Glücklicher Zufall. In meiner Kindergartenzeit hatte ich ein besonderes Glück: In der Nachbarschaft löste man den Kindergarten für behinderte Menschen auf und die Kinder wurden auf die angrenzenden Kindergärten verteilt. In meine Gruppe kam der blinde, fünfjährige Kadir.

Wir Kinder waren alle superaufgeregt und begrüßten das neue Mitglied. Ein weiteres Kind zum Spielen, was gibt es Besseres! Mit vier oder fünf Jahren verschwendete ich keinen Gedanken daran, was Kadir konnte beziehungsweise nicht konnte.

Unser Lieblingsspiel. Wir spielten in der Gruppe häufig eine Art Memory. Es gab ein Kärtchen, auf dem ein Igel war; die restlichen Tiere waren, wie im Memory üblich, doppelt vorhanden. Ziel des Spieles war es, den Igel zu finden. Sobald man ein Tierpaar aufgedeckt hatte, wurde es aus dem Spiel genommen und die Wahrscheinlichkeit, den Igel zu finden, stieg.

Wir wollten es ständig spielen – und Kadir sollte bei diesem tollen Spiel mit dabei sein. Für uns Kinder war es keine Option, ihn auszuschließen. Also entwickelten wir eine „super“ Lösung: Ein Kind nagte die Ecke der Igelkarte an, sodass Kadir sie auch erkennen konnte. Was wir nicht bedacht hatten: Nun konnte jeder sofort die Spielkarte identifizieren. Uns war das dann aber egal – wir taten einfach so, als ob wir es nicht sehen würden, und waren happy, dass Kadir mitspielen konnte.

Alternative Kommunikationswege. Und auch sonst arrangierten wir uns. Innerhalb weniger Wochen erkannte Kadir jedes Kind an seiner Art zu gehen, war bei jeder Aktivität dabei und von Anfang an ein vollwertiges Mitglied in unserer Gruppe. Das fehlende Sehvermögen war für uns lediglich ein Faktor, der eben da war, aber nie ein Hindernis.

20 Jahre später besuchte ich eine Behindertenwerkstatt. Dort fertigten Blinde Schrauben und Korbstühle an. Die Arbeiten waren so präzise, als könnten sie sehen. Ich war von der genauen Ausführung mehr als beeindruckt. Ein Blinder erklärte mir, dass er durch seinen ausgeprägten Tastsinn und das Gespür für die Tätigkeit so exakt arbeiten könne. Am Nachmittag gab es noch ein Blindenfußballspiel. Durch eine Klingel im Ball wussten alle Spieler, wo der Ball sich befand. Ein Guide hinter dem Tor gab Anweisungen, damit die Position des Tores klar war. Das Spiel war keineswegs langsam, ganz im Gegenteil, es ging richtig zur Sache.

Barrieren. Sehbehinderte Menschen haben mich schon mehrmals gelehrt: Oft ist die Behinderung gar kein Hindernis. Es sind die Rahmenbedingungen, die wir als Gesellschaft setzen, die eine Behinderung zu einer wirklichen Barriere machen. Wir neigen dazu, auf das Manko zu schauen anstatt auf die Potenziale.

Natürlich gibt es auch schwerwiegende Behinderungen, und das Thema soll nicht kleingeredet werden. Vor allem die betroffene Person und das nahe Umfeld können stark gefordert sein. Aspekte wie die Art oder der Zeitpunkt der Behinderung spielen eine Rolle.

Umdenken. Menschen, die mit Behinderungen jeglicher Art noch keinen Kontakt hatten, verspüren vielleicht Berührungsängste. Ich kann jedem nur sagen: Trau dich! Inklusion ist kein Gesetz, keine Vorschrift oder Anleitung – sie beginnt mit unserem Denken und der Ursprung dazu liegt in unseren Herzen. Als Kinder haben wir das einfach gespürt und die Rahmenbedingungen neu definiert.