • Verbesserte Glukose-Aufnahme
  • Verbesserte Gedächtnisleistung

Ein typisches HIT-Programm

  • 8-12 Übungen pro Trainingseinheit
  • 2-3 x pro Woche
  • 1 Satz pro Übung
  • Jeweils bis zur lokalen Muskelerschöpfung
  • 60 bis 120 Sekunden TUT
  • Moderate Gewichte (ca. -10%)

Verletzungen und Überlastungsschäden im Kraftsport

Sportorthopäde Dr. med. Mathias Ritsch referierte über Verletzungen im Kraftsport und lieferte dazu beeindruckende Zahlen:

Bodybuilding:  0,24-1 Verletzungen/1000h

Powerlifting:  1,0-4,4 Verletzungen/1000h

CrossFit:  2,1-2,3 Verletzungen/1000h

Gewichtheben:  2,4-4,3 Verletzungen/1000h

Strongman:  4,5-6,1 Verletzungen/1000h

Highland Games:  7,5 Verletzungen/1000h

Bei dieser Datenlage handelt es sich bei 2/3 der Verletzungen um Weichteilverletzungen; 2/3 betreffen die obere Extremität. Der Orthopäde verwies weiterhin darauf, dass es  sich um Tendopathien, Muskel- und Sehnenverletzungen handele. Die Ursachen für Verletzungen sind dabei multifaktoriell.

  • Alter, Geschlecht
  • Lokale Anatomie und Biomechanik
  • Körperform, aerobe Fitness
  • Muskelkraft, Imbalance und Körperspannung
  • Band Laxizität
  • Generelle motorische Fähigkeiten
  • Psychologische/ psychosoziale Faktoren
  • Mentale Stärke

Typische Verletzungen im Kraftsport

Mathias Ritsch ging im Speziellen auf die verschiedenen Verletzungen ein. Dabei zog er ein Fazit: „Ihr seid jung, ihr seid männlich – lasst das Bankdrücken sein!“.  Folgende Übungen sind mit den höchsten Verletzungsraten assoziiert.

  • Bankdrücken: Muskel- und Sehnenrisse besonders der oberen Extremität, wie Pectoralis major Ruptur, atraumatische Osteolyse der distalen Clavicula (AODC), Omarthrose, RM Ruptur und Tricepsruptur, ACG-Überlastungen, Discus-Schädigung, ACG-Arthrose
  • Kniebeuge: LWS, Quadrizeps, Adduktoren, Patellasehne
  • Kreuzheben: LWS/BWS, distaler Bizeps, Handflächen beim
  • Nackendrücken, Überzüge, Latissimus-Ziehen, Butterfly: Impingement intraartikulär / postsuperior

Fehldiagnose

Laut Dr. med. Ritsch sind über 50% der Fälle primär fehl diagnostiziert. Deshalb verweist er auf die zwei Schlagworte: Sehen und Hören. Als Trainer bzw. Therapeut muss man genau hinsehen, wenn ein Sportler kommt und sagt, er habe sich verletzt. Allein durch richtiges hinsehen könnten viele Fehldiagnosen vermieden werden. Zudem kommt das genaue Nachfragen beim Trainierenden, wie genau er sich die Verletzung zugezogen hat. Dies lässt eindeutige Rückschlüsse auf die Art der Verletzung zu. Dr. Ritsch fasste diese simple aber doch effiziente Herangehensweise unter dem Schlagsatz „Back to the patient“ zusammen.

Bei der Heilung von Muskulatur ist zu beachten, dass das sogenannte Remodelling nach 14 bis 21 Tagen erfolgt. Das Remodelling und die Reifungsphase bei Sehnenverletzungen kann ab der 4. Woche erfolgen, jedoch bis zu 2, 6 oder gar 12 Monaten andauern. Selbst nach 6 Monaten ist nur circa 81% wieder voll belastbar.

Auch wies Dr. Ritsch auf das enge Zeitfenster zur optimalen Versorgung hin. Bei Verletzungen der Rotatorenmanschette, des Pectoralis, des Latissimus, der langen Bizepssehne, des Triceps sowie des distalen Biceps sollte eine Operation innerhalb von zwei Wochen erfolgen, um eine synoviale Auskleidung zu verhindern.

Zudem können bei einem verlängerten Zeitrahmen folgende Schwierigkeiten auftreten:

  • Große Hämatome
  • Sekundäre Rekonstruktion
  • Nervenschäden
  • Post OP Hämatome
  • Infekt/ Thrombose/ Ossifikationen
  • Kosmetisches Ergebnis
  • Passagere Bewegungseinschränkung

 

Insgesamt waren beim IST Fitnesswissenschaftskongress etwa 300 Teilnehmer vor Ort. Während des Kongresses brachten die Experten immer wieder zur Sprache, wie ausschlaggebend die korrekte Ausführung des Training und eine professionelle Anleitung ist. Damit können einerseits Verletzungen vorgebeugt und andererseits die Trainingsziele überhaupt erst erreicht werden. Ohne standardisierte Qualifikationen im Trainerberuf ist dies nicht möglich. Kongresspräsident Prof. Dr. Stephan Geisler äußerte sich zu Trainingszertifikaten in Fitnessstudios auch in einem Fernsehbeitrag. Darin geht er auf die Relevanz von zertifizierten Trainern ein.