Nico Broegger ist Athletiktrainer, Inhaber der Athletik Stube in München und ernährt sich seit einigen Jahren vegan. Nicht nur, dass der 30-Jährige erkannt hat, wie fehlgesteuert und wenig bewusst unsere heutige Gesellschaft isst, er ist auch der festen Überzeugung, dass es bei einer veganen Ernährung an nichts mangelt – weder in der grundsätzlichen Versorgung noch in Bezug auf intensiven Sport. Aber auch die positiven ethischen Aspekte des Veganismus im Hinblick auf die teils abscheuliche Tierhaltung waren für ihn Grund genug, umzudenken.

Nico, seit wann bist du Veganer und was waren deine konkreten Beweggründe für eine vegane Ernährung?

Ich bin seit fast fünf Jahren vegan. Für mich war das aber ein schleichender Prozess. In der ersten Zeit habe ich mich flexitarisch ernährt, das heißt, ich habe nur noch vereinzelt und selten Fleisch aus qualitativ hochwertigen und ökologischen Bezugsquellen konsumiert und bin dann über eine vegetarische Ernährung immer mehr zur veganen Ernährung gekommen. Es war also ein eher schleichender Prozess. Natürlich habe ich mich immer mehr mit dem Thema befasst und habe step by step, auch durch mein Psychologiestudium, immer mehr den Zusammenhang Körper – Geist – Ernährung verinnerlicht, und so kam der Stein ins Rollen. Auch vegane Vorreiter und Aktivisten wie Garry Yourofsky haben mich letztendlich überzeugt, dass die allgemeine Ernährungsweise nicht mehr zeitgemäß ist und dass Pute, Reis und Brokkoli nicht das Optimale sind, um Muskeln zu bekommen. Ich bin durchaus sehr omnivor, ja sogar sehr karnivor groß geworden und habe das aber nie hinterfragt. Ich war aber schon immer sehr tierlieb und habe irgendwann realisiert, wie sehr ich mit der heutigen Tiermassenhaltung nicht mehr konform gehe und sie verachte. Und gerade diesen inneren Konflikt, auf der einen Seite das gleiche Tier süß zu finden und es auf der anderen Seite zu schlachten und zu essen, können wir Menschen sehr gut verdrängen.

Hast du mit der Umstellung auf die vegane Ernährungsweise deutliche körperliche oder gesundheitliche Veränderungen festgestellt?

Ja, habe ich – beziehungsweise: ja und nein. Viele berichten ja von ganz krassen Umstellungen; bei mir war es eher sanft. Ich hatte früher regelmäßig unbegründete schlimme Kopfschmerzattacken, die kamen dann nie wieder. Die Frage ist aber sehr schwer zu beantworten, da mir hier die Kausalität fehlt. Ich war ja vorher schon ein gesund lebender und Sport treibender Mensch, von daher änderte sich an meinem subjektiven Wohlbefinden nicht viel. Jedoch hatte ich früher wirklich sehr schlechte Haut mit viel Akne – und zwar, bis ich 24, 25 Jahre alt war, auch noch im vegetarischen Übergang. Mit dem Beginn meiner veganen Ernährung und somit dem Verzicht auf Milch hatte ich ein halbes Jahr später keine Pickel mehr. Das ist aber auch ein bekannter Zusammenhang, den viele kennen, aber nicht wahrhaben wollen. Aber ungeachtet der Wissenschaft, die das bestätigt, und wenn man seinen gesunden Menschenverstand einschaltet, ist es eigentlich klar, dass wir uns als Erwachsene nicht von der Muttermilch eines anderen Lebewesens bedienen sollten.

Was sind deine größten Kritikpunkte an der heutigen Ernährung beziehungsweise wo liegen die größten Fehler in Bezug auf die Gesundheit und was könnte man besser machen?

