Zwischen mir und meinem Bruder John liegen zwölf Jahre Altersunterschied und 100 Kilometer talentfreie Zone, wenn es um Ausdauersport geht. Seine Bestzeit im Marathon liegt bei zwei Stunden, 19 Minuten und einer Sekunde. Ich kann in derselben Zeit eine Kolumne schreiben. Das ist zwar auch anspruchsvoll und erfordert Ausdauer – Strecke mache ich damit aber nicht. Aber beginnen wir ganz von vorn…

Mein Bruder hatte sich schon im Kindesalter dem Langstreckenlauf verschrieben. Soweit ich weiß, hält er seit 20 Jahren den Rekord im 800-Meter-Lauf an seiner damaligen Schule. Ich ging ab 1990 auf dieselbe Schule. Im gleichen Jahr gewann mein Bruder die Deutsche Meisterschaft im Halbmarathon. Das war der Zeitpunkt, an dem er einem breiteren Publikum bekannt wurde. Die Konsequenz für mich: Auch ohne mein Zutun meldete man mich für den 800-Meter-Lauf in der Schule an. Da stand ich nun am Start und es hieß: „Die Sabrina holt einen neuen Rekord. Ihr Bruder ist doch der John!“ Ich habe das Feld dann auch aufgerollt – allerdings von hinten. Ich konnte förmlich die Gedanken der anderen hören: „Wie kann sie denn so schlecht sein, ihr Bruder ist doch …“. Und die Blicke dazu sprachen Bände.

Glücklicherweise wechselte ich nach der vierten Klasse die Schule. Da mein Bruder und ich unterschiedliche Nachnamen tragen, war in meinem neuen Umfeld nicht sofort klar, dass ich mit der Sporthoffnung aus Ludwigsburg verwandt bin. Die jährlichen Bundesjugendspiele waren ein Traum und es war in Ordnung, nur eine Urkunde zu erhalten. Im Weitsprung war ich sogar richtig gut.

Doch es dauerte nicht lang, dann wurde bekannt: Die Schwester eines erfolgreichen Sportlers ist unter uns. Inzwischen war ich zwölf und hatte mir andere Bewältigungsstrategien zugelegt. Ich meldete mich im Leichtathletikverband an – so schwer konnte das ja nicht sein und irgendwo in mir musste doch auch ein Talent dafür stecken! Am Anfang lief es gar nicht schlecht: Ich war nicht überragend, aber guter Durchschnitt. Dennoch blieb ich nur ein Jahr; der Druck, in die Fußstapfen meines Bruders zu treten, war einfach zu groß. Der endgültige Zeitpunkt, an dem ich das Handtuch warf, war der 6. Dezember. Der Nikolaus besuchte uns im Verein. Er fragte jeden Einzelnen: „Warst du auch brav?“ Mich fragte er: „Warst du auch so erfolgreich wie dein Bruder?“

Ich war nie neidisch auf meinen Bruder. Es war lediglich schwer für ein pubertierendes Mädchen, einen Platz zu finden. Das damals noch ungewöhnliche krause Afrohaar und die Pickel im Gesicht machten die ganze Sache nicht leichter. Und selbst zu Hause war ich das kleine (talentfreie) Mädchen, das nicht wusste, wohin es sollte. Ich erinnere mich noch wie gestern an die Stimmung daheim, wenn ein Wettkampf anstand. Zum Essen gab es Nudeln, Nudeln, Nudeln. Einmal hatte unsere Mutter nicht aufgepasst und Hühnchen zubereitet, mit fettiger, frittierter Haut. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Das Ganze endete jedoch im Eklat – schlussendlich aßen wir dann Nudeln.

Mein Bruder hatte zudem die Angewohnheit, immer den Flur unserer Wohnung auf und ab zu sprinten. Ich höre heute noch das Geräusch, wenn er dabei die Knie hochzog und dadurch ein Luftsog entstand. Diesen Flur rannte er auf und ab, auf und ab, auf und ab … Ich stand im Türrahmen des Wohnzimmers und er fragte: „Ich bin der Beste, oder?“ Ich antwortete: „Ja, bist du.“ – „Ich werde gewinnen!“ – „Ja, wirst du.“ – „Ich hänge sie alle ab!“ – „Ja, machst du.“ Ich kam mir so lächerlich vor; heute weiß ich, dass es wichtig war. Die mentale Komponente spielt eine enorme Rolle. Der Gedanke, der Beste zu sein, beflügelt.

Ab und zu schaute sein Trainer bei uns vorbei, alle nannten ihn Chip. Er hatte immer coole Socken an, die waren bunt und geringelt. Zu Weihnachten hat er mir mal ein Paar geschenkt – ich freue mich immer noch, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. Damals konnte ich absolut nicht begreifen, warum der Trainer bei uns zu Hause abhing. Heute ist mir klar: Eine Sportlerkarriere und das Privatleben sind nicht trennbar. Das eine beeinflusst das andere. Und unser Wohnzimmer gehörte eben auch dazu.

Es gibt viele Situationen, die ich damals nicht in einen Kontext setzen konnte. Ich glaube, das Verhältnis zwischen Geschwistern mit zwölf Jahren Altersunterschied ist per se nicht leicht. Während ich in AJ von den Backstreet Boys verliebt war, träumte mein Bruder von Olympia.

Heute weiß ich, das ganze Drumherum ist superwichtig für eine Sportlerkarriere. Dazu zählt auch die kleine Schwester. Manchmal denke ich: Hätte mein Bruder zu Hause mehr Unterstützung erfahren, hätte er seinen Traum von der Goldmedaille verwirklicht. Andererseits war er auch ohne Gold sehr erfolgreich und ich bin stolz auf ihn. Er ist nun 47 und hat eine Familie. Irgendwann war der Profisport zeitlich einfach nicht mehr drin. So ganz hat er die Laufschuhe aber nicht an den Nagel gehängt – zweimal die Woche dreht er immer noch eine Runde.

Ob ich jemals einen Marathon laufe? Tendenziell eher nicht. Meine Stärken liegen woanders, zum Beispiel im Schreiben. Damit mache ich zwar keine Strecke, aber ich erzähle Geschichten wie die von meinem Bruder. Und das mache ich gern und aus vollem Herzen.