Die Existenz vieler Studios steht auf dem Spiel, da sie bundesweit schließen müssen. Was bedeutet das für Arbeitnehmer? Unsere Expertin gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

[jr] Fitnessstudios leiden nicht nur unter der aktuellen auferlegten Schließung der Betriebe, auch die Zahl der Neukunden erreicht ein Rekordtief. Der Softwaredienstleister Sport Alliance wertete die aktuellen Daten aus und kommt zu einem schockierenden Ergebnis. Untersucht wurden die täglichen Check-ins und Vertragsabschlüsse von 1.878 Fitnessstudios

Fitnessbranche kollabiert

„Das Coronavirus hat verheerende Folgen für die gesamte Fitnessbranche. Einzelstudiobetreiber müssen zum Teil mit erheblichen Umsatzeinbußen rechnen und geraten dadurch an ihr Existenzminimum“, so Daniel Hanelt, Geschäftsführer der Sport Alliance. Die Fitnessbranche kollabiert.
Am 16. März 2020 gab es laut der offiziellen Analyse 70 Prozent weniger Studiobesucher im Vergleich zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Auch die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge geht massiv zurück. Es wurden 64 Prozent weniger Mitgliedschaften abgeschlossen.

Keine finanziellen Rücklagen

Da die Fitnessbranche im Gegensatz zu vielen anderen nicht über große finanzielle Rücklagen verfügt richtet Hanelt eine dringliche Bitte an alle Mitglieder: „Die Fitnessbranche hat keine großen Finanzpolster. Hier stehen Betriebe vor ihrem Aus, wenn ihnen nicht geholfen wird. Wir appellieren deshalb an alle Studio- und Vereinsmitglieder, auch weiterhin ihre Beiträge zur Unterstützung ihrer Sportstätten zu leisten. Darüber hinaus hoffe ich sehr, dass die vom Staat versprochenen Finanzhilfen schnell und unkompliziert kleine Betriebe erreichen“, so Hanelt abschließend.

Expertenrat

Wir haben ein Interview mit der Expertin Julia Ruch zu diesem Thema geführt. Sie ist Rechtsanwältin und aktive Triathletin. Sie hat eine eigene Kanzlei in Ulm, die sich auf Rechtsfragen im Sport- und Fitnessbereich spezialisiert hat.

Darf Personal Training beim Kunden zuhause oder im Freien grundsätzlich noch durchgeführt werden?

Maßgeblich sind die Allgemeinverfügungen der Länder, Städte und Gemeinden sowie die sogenannten Positivlisten für „Handwerk und Dienstleistungen“. Bayern hat den Katastrophenfall ausgerufen, aber in der sogenannten Positivliste sind Handwerker und Dienstleister aufgeführt, die weiter arbeiten dürfen und da ist Personal Training bei Einzelstunden als möglich aufgeführt. Das ist aus juristischer Sicht absolut inkonsequent, dann müssten auch Einzelhändler „private shopping“ anbieten dürfen und alle 20 Minuten mit Kunden einen Einzeltermin im Laden vereinbaren . Es widerspricht Sinn und Zweck der Verfügung, dass soziale Kontakte vermieden werden und die Leute zu Hause bleiben sollen.

Auch andere Länder haben wohl diese Listen, nur nicht öffentlich zugänglich. Tipp: bei IHK und HWK nachfragen.

Wenn Training stattfinden darf, dann wo?

Aus juristischer Sicht und im Hinblick auf die Sozialverantwortung des Einzelnen  ist davon abzuraten, wenn es nicht ausdrücklich irgendwo als erlaubt gekennzeichnet ist (sog. Positivlisten)

In Bayern wurde jetzt die Ausgangsbeschränkung verschärft (es ist kein Personaltraining mehr erlaubt). Was wenn bundesweit eine Ausgangssperre verhängt wird?

Das kommt auf die Ausnahmen an, die in der Ausgangssperre genannt werden. Ich empfehle so oder so: Besser so schnell wie möglich auf Online-Kurse umsteigen.

Man las auf diversen Webseiten: Kunden sollen im Falle einer Ansteckung Schadensansprüche gegenüber dem Trainer geltend machen können. Wie realistisch sind solche Forderungen tatsächlich? Die Beweisfindung gestaltet sich da wohl etwas schwierig.

Es gibt keine eigenständige Haftung für Corona-Virus. Die rechtliche Beurteilung erfolgt nach den üblichen Standards. Man braucht also eine sogenannte Anspruchsgrundlage, das heißt einen Paragraphen, wo drin steht, dass man haften muss. Die Forderungen gibt es, sie setzen aber einen Schaden voraus und teilweise auch ein Verschulden. Der Kunde müsste also erstmal beweisen, dass er sich bei diesem konkreten Training angesteckt hat. Der Anwalt würde dann ein Mitverschulden des Kunden prüfen: z.B. ob er schon ein vorbelastetes Immunsystem hatte, ob er alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten hat … das würde der Kunde nur schwer nachweisen können. Eine Haftung ist daher nicht anzunehmen.

Habe ich als selbstständiger PT Anspruch auf Entschädigung durch meinen Verdienstausfall aufgrund des Tätigkeitsverlusts oder der auferlegten Quarantäne?

Bei angeordneter Quarantäne und einem Berufsverbot nach § 65 Infektionsschutzgesetz ja, aber nicht aufgrund des Verbots von Trainingskursen gemäß den Verfügungen der Länder/ Gemeinden.

Wie ist der Sachverhalt wenn ich mit einem Unternehmen einen Vertrag für betriebliches Gesundheitsmanagement habe und die Firma hat nun geschlossen bzw. die Mitarbeiter sind im Homeoffice?

Geschlossene Verträge müssen eingehalten werden. Man muss jedoch danach unterscheiden, ob konkrete Termine bereits vereinbart waren, dann müssen diese bezahlt werden, auch wenn die Leistung nicht abgerufen wird. Anders wenn nur ein Zeitraum vereinbart war. Da gilt dann, wenn keine Gegenleistung erbracht wird, muss auch nicht bezahlt werden. Meine Empfehlung: Online-Kurse anbieten oder mit Kunden vereinbaren, dass für ein bis zwei Monate ausgesetzt wird, die an die Vertragslaufzeit angehängt werden.

Kann ich Entschädigungsansprüche gegenüber der Bundesregierung geltend machen?

Schwierig. Der Anspruch würde sich auch nicht gegen die Bundesregierung sondern gegen die Behörde richten, die die schädigende Maßnahme erlassen hat. Das Infektionsschutzgesetz ist dafür da punktuelle Schäden auszugleichen, z.B. bei Lebensmittelvernichtungen wegen Salmonellen, und ist nicht als gesamtgesellschaftliche Schadensversicherung im Pandemiefall wie bei Corona gedacht, ein Schadensersatz wegen den Schließungsverfügungen ist daher eher unwahrscheinlich. Ein Schadensersatzanspruch  im  Zusammenhang  mit  einem eventuell rechtswidrigen Verbot von Sporteinrichtung (= Amtshaftung), würde bestehen, wenn Gerichte später feststellen, dass die Maßnahmen der Länder und Gemeinden unverhältnismäßig wären. Ein Anspruch aus Amtshaftung ist daher auch eher unwahrscheinlich. Andere rechtliche Möglichkeiten gibt es aktuell nicht.

Welche Sofortmaßnahmen kann ich als Selbständiger in Anspruch nehmen? Welche langfristige finanzielle Hilfe kann ich in Anspruch nehmen? Welche Bundesländer bieten das an? 

Die Grundzüge des Hilfspakets sollen am Montag vom Bundestag beschlossen werden. Rund die Hälfte der Bundesländer haben Soforthilfen angekündigt.
Aktuell ist bisher nur Bayern konkret geworden:

Bei bis zu fünf Erwerbstätigen betragen die nicht zurückzuzahlenden Zuschüsse 5000 Euro, bis zu 10 Erwerbstätige 7500 Euro, bis zu 50 Erwerbstätige 15.000 Euro und bis zu 250 Erwerbstätige 30.000 Euro.

Wie komme ich an diese ran?

Der Antrag muss an die zuständigen Bewilligungsbehörden, in Bayern: Landeshauptstadt München und ansonsten sind es die Bezirksregierungen gestellt werden. In anderen Ländern sind oftmals die Wirtschaftsministerien zuständig.

Was gibt es sonst für Möglichkeiten?

Günstige Kredite, Erleichterungen bei der Steuer und erweiterte Fristen im Insolvenzrecht sind Möglichkeiten.

Gibt es steuerliche Maßnahmen und was bringen mir diese?

Dazu wäre es sinnvoll den eigenen Steuerberater zu kontaktieren. Pauschale Aussagen sind schwer zu treffen.

Was bedeutet es für angestellte Trainer, wenn sie vom Arbeitgeber in Kurzarbeit geschickt werden?

Die Höhe des Kurzarbeitergeldes berechnet  sich nach dem Nettoentgeltausfall. Die Kurzarbeitenden erhalten grundsätzlich 60% des ausgefallenen pauschalierten Nettoentgelts und 67%, wenn der Arbeitnehmer mit mindestens einem Kind in einem Haushalt lebt.

Wenn der Lohn bei Kurzarbeit nicht reicht – kann ich dann bei einer Behörde Zuschüsse beantragen?

Hilfsbedürftige Selbstständige haben auch Anspruch auf ALG II. Hierzu sollten sich Betroffene mit dem entsprechenden Sachbearbeiter der örtlichen Agentur für Arbeit & Co. in Verbindung setzen.

Kann unbezahlter Urlaub von meinem Arbeitgeber angeordnet werden? Kann er mich dazu zwingen?

Unbezahlter Urlaub kann nicht angeordnet werden. Bezahlter Urlaub jedoch schon, wenn dringende betriebliche Belange wie Auftragswegfall mit Entgeltverlust gegeben sind , also keine Kunden wegen Verbot des Kurses anwesend sind – aber es darf nicht der komplette Jahresurlaub herangezogen werden.

Was passiert, wenn sich die Krise langfristig zeitlich ausweitet – könnte ich dann außerordentlich gekündigt werden?

Außerordentliche, also fristlose Kündigung nein. Kündigungsfristen müssen eigehalten werden, aber betriebsbedingte Kündigungen sind möglich.

Was raten Sie Selbstständigen und Angestellten grundsätzlich? Gibt es Möglichkeiten schon proaktiv Vorkehrungen zu treffen?

Ich rate jedem auf Onlineangebote umzusteigen. Wichtig ist auch, auf die Kunden zuzugehen und diese aktiv einzubinden. Vielleicht kann man seine Kunden dazu auffordern ihre beste Bauchmuskelübung zu schicken, Trainer könnten diese präsentieren und eine Trainingsstunde verlosen für die Zeit danach. Man sollte auch die Miet-, Dienst- und Versicherungsverträge prüfen, ob Minderungsmöglichkeiten. Wichtig ist es die Augen und Ohren offen zu halten, welches Hilfsprogramm für einen passt und dann mit der Bank, dem Steuerberater oder Sachbearbeiter der örtlichen Agentur für Arbeit & Co. in Verbindung setzen.

Was raten Sie Unternehmen und Vereinen grundsätzlich? Gibt es Möglichkeiten schon proaktiv Vorkehrungen zu treffen?

Ich rate den Sportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen einstellen und nicht zulassen. Private Belange der Mitglieder sind nicht betroffen, man kann sich treffen, aber meine Empfehlung an Vereine: informieren sie ihre Mitglieder, dass ab drei Personen keine Vereinskleidung mehr getragen werden soll, da ansonsten Verein als Veranstalter angesehen werden könnte und  Bußgelder drohen.

Zudem empfehle ich Online-Kurse und Seminare anbieten, sich endlich mal Zeit zu nehmen, sich um Datenschutz zu kümmern und Abteilungsleiter im Onlineseminar dazu zu schulen.

 

 

 

Das könnte dich auch interessieren:  Der Corona-Virus: Auswirkungen auf den Sport

Corona in der Fitnessbranche

SHV: „Unklarheiten gefährden die therapeutische Patientenversorgung und die Therapeuten vor Ort“

Neueste Erkenntnisse der Epidemiologie von Covid-19 bei Kindern

Linksammlung für Selbstständige von Bund und Ländern

 

 

Quelle: Presseportal