Ich halte es für sehr wichtig, innezuhalten, bevor man isst, und sich zu überlegen: „Will ich so sein wie das, was ich da esse?“ Und das ist mein größter Kritikpunkt – dass die Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr mit Bewusstsein und Achtsamkeit handeln und essen und sich nicht überlegen, woher kommt das, was da auf meinem Teller liegt, und auch nicht in der Lage sind, mal hinten auf der Verpackung zu lesen, was denn drin ist, nämlich versteckte Zucker, Zusatzstoffe und so weiter. Letztendlich bietet die Lebensmittelindustrie aber ja nur das an, was nachgefragt wird. Und diesbezüglich die Tendenz, sehr schnell sehr viel zu essen und sich eben nicht zu überlegen, was es mit mir macht, ist mein größter Kritikpunkt. Letztendlich leben wir in einer Überflussgesellschaft und es sind ja auch alles Überflusskrankheiten, die uns im höheren oder sogar schon mittleren Alter dahinraffen. Zu viel Zucker, zu viel Fleisch, zu viele Milchprodukte und zu wenig Obst und Gemüse – also schlussfolgernd: zu wenig pflanzlich. Die Wissenschaft behauptet ja nicht per se, dass ein Veganer gesünder ist als ein Omnivore. Aber was sie bestätigt, ist, dass je höher der pflanzliche Konsum ist, die Menschen schneller gesünder werden und bleiben, einfach weil sie dann mehr und mehr auf das oben genannte verzichten. Das heißt, eine zu 80 Prozent pflanzliche Ernährung und nur hin und wieder Fleischkonsum verbessert die Gesundheit schon immens. Auch vegan kann man viel Blödsinn essen. Es geht also auch um die Ausgewogenheit und die starke Reduzierung oder den Verzicht von Inhalten wie Zucker, Fleisch und Milch. Ganz ehrlich sage ich aber auch, dass es für mich okay ist, wenn jemand absolut nicht auf Fleisch verzichten kann, diesen Konsum dann aber reduzieren und bezüglich der Beschaffung hinterfragen und ändern sollte. Eine Zukunft wird aber auch sogenanntes In-vitro-Fleisch sein, welches synthetisch hergestellt wird – da ist schon vieles möglich. Letztendlich kein Ansatz, um die Welt, aber um viele Tiere zu retten und vor allen Dingen die Umwelt zu schonen und Kosten zu sparen. Das muss meiner Meinung nach die Zukunft der Fleischesser sein. Mein letzter Kritikpunkt ist noch, dass einfach auch zu wenig bewusst mit Zeit und Spaß gekocht wird. Das würde schon das Bewusstsein für die Inhalte stark beeinflussen.

Was sind innerhalb deiner veganen Ernährung deine Hauptbezugsquellen für die verschiedenen Nährstoffe, was bevorzugst du?

Ich gliedere das sehr gerne in Hauptgruppen von Lebensmitteln. Meine Basis ist sicherlich zum einen Getreide, und hier auch sehr mineralienhaltige Pseudogetreide wie Hirse und Quinoa. Auch versuche ich, viel altes Getreide wie Dinkel und Grünkern zu essen. Aber auch Weizen, solange er nicht zu hoch verarbeitet ist, schreckt mich jetzt nicht ab. Wichtig für mich ist aber hauptsächlich, das volle Korn zu mir zu nehmen. Gleich an zweiter Stelle kommen für mich Hülsenfrüchte: Die sind ein Dreh- und Angelpunkt. Lässt man diese in der veganen Ernährung weg, ist es ungleich schwieriger, an bestimmte Proteine und Mineralien zu kommen. Sie sind also ein sehr gesunder und gehaltvoller Beitrag. Zu nennen sind hier Linsen, Bohnen, Kichererbsen und Erbsen. Auch Soja und Tofu, aber diese sind nicht meine Hauptquelle. Wichtig bei Hülsenfrüchten ist die Zubereitung, dann sind sie sehr lecker und auch bekömmlich. Auch Obst und Gemüse sind sehr wichtige Lieferanten für Proteine und Ballaststoffe, wobei das Gemüse hier ungleich mehr gegessen werden sollte: bis zu sechs Anteile Gemüse zu circa 130 Gramm am Tag zu zwei Anteilen Obst in der gleichen Menge. Hier muss man anmerken, dass über 90 Prozent der Menschen diese Mengen an Gemüse pro Tag nicht schaffen. Gemüse kann dabei roh, gekocht, aus dem Ofen oder als Smoothie verzehrt werden. Gemüse roh ist zudem der perfekte Snack für unterwegs, ein Top-Kalorien- und Wasserlieferant und sehr gesund für den Darm. Zudem liefern Gemüsesorten wie Avocado oder Artischocken auch sehr viele gute Fettsäuren. Obst ist dabei nicht ganz so wichtig wie Gemüse und die empfohlene Menge an Obst wird auch von vielen gut erreicht. Bei Obst ernähre ich mich hauptsächlich von allen Arten an Beeren, die einfach wegen ihrer sekundären Pflanzenstoffe sehr gesund sind und weniger Fruchtzucker haben. Banane, Apfel und Co. sind aber auch völlig in Ordnung und runden die Obstpalette gut ab. Wir sind einfach schon immer mehr Sammler von Obst und Gemüse als Reißtiere und Jäger gewesen.

Zu guter Letzt sind Nüsse und Samen ein ganz wichtiger Ernährungsfaktor in der veganen Ernährung. Gerade auch in Bezug auf Omega-3-Fettsäuren oder wegen ihrem hohen Proteingehalt sind sie sehr wichtig. Hier sind ganz vorne Leinsamen und Hanfsamen zu nennen – aber auch Sesam und Kürbiskerne sind bezüglich ihres hohen Eisengehalts bedeutsam. Nüsse und Samen sind neben Proteinen und guten Fettsäuren, ein Top-Lieferant für Ballaststoffe.

