Das Internet bietet allen eine Plattform für Selbstdarstellung und Selbstvermarktung. Jeder kann, ohne großes Geld zu investieren, sichtbar und bekannter werden. Fast immer mit der Hoffnung, dass man Fans bekommt und damit irgendwann vielleicht auch viel Geld verdient. Geld und Ruhm ist der Wunsch, selten jedoch, den Menschen zu inspirieren und ihm zu helfen. Die neuen Währungen sind Followers, Fans und Downloads. Mehr denn je stehen die eigene Wirkung per Bild und Video und schnelle „Hilfeversprechungen“ im Vordergrund.

Eine Zeit der Veränderung. Durch Corona und den Lockdown kommt es zu drastischen Veränderungen im Markt. Angst, Panik, aber auch Wut, Neid und Trauer sind zu spüren und deren Auswüchse verarbeitet jeder anders. Einige wechseln den Job und geben die Tätigkeit als Trainer auf, andere gehen auf Konfrontation und versuchen andere Wege zu finden, um doch arbeiten zu können und wieder andere hoffen einfach, dass es irgendwie weitergeht. Vor allem die Existenzangst bringt viele Coaches dazu, die eigenen Konzepte zu überdenken und vor allem neue Wege zu gehen. Nicht immer einfach, denn das Training lebt vom persönlichen 1:1- und vom menschennahen Arbeiten.

Natürlich liegt es für viele nahe, die eigene Leistung nun via Internet anzubieten. Denn online kann man seine Leistung zeigen und via Kamera und Mikrofon hat man die Möglichkeit, die Menschen auch direkt anzusprechen und zu sehen. Die Idee: Die Kunden bekommen das Training via Bildschirm und können so vermeintlich die gleiche Leistung beziehen. Viele hoffen, dadurch die eigenen Kunden zu halten, aber auch weitere Kunden dazuzubekommen. Die Idee ist nicht neu, denn seit Beginn von YouTube stellen Trainer ihr Können ins Netz und unzählige Menschen sehen zu oder trainieren mit. Die aus dem Internet gewachsenen „Stars“ geben das Gefühl, dass nur ein wenig Content geliefert werden muss und schon kann der Lebensunterhalt verdient werden.

SocialMedia. Altbekannte Plattformen wie Facebook oder Instagram werden schon lange als Showbühne genutzt und auch Linkedin, Xing und Telegram sind nicht mehr wegzudenken. Zusätzlich kommen fast monatlich neue Plattformen für die Selbstdarstellung hinzu. Tiktok gelang es, innerhalb weniger Monaten über eine Milliarde Menschen weltweit zu begeistern und auch Clubhouse nutzt den Hype und gibt eine neue Art des Selbstvermarktens in die Welt. Hier hört man Gesprächen zu und der Sprecher hofft auf mehr Fans und damit auf mehr Geld. Im Internet gibt es aber leider kein offizielles Organ, welches die Qualität, das Fachwissen und das Können kontrolliert. Wer ausreichend Follower und gute Bewertungen hat, dem wird geglaubt, bei dem wird gekauft. Die Zahlen der User wachsen somit täglich in einem rasanten Tempo.

Hinter den Kulissen. Doch hinter den Kulissen der Internet-Millionäre schauen nur wenige. Erst der Zusammenbruch und das Verschwinden der Fitnessinfluencerin Sophia Thiel vor einigen Jahren hat gezeigt, dass es ohne Arbeit, Fleiß und Fans nicht geht. Sie hat dem klassischen Bild der Fitnessinfluencerin kaum noch entsprochen und sich nicht mehr gezeigt. Durch ihren Zusammenbruch und den kompletten Rückzug aus der Öffentlichkeit ist klar geworden, dass dieser Weg nicht einfach ist.

Doch diese Geschichte ist vergessen, denn schon schaut die Welt über Pamela Reifs schöne Schultern und jeder weiß mittlerweile auch, dass sie eine mindestens fünfstellige Summe pro Posting bekommt. Die Welt der Bilder und Videos ist so absolut professionell und komplett ohne Störfaktoren, dass es kaum noch zu toppen ist. Denn man weiß heute auch, dass perfekte Bilder und Videos gebraucht werden, um Fans, Werbepartner und Sponsoren zu finden.

Pamela Reif begann 2012 ihre Karriere im Internet und hat sich als Fitnessinfluencerin positioniert. Sie hat für ihre Fans direkt eine schöne Bilderwelt erschaffen – es geht um ihren Körper, ihr Fitnessprogramm und ihre Ernährung. 2020 hatte sie über 6,5 Millionen Follower, denen sie ihre Programme anbietet. Via App oder YouTube kann man ihre persönliche Trainingseinheiten nachtrainieren – ohne Korrekturen oder Individualität. Die Farb- und Bildwelt ist komplett durchdacht und Pamela wird immer perfekt in Szene gesetzt. Sie wird zum Vorbild von vielen Millionen Menschen. Klischees werden auf eine fröhliche und charmante Weise bedient, ohne dabei das Augenzwinkern zu vergessen. Man könnte es als perfekte Welt betiteln und das möchten viele Menschen auch sehen.

Auch die kleine Fitnesskette Smartgym entstand aus einem Influencerpaar, welches dank Downloads so viel Geld und ein solch großes Image erarbeitet hat, dass sie sich am Ende ihren Traum vom eigenen Studio erfüllen konnten, und das aus eigenen Mitteln.

Die Realität sieht anders aus. Viele vergessen, dass Sport, Fitness und Gesundheit im realen Leben nur wenig mit den Bildern aus dem Netz zu tun haben. Was hinter den Geschichten steht, ist nicht sichtbar und soll auch nicht gezeigt werden. Denn wie anstrengend und strukturiert es ist, schöne, immer gleichbleibende Bilder, Videos und Storys zu kreieren, möchte kaum jemand wissen oder sehen.

Die meisten vergessen auch, dass Influencer-Trainingskonzepte nicht mit einem persönlichen Trainingskonzept zu vergleichen sind. Da vergleicht man Äpfel mit Birnen. Ein Influencer-Konzept wird einmal aufgesetzt und an Millionen User verkauft, ohne dabei auf Individualität zu achten, denn verkauft wird über Keywords und die Prominenz der Person selbst. Meist sind es die Dauerbrenner wie: Abnehmen, Strandfigur, schnell fit, Sixpack, dicker Bizeps und alles zu erreichen in nur zehn Minuten Training. Sind die Konzepte in ein passendes PDF und eine Website eingebettet, kann dies dank SEO durch sämtliche Plattformen und Kanäle gepusht und verkauft werden, ohne dass man viel mit den Kunden direkt zu tun hat. Die perfekte Bildwelt macht ihr Übriges. Egal ob Mann oder Frau, die Ansprachen funktionieren per Knopfdruck und Keywords.

Unterschiedliches Anspruchsdenken. Schaut man sich die Entwicklung des Personal Trainings an, stellt man fest, dass diese Art des Berufsbildes relativ jung und auch unreguliert ist. In Deutschland wurde Personal Training erst in den 90er-Jahren durch Funk und Fernsehen bekannt. Viele Prominente haben mithilfe des Personal Trainings ungeahnte Dinge erreicht oder haben ihren Coach am Ende sogar geheiratet. In der High Society wurde Personal Training zum Status und wirkte so auf alle.

Personal Training wurde immer bekannter und in immer mehr Fitnessstudios angeboten. Mittlerweile hat sich Personal Training als etabliertes Berufsbild durchgesetzt und ist ein fester Bestandteil im Sport- und Gesundheitsbusiness geworden.

Personal Training lebt von der 1:1-Betreuung, vom Fachwissen und der Art und Weise, wie das Training vermittelt wird. Auch das Equipment wird durchdacht und sinnvoll eingesetzt. Die Trainingserfolge können durch die engmaschige Betreuung und den direkten Kontakt fast immer garantiert werden. Kunden sind abhängig vom Input und vom Feedback, denn Training bedeutet Kontakt zu haben, sich zu messen und auszutauschen, taktile Hilfestellungen zu bekommen, Gespräche zu führen und Vertrauen aufzubauen. Personal Training lebt vom direkten Kontakt. Der Erfolg des Personal Trainings kommt durch die Person selbst, den Umgang mit den Kunden, die Positionierung sowie der Spezialisierung auf bestimmte Inhalte und Zielgruppen. Zusätzlich haben alle Personal Trainer die Leidenschaft zu helfen und Kunden zu begeistern. Oft hilft auch die eigene sportliche Historie oder die eigene Ausstattung, um die Kunden zu binden oder Neukunden hinzuzubekommen. So kennen wir das klassische Personal Training.

„Richtige“ Coaches haben einen anderen Anspruch an sich, die Kunden und auch das System Internet. Sie setzen auf individuelles Training, auf direkten Kontakt und auf persönlichen Austausch. Dies verhindert aber das Hochskalieren des Trainingskonzepts. Auch die Bildwelt wird dabei oft unterschätzt und oftmals werden Selfies genutzt, um in die Werbung zu gehen. Man möchte dadurch authentisch sein und seine Persönlichkeit verkaufen. Dies ist ein guter, aber völlig anderer Weg und ein anders Konzept und sollte daher nie mit den Konzepten der Influencer verglichen werden, auch wenn man die gleichen Schlagwörter nutzt.

Vom Turnlehrer zum Influencer. Oder besser gesagt: Vom Noname zum Multimillionär. Die Gefahr, dabei zum Quacksalber zu werden, wird immer größer, denn es braucht keinerlei Ausbildung, um eigene Thesen in die Welt hinauszuposaunen. Auch stur ein Programm zu verkaufen, welches dank Marketing gut angenommen wird, hat keinerlei Reglementierung im Markt. Plötzlich erscheinen selbsternannte „Gurus“ glaubwürdig und empfehlenswert, denn wer ausreichend Follower und Fans hat, ist nun der Heilsbringer. Die einen Kunden schwimmen mit der Masse oberflächlich mit, die anderen wollen ein fundiertes, individuelles und nachhaltig erfolgreiches Training. Trainer in der heutigen Zeit sollten nicht alles mitmachen. Sich als Personal Trainer mit einem Influencer zu vergleichen, ist ein großer Fehler, denn es sind komplett verschiedene Ansätze. Sich selbst richtig einschätzen zu können, ist die wichtigste Aufgabe, denn nicht jeder kann ein Star werden.

Praxistipps

  • Überlege dir, ob du als Influencer geeignet bist.
  • Bedenke, dass dies sehr harte Arbeit ist und ein anderes Konzept als die individuelle Betreuung darstellt.
  • Vermittle nur fachlich fundierte, wissenschaftlich belegte und evidenzbasierte Inhalte.
  • Mache keine Versprechen, die nicht haltbar sind.
  • Überlege dir, ob Geld wirklich deine einzige Motivation sein sollte.