Der Pullover als Challenge. Anfang des Jahres hatte ich eine ganz eigene Methode, den Pullover anzuziehen: den linken Arm etwa 30 Grad anheben und mit dem rechten den ersten Ärmel einfädeln. Das Ganze bis hoch zur Schulter schieben und dann mit dem Kopf durch das Loch in der Mitte. Anschließend das Gewebe dehnen und den rechten Arm auf etwa 40 Grad Höhe mit angewinkeltem Ellbogengelenk einfädeln. Hinter dieser Methode steckte keine ultimative Übung – ich konnte von heute auf morgen meine Arme nur noch mit starken Schmerzen anheben.

Der menschliche Körper ist wirklich faszinierend: Trotz erheblicher Bewegungseinschränkungen findet er Möglichkeiten, den Alltag zu bewältigen. Damals dachte ich, es könnte eine Zerrung sein. Nach einer Woche ohne Besserung der Symptome war ein Termin beim Orthopäden unumgänglich.

Therapie aus der Spritze. Zwei Stunden Wartezimmer und sieben Spritzen in den Schultergürtel später verspüre ich ein bisschen Erleichterung. Diagnose: extreme Verspannung in den Schultern. Am übernächsten Tag sitze ich wieder in der Praxis – nach nur eine Stunde habe ich den Fachmann erneut vor mir. Therapie: drei weitere Spritzen. Da sucht man also Hilfe beim Experten und seine einzige Lösung ist es, Nadeln in meine Muskulatur zu jagen.

Genau das ist einer der Gründe, warum der Gang zum Arzt für mich nur im Extremfall infrage kommt. Nicht weil dieser Ort mit Krankheit assoziiert wird, sondern weil ich mich selten abgeholt fühle. Da ich selbst einen medizinischen Beruf erlernt habe, bin ich dafür vielleicht besonders sensibilisiert. Ich glaube aber, viele Menschen empfinden ähnlich. Fragen wie „Warum sind Sie so verspannt?“ oder „Liegen Querverbindungen zu anderen Problemen vor?“ werden nur in meinem Kopf, aber nicht vom Gegenüber gestellt. Denke ich daran, dass es vielen Patienten so geht, läuft es mir kalt den Rücken herunter.

Bewegung. Medizinisches Personal gilt als schwierige Klientel beim Arztbesuch. Mein Ruf ist daher sowieso schon angekratzt. Also denke ich, was soll’s, und fordere ein Rezept für den Physiotherapeuten ein – denn in dieser Praxis komme ich nicht weiter.

Ich habe Glück: Durch mein persönliches Netzwerk erhalte ich recht schnell einen Termin bei einem sehr erfahrenen Physiotherapeuten, der mir auch mehr als die üblichen 20 Minuten Behandlungszeit zu Verfügung stellen kann.

Nach einer zehnminütigen Anamnese ist klar: Die Ursache liegt etwas tiefer, nämlich im Bauchbereich. Durch fasziale Techniken löst der Therapeut das verklebte Gewebe. Anschließend führe ich Bewegungsübungen zur Aktivierung der gesamten „oberen Muskelkette“ durch. Es ist fast wie Hexerei – nach 40 Minuten bin ich zu 80 Prozent beschwerdefrei. Nach dem zweiten Besuch ist die Sache erledigt und meine Lebensqualität wieder zu 100 Prozent hergestellt.

Schulter an Schulter. Stelle ich die Parameter Zeit und Erfolg von Arzt und Therapeut gegenüber, dann hat in diesem Fall der Therapeut eindeutig die Nase vorn.

Gerade bei muskuloskelettalen Beschwerden wird die Effektivität von Bewegungsexperten jeglicher Art unterschätzt. Ich wünsche mir, dass Trainer und Therapeuten mehr in den Fokus rücken – bei Ärzten, aber auch in den Köpfen von Institutionen wie Krankenkassen und in der Gesellschaft im Allgemeinen. Ich wünsche mir mehr Schulterschluss statt Schulterfrust.