Gold! Auch im paralympischen Leistungssport ist das die Medaillenfarbe, die größte Glücksgefühle bei den Sportlern auslöst. Und wer das erreichen möchte, muss hart dafür arbeiten. Dass Paracycler dabei Radsportlern ohne Handicap in nichts nachstehen, berichtet Michael Teuber: Der Landestrainer des Bayerischen Behindertensportverbandes gibt einen Einblick in seine Arbeit und die Besonderheiten, die das Training mit Paraathleten bereithält.

Und noch etwas mehr. Es gibt nicht den einen Trainingsplan, das eine Patentrezept für jedermann. Es geht darum, jeden Sportler individuell an sein gewünschtes Leistungsniveau heranzuführen. Dabei müssen verschiedene Komponenten beachtet werden, aus denen sich die sportliche Leistungsfähigkeit zusammensetzt (1):

  • koordinative Fähigkeiten und Bewegungsfähigkeiten
  • Technik
  • psychische Fähigkeiten
  • Anlage, Konstitution, Geschlecht, Alter, Gesundheit
  • konditionelle Fähigkeiten (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Flexibilität)
  • soziale Fähigkeiten
  • taktisch-kognitive Fähigkeiten

All diese Komponenten stehen in Wechselbeziehungen zueinander. Dazu kommen für den Trainer weitere exogene Faktoren, die bei der Trainingsplanung berücksichtigt werden müssen: unter anderem Budget, Trainingsequipment, Logistik, Zeit und Ernährung (1).

Beim Training von Sportlern mit Handicap muss allerdings einem Aspekt besondere Aufmerksamkeit zuteil werden: der Einschränkung, die derjenige mitbringt. „Wir haben bei uns alles, von leicht behinderten Radfahrern, die im Grunde fast trainieren können wie ein nicht behinderter Fahrer, bis hin zu Schwerbehinderten, die mit dem Dreirad oder dem Handbike unterwegs sind. Je schwerer die Einschränkung, desto mehr Support und Betreuung brauchen die Athleten – sowohl bei der Trainingsplanung als auch beim Training selbst“, sagt Michael Teuber, mehrfacher Paralympics-Sieger und Landestrainer der Kader-Paracycler im Bayerischen Behindertensportverband (BVS).

Michael Teuber ​–​ Paracycler und LandestrainerMaik Kern
Michael Teuber ​–​ Paracycler und Landestrainer

Herausforderung Heterogenität. Die unterschiedlichen Voraussetzungen der Athleten machen beim Körper nicht halt. Allein vier verschiedene Sportgeräte sind in Teubers Mannschaft im Einsatz: Handbike, Dreirad, Tandem und das normale Fahrrad. Hinzu kommen deutliche Altersunterschiede der Athleten und auch unterschiedliche Leistungsniveaus: Vom 20-Jährigen, der gerade beginnt, in den Leistungssport hineinzuschnuppern, über den 30-jährigen Quereinsteiger bis hin zum 50-jährigen „alten Hasen“ ist alles dabei.

Diese Heterogenität der Gruppe stellt den Trainer vor eine besondere Herausforderung: Jeder Athlet ist noch individueller zu betreuen, als es schon bei gesunden Sportlern der Fall ist.

„Ich kann nicht alle über einen Kamm scheren, wie das bei nicht eingeschränkten Sportlern der Fall sein kann“, erklärt Teuber. „Trainiere ich mit einer U19 von nicht gehandicapten Radsportlern, weiß ich ziemlich genau, was jeder leisten muss, um in den Profibereich vorzustoßen. Vereinfacht gesagt, kann ich als Trainer von jedem die gleiche Leistung erwarten und fordern. Bei uns im Paracycling geht das nicht. Ich kann von einem Sportler mit Beinprothese nicht die gleichen Trainingsumfänge verlangen wie von einem Tandem, bei dem ich letztlich zwei voll leistungsfähige Athleten auf dem Rad sitzen habe. Und ein Querschnittsgelähmter kann nicht genauso trainieren wie jemand, dem ein Arm fehlt.“

Was man als Trainer im Paracycling wissen sollte. Die verschiedenen Voraussetzungen innerhalb der Gruppe erfordern , dass der Trainer sich mit den Behinderungen seiner Sportler auseinandersetzt und über mögliche Probleme – wie etwa Druckstellen bei Rollstuhlfahrern oder Prothesenträgern – Bescheid weiß. Diese Kenntnisse werden genutzt, um Trainingsumfänge und -intensitäten anzupassen.

