Das Projekt Tracksrunner fördert Nachwuchssportler und fordert die Gesellschaft zu mehr Solidarität auf. Trotzdem sieht sich der Gründer mit rassistischen Beleidigungen und fehlendem Support konfrontiert. Doch das soll nicht so bleiben.

Auf die Plätze, fertig, los. Musitu Kumuini gründete letztes Jahr in Bonn das Projekt Tracksrunner. Ein bis dato einmaliges Konzept mit vielen Besonderheiten. Der Gründer selbst ist Trainer, ehemaliger Leistungssportler und ein etablierter Rapper. Hip-Hop-Begeisterte kennen ihn unter dem Namen Sylabil Spill. Sein Album „Der letzte weiße König“ schaffte es in die Top 100 der Charts. Die Musik stellt er aktuell für das Leichtathletikprojekt Tracksrunner zurück. Das Konzept richtet sich an Heranwachsende zwischen 13 und 18 Jahren. Insbesondere an Jugendliche, die mit Herausforderungen aufgrund ihres sozialen oder ethnischen Gefüges konfrontiert sind.

Zu den Tracksrunnern gehören auch Top-Nachwuchsathleten, wie etwa Veronic Badjalimbe. Trotz der Erfolge, die das Projekt erreicht, machen andere Aktionen Schlagzeilen: Musitu Kumuini wird immer wieder mit rassistischen und diskriminierenden Situationen konfrontiert.

Die Leistungslust sprach mit ihm über dieses brisante Thema, das Projekt und was es für einen erfolgreichen Endspurt braucht.

Welche Idee steckt hinter dem Projekt?

Die Idee hinter dem Projekt ist es, Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Strukturen zusammenzubringen. Dabei setzt sich die Gruppe aus – ich sage mal – „biologisch Einheimischen“ und „nicht in Deutschland geborenen Personen“ zusammen. Alle Mitglieder sollten Bock auf Leistungssport haben und den Leistungsgedanken auch leben.

Wie hast du die Tracksrunner konkret zusammengestellt?

Ich trainiere in Bonn eine U16-Gruppe und habe auch einen sehr talentierten Athleten in der Gruppe. Daher hatte ich schon eine gute Basis unter den Athleten. Durch meine Musik haben darüber hinaus weitere Personen die Aktion registriert und dachten: Ach, der Sylabil Spill ist ja auch noch Trainer. Und aus diesem ganzen Pool an sportbegeisterten Jugendlichen habe ich die Leute gepickt, die repräsentativ für diese Idee sind.

Was versprichst du dir von diesem Projekt?

Ich verspreche mir davon, die Kompetenz der Jugendlichen zu stärken. Von der sozialen Kompetenz ausgehend steigt aus meiner Sicht auch die Leistungsbereitschaft. Sportlich aber auch in anderen Bereichen: Wir leben ja in einer Leistungsgesellschaft. Außerdem möchte ich damit das Sozialgefüge stärken und Menschen zusammenbringen.

 Neben dem Sport geht es bei Tracksrunner darum Jugendliche zusammen zu bringen.Oliver Mpemba
Neben dem Sport geht es bei Tracksrunner darum Jugendliche zusammen zu bringen.

Der Rapper als Trainer klingt ja erst einmal nicht naheliegend. Wie sieht denn deine sportliche Historie aus?

Ich kam etwa im Alter von 15 Jahren zum Leistungssport. Zunächst spielte ich in einer relativ hohen Liga Fußball  und bin dann zur Leichtathletik gewechselt. Verletzungen an der Achillessehne haben mir dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich wollte eigentlich schon immer eine Laufgruppe haben,  hatte allerdings immer das Gefühl, dass das  zeitlich nicht passt. Ich studiere noch Architektur und mache Musik. Trotz allem habe ich die ganzen Problematiken im Hinblick auf Integration oder Flüchtlingsdebatten mitbekommen. Hinzu kommt, dass ich in meinem Sportbereich ein ziemlicher Exot bin. Ich dachte mir, was kann ich tun, um meinen Teil beizutragen, damit Menschen miteinander zurechtkommen. Ich bin lizensierter Trainer für Wettkampfsport. Und es ist mir eine Herzensangelegenheit, Kiddies zu supporten. Wer weiß, was aus denen mal wird. Das könnte der Arzt sein, der dich mal behandelt, oder der Sportler, der dir in der Flimmerkiste begegnet und dein Team zum Sieg trägt. Ich habe also eins und eins zusammengezählt, heraus kamen die Tracksrunner.

Was genau meinst du mit Exot in deiner Branche?

Ich bin der einzige dunkelhäutige Trainer. Das ist teilweise sehr schwierig.

Warum?

Man wird kritischer beäugt – ich habe nicht nur Positives erfahren. Zum Beispiel, dass man trotz mehrmaliger Erfolge hintenanstehen muss oder gewisse Würdigungen nicht stattfinden.

Man bekommt medial hin und wieder Geschichten aus dem Profifußball mit, in denen es um diskriminierende oder rassistische Inhalte geht. Auf der anderen Seite ist aber nicht alles schlecht: MalaikaMihambo ist dunkelhäutig und Deutschlands Sportlerin des Jahres. Sie wurde nach meinem Kenntnisstand durchgehend gefeiert.

Da habe ich auch nichts mitbekommen. Es ist auch nicht überall so. Diskriminierung muss allerdings auch nicht immer ausgesprochen werden, das passiert auch viel subtiler. Ich kann nur von meinen Erlebnissen sprechen. Es beginnt mit der Aussage: Du kannst aber gut Deutsch. Das ist gut gemeint – aber es ist auch Rassismus. In der Branche selbst habe ich das leider auch schon erfahren. Es ging beispielsweise um Zuschüsse. Eine Person sagt dann direkt, das muss das schwarze Kind sein, das den Zuschuss braucht. Oder Aussagen wie „sag den Schwarzen mal hier, wir sind in Deutschland und hier hält man sich an die Gesetze“. Solche Momente haben meine Arbeit mit und bei den Tracksrunnern beeinflusst. Einige der Kids waren  anfangs auch in einem Verein, fühlten sich allerdings exposed – also solchen Dingen ausgesetzt. Ich habe das verstanden und gesagt: Ihr bleibt weiter im Verein aktiv und seid bei mir in der Gruppe. Ich schütze euch vor emotionalen Angriffen und schau, dass alles miteinander funktioniert. Egal, wer solche Sprüche, Aussagen oder was auch immer vom Stapel lässt, sollte sich kritisch hinterfragen. Und alle Beteiligten sollten prüfen, ob man Vereinsmitglieder oder auch Personen im Allgemeinen so etwas aussetzt.

Du glaubst auch nicht, was sonst noch abgeht. Im Internet kamen rechte Hasskommentare, Gewaltandrohungen und so weiter. Die Kiