Krunoslav Banovcic referierte am 1.2. über die verschiedenen Perspektiven im Profifußball zwischen Coaches und Sportwissenschaftler und darüber, wie ein systematischer Aufbau der Fitness im Profifußball sinnvoll ist.

Perspektivenwechsel

Zum Einstieg differenzierte er -wie er sagte „philosophisch angehaucht“- zwischen zwei unterschiedlichen Betrachtungsweisen, welche von unterschiedlichen Startpunkten ausgehen.Die eine Betrachtungsweise geht vom Körper als Startpunkt aus und setzt damit zum Beispiel das Training von Energiesystemen ins Zentrum. Diese ist in insbesondere in der Welt der Sportwissenschaft Standard. Die andere Betrachtungsweise geht vom Spiel selbst aus, und wird überwiegend von Trainern als Perspektive favorisiert.

Beide Perspektiven decken in ihrer Gesamtheit das gesamte Spektrum ab, haben aber unterschiedliche Startpunkte und verwenden oft auch unterschiedliche Terminologien. Dies führt zu Mißkommunikationen. Banovcic sagt, lange wurde versucht, den Coaches die sportwissenschaftliche Sprache näher zu bringen. Man könnte allerdings als Sportwissenschaftler auch versuchen eine trainerspezifische Sprache anzuwenden.

Hier setzt sein Vortrag an. Welcher mit der Erläuterung der Fußball-Aktions-Theorie beginnt.

Fußball-Aktions-Theorie

Eine Fußball-Aktion besteht aus drei Punkten:

1.     Kommunikation

Das beschreibt wie der Spieler mit seinen Mitspielern kommuniziert bevor überhaupt eine Aktion stattfindet. Wenn beispielsweise der Gegenspieler mit anläuft, kommuniziert er „ich attackiere dich“, wenn der Mitspieler sich offen in einer Lücke anbietet, dann kommuniziert dieser „spiel mich an“.

2.     Entscheidung

Auf Grundlage dieser Kommunikation und den dadurch erhaltenden Informationen, trifft der Spieler eine Entscheidung. Hier wählt er aus verschiedenen Optionen aus. Zum Beispiel, den offenen Spieler tatsächlich anzuspielen oder doch selbst ins Dribbling zu gehen.

3.     Ausführung

Erst dann kommt es zu einer Handlung, bzw. zur Ausführung der getroffenen Entscheidung.

Diese drei Punkte bilden eine Fußball-Aktion. Von diesem Blickpunkt aus betrachtet, besteht ein Spiel daher aus einer Aneinanderreihung von Fußball-Aktionen. Dadurch ergeben sich vier Fitness-Charakteristika, welche es zu betrachten und ggf zu trainieren gilt:

1.     Qualität der Aktionen steigern

2.     Quantität der Aktionen steigern

3.     Quantität halten

4.     Qualität halten

Wie kann das trainiert werden?

Fußballaktion

Möchte man die Qualität im Pressing verbessern, muss neben der Ausführung der Pressingaktion, ebenfalls die Kommunikations- und Entscheidungskompetenz berücksichtigt werden. Die Methodik dafür könnte das Training maximaler Aktionen sein mit langen Pausen, um sicherzustellen das jede Aktion mit maximal möglicher Qualität stattfindet.

Möchte man beispielsweise die Quantität verbessern, geht es darum die Erholungsphase zwischen Aktionen zu verkürzen. Dies kann im Training durch Spielformen passieren, in denen die Spieler gezwungen sind, mehr Aktionen pro Minute durchzuführen als im Wettkampfspiel 11 versus 11 selbst. Hier könnten daher kleine Spielformen wie 4 versus 4 als Trainingsmittel eingesetzt werden, um das angestrebte Fitnessziel „bessere Quantität, sprich mehr Aktionen pro Minute“ zu erreichen.

Geht es jedoch weniger um die Quantität an sich, sondern den Erhalt der Quantität, sind Spielformen, welche länger dauern, das Mittel der Wahl. Hier bieten sich in der Fußball-Praxis eher größere Spielformen an, wie zum Beispiel ein 8 versus 8 bis 11versus 11.

Die gleichen genannten Fitness Charakteristika sind jedoch nicht nur durch Fußballtrainings- und Spielformen trainierbar. Auch isoliert ist dies möglich.

Basisaktion

Beim Beispiel der Fußball Aktion Pressing besteht die Ausführungskomponente aus den Basisaktionen Sprinten und Stoppen. Diese beiden Aktionen können dann isoliert trainiert werden, unter der Berücksichtigung das ohne die Kommunikation und Entscheidung nur eine Teilkomponente angesteuert wird. Dies kann dennoch Sinn machen, wenn beispielsweise aus medizinischen Gründen der Spieler keine Zweikämpfe absolvieren darf.

Basisbewegungen

Weiter in die Tiefe blickend, bestehen Basisaktionen aus verschiedenen Basisbewegungen. Bleibt man beim Beispiel Pressing, und nimmt davon die Basisakktion Sprint, dann wären das Beugen und Strecken der Hüft und Beinmuskulatur zu nennen, was zum Beispiel im Kraftraum isoliert trainiert werden kann.

Somit bleiben auch isolierte Formen in der Kommunikation im Trainierteam im Kontext des Spiels.

Systematischen Aufbau

Damit schließt der Block „kontextabhängige Fitness“ und Banovcic leitet zum systematischen Aufbau eines Trainings über. Die Grafik des VBG aus dem Jahre 2016 zeigt, dass im Januar und Juli der Fußballsaison ein Peak bei Verletzungen ist (1). Das legt die Vermutung nahe, dass der Einstieg in der Vorbereitung mit hoher Intensität und gleichzeitig hohem Umfang eine Ursache sein könnte.

Stattdessen sollte die Leistung des Sportlers sukzessive aufgebaut werden. Hierfür können einfache objektive Trainingsprinzipien eine Orientierung geben:

  1.             Trainingswirksamer Reiz
  2.             Belastung & Erholung
  3.             Progressive Belastungssteigerung

Ausgehend von diesen grundlegenden Prinzipien, kann dann sowohl das Training auf Team- und individueller Ebene geplant werden.

SH

Ein Beispiel hierfür könnte in der Vorbereitung die progressive Steigerung des Teamtrainings sein. Das ist über den Umfang sind somit über eine sukzessive Steigerung von Spiel und Trainingsminuten möglich. Eine Erhöhung der Intensität, beispielsweise von großen zu kleinen Spielformen ist auch denkbar.

Ebenso in diesem Rahmen ist auch die individuelle Planung zu berücksichtigen. Spieler nach Verletzungen oder sehr junge Spieler könnten daher unterschiedliche Planungen bekommen, angepasst an ihren individuellen Leistungszustand.

Neben der Planung, kommt der Trainingssteuerung ebenfalls eine hohe Bedeutung zu. Hierbei geht es insbesondere darum, die Planung an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen und ggf. nachzujustieren.

Im Profifußball wird insbesondere der Parameter „Acute-chronic-workload ratio“ als Tool für die Steuerung der Belastung genutzt. Hierbei wird die aktuelle Belastung ins Verhältnis x mit der durchschnittlichen Belastung des letzten Wochen gesetzt. Hierzu zeigt insbesondere die Forschergruppe aus Australien um Tim Gabbett Zusammenhänge dieses Parameters mit der Verletzungshäufigkeit. Die Wissenschaft zeigt hier einen starken Anstieg der Verletzungen, wenn die Belastung akut um über 50% höher ist als der Schnitt der letzten Wochen. Somit wird der Parameter in der Praxis genutzt, um große Belastungssprünge zu kontrollieren.

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Trainingsplan

Im Publikum wird im Anschluss die Frage gestellt, wie eine idealer Trainingsplan für die Woche im Profifußball aussieht. Laut Banovcic ist dies in der Praxis von vielen Faktoren wie etwa dem Spieltag abhängig.

In der Theorie stellt er unter der Annahme, dass jeweils samstags ein Spiel ist, folgende Möglichkeit eines Wochenplanes dar:

 

Über den Referenten: Krunoslav Banovcic ist Fitnesstrainer beim DFB und referierte am 1.2. 2020 auf dem ARTZT Symposium in Montabaur.

 

 

Quelle:

1. VGB Verletzungsbericht 2016

2.Gabbett TJ. 2013. Chronic Workload Ratio and likelihood of subsequent injury published in 2016 on the British Journal of Sports Medicine.