Darüber hinaus ist Wissen über die jeweiligen Disziplinen, Leistungsklassen und die Konkurrenzsituation obligatorisch. Die oftmals geringere Leistungsdichte im Paracycling ermöglicht Erfolge gegebenenfalls auch mit weniger Aufwand. Als Freifahrtschein für laxes Training sieht Teuber dies aber nicht. „Um es ganz klar zu sagen: Auch im Paracycling gilt, wer in der Spitze mitfahren will, trainiert professionell. Je weniger Einschränkung ein Athlet aufweist, desto näher rückt sein Training natürlich auch an das eines nicht behinderten Sportlers heran. In einem Jahr kommen so schon mal bis zu 1.000 Trainingsstunden zusammen.“

Eigeninitiative gewollt. Damit das Training optimal ablaufen kann, setzt Teuber auf Eigeninitiative der Sportler. „Ich möchte selbstbestimmte Athleten haben. Daher bringe ich den Athleten die grundlegenden Trainingsprinzipien bei. Was ist Blockperiodisierung, wie sieht optimales Regenerationsmanagement aus? Wie gestalten sich die Makro-, Meso- und Mikrozyklen?“ Dieses Wissen hilft dem Sportler, sich mit seinem Training, seinem Körper und so seiner eigenen Leistungsfähigkeit auseinanderzusetzen. Teuber verfolgt den Ansatz, dass jeder Sportler im Laufe der Zeit selbst lernen muss, seinen Körper zu verstehen. Er muss die Balance finden zwischen Belastung und Überlastung. „Ich unterstütze ihn auf diesem Weg und stecke den groben Fahrplan ab. Aber: Er muss selbst wissen, wie und was bei ihm am besten funktioniert. Schon allein, weil jeder Paraathlet unterschiedliche Probleme mitbringt, selbst wenn sie in der gleichen Leistungsklasse starten.“

Kommunikation gefordert. Um die Betreuung so eng wie möglich zu halten, arbeiten viele der von Teuber betreuten Athleten auch mit einem Heimtrainer zusammen, der die tägliche Trainingssteuerung übernimmt. Anders ist die individuell notwendige Betreuung der Sportler für den Landestrainer in Teilzeit kaum zu bewerkstelligen. Regelmäßiger Austausch zwischen Athleten, Heim- und Landestrainern ist hierbei natürlich unerlässlich. Welche Highlights stehen in der kommenden Saison an, wie wird der Formaufbau strukturiert, welches Ergänzungstraining kommt zum Einsatz? „Ich zeige auf, wann welche Saisonhöhepunkte anstehen und wie wir uns den Weg dahin vorstellen. Die Athleten und Heimtrainer machen sich dann an die konkrete Umsetzung. Wer allerdings keinen Heimtrainer hat, kann sich auch individuell von mir betreuen lassen“, sagt der Landestrainer.

Individualität bestimmt das Training. Individualität wird bereits im normalen Leistungssport großgeschrieben; im Paracycling erhält der Begriff noch mehr Bedeutung. Für Teuber als Trainer steckt gerade darin der Reiz. „Es ist für uns vielleicht ein bisschen kniffliger, das optimale Training zu finden. Aber genau das ist eine tolle Herausforderung und macht den Job für mich so spannend.“ Dass er dabei selbst Teil seiner Trainingsgruppe ist und ebenfalls eine Einschränkung hat – seit einem Autounfall ist er inkomplett querschnittsgelähmt –, sieht er als Vorteil, nicht jedoch als Voraussetzung für seinen Job. „Mir fällt es vielleicht etwas einfacher, mich in den Sportler und seine Problemsituationen hineinzuversetzen. Wer aber als gut ausgebildeter Trainer oder Sportwissenschaftler bereit ist, sich in die Materie einzuarbeiten, der kann auch als Nichtbehinderter wunderbar im paralympischen Sport arbeiten.“ Denn eines ist auch klar: Die grundlegenden Trainingsprinzipien und Komponenten für Leistungsfähigkeit sind identisch mit denen von nicht behinderten Sportlern – das Handicap ist lediglich das Salz in der Suppe der Trainingsarbeit.

Buchtipp

„Aus eigener Kraft – Wie mich die größte Krise meines Lebens stark gemacht hat“

Von Michael Teuber mit Thilo Komma-Pöllath

224 Seiten

ISBN: 978-3-8419-0341-9 

Praxistipps

  1. Setze dich intensiv mit den körperlichen Einschränkungen deiner Athleten auseinander – welche Bedeutung hat das für dein Training?
  2. Lehre deinen Sportler Eigenverantwortlichkeit.
  3. Die Heterogenität einer Paracycling-Gruppe verlangt eine sehr individuelle Betreuung in der Trainingsplanung und -steuerung.

Literatur

  1. Neumann G, Hottenrott K. 2016. Das große Buch vom Laufen. Aachen: Meyer & Meyer