Wie verhalten sich vegane Ernährung und intensiver Sport zusammen?

Hier verweise ich immer sehr gerne auf Patrik Baboumian, der als Veganer 2011 Deutschlands „Strongest Man“ wurde. Meines Wissenstands ernährt er sich viel von Shakes, Hülsenfrüchten, Gemüse und vor allen Dingen auch Nüssen und Nussmehlen, um auf seine notwendige Kalorienmenge zu kommen. Im Ausdauerbereich fällt mir Scott Jurek ein, Veganer und Ultramarathonläufer, der wiederum mehr Gemüse und weniger Hülsenfrüchte zu sich nimmt, da er einfach auch eine ganz andere Kaloriendichte als Patrik Baboumian hat. Und er nimmt viel Grünes mit vielen Antioxidanzien, einfach auch wegen der hohen Belastung und der diesbezüglich notwendigen Regeneration, zu sich. Zusammengefasst kann sich der Kraftsportler und Ausdauersportler ausreichend auch für hohe Belastungen vegan ernähren. Es gibt keinen Nährstoff, den Fleisch für sich gepachtet hätte und der nicht von woanders her beschafft werden könnte. Es geht nur darum, wie ich da herankomme und wie ich meine Ernährung inhaltlich aufteile. Da hört leider das Allgemeinwissen der Bevölkerung auf und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt in einem Positionspapier, dass es absolut möglich ist, sich vegan zu ernähren, aber sie traut es der Allgemeinbevölkerung nicht zu. Der Ansatz, das zu ändern, wird auch nicht von oben aus der Politik, sondern er muss vom Menschen selbst kommen, einfach weil er gesünder sein möchte. Und natürlich können und müssen wir Trainer hier sehr viel dazu beitragen, eine gesunde Ernährung zu verbreiten. Auch in Schulen muss auf jeden Fall mehr Aufklärung, Wissensvermittlung und eine praktische Umsetzung einer gesunden, umweltverträglichen Ernährung vermittelt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt der veganen Ernährung ist ja auch ein Mangel an essenziellen Aminosäuren und verschiedenen Vitaminen oder Mineralstoffen. Was sagst du dazu?

Sicherlich ist das tierische Aminosäurespektrum dem Menschen ähnlicher. So wird auch die biologische Wertigkeit bestimmt. Der Körper hat aber auch die Fähigkeit, Aminosäuren über pflanzliche Proteine gegenseitig aufzuwerten, auch über einen längeren Zeitraum hinweg. Lysin ist tatsächlich in pflanzlicher Ernährung in geringeren Spuren zu finden, aber auch hier sind Hülsenfrüchte und Nüsse, wie Linsen und Erdnüsse, eine Stellschraube zur Kompensation. Weizen und Hülsenfrüchte ergeben zum Beispiel ein wunderbares komplementäres Profil, welches von der biologischen Wertigkeit häufig weit über dem des Hühnereis liegt. Bezüglich notwendiger Supplemente gibt es durchaus kritische Nährstoffe. Im Zentrum steht sicherlich das Vitamin B12 – aber auch das ist kein tierisches Produkt, sondern wird über Mikroorganismen unter anderem im Magen von Tieren gebildet, aber eben heutzutage auch nicht mehr ausreichend, da die Tiere Futtermittel bekommen – wie zum Beispiel Schrot – und nur in den seltensten Fällen frisches Gras vom Boden essen. Daher bekommen auch Tiere Vitamin B12 gespritzt. Es ist also kein tierisches Produkt mehr, sondern wir nehmen, wenn überhaupt, Supplemente gefiltert durch Fleisch auf. Dazu muss man kein Fleisch essen. Bei Schuss- oder Jagdwild wäre das wiederum anders. Selbst wir Menschen würden selbst wieder mehr B12 produzieren, würden wir nicht so steril leben – was natürlich aber einige andere Vorteile mit sich bringt (lacht). Man kann also nicht eine ganze Ernährungsweise kritisieren, nur weil man einen Inhalt supplementieren muss, zudem eben auch viele Fleischesser diesen Mangel an Vitamin B12 haben. Abschließend kann man einem Veganer und Omnivoren aber auch eine Omega-3-Supplementation empfehlen, beispielsweise durch Mikroalgen-Öl. Supplementation ist also auch kein veganes Problem. Letztendlich gibt es für mich keine Gegenargumente für eine gesündere und pflanzlichere Ernährung, die unsere Umwelt, unsere Tierwelt und damit unsere Zukunft auf diesem Planeten entscheidend positiv beeinflusst.

Vielen Dank für dieses sehr informative Gespräch!

Das Gespräch führte Florian Münch.

Nico Broegger – Athletik Stube München
Nico Broegger – Athletik Stube München
Nico Broegger im Gespräch mit Florian MünchLeistungslust / Florian Münch
Nico Broegger im Gespräch mit Florian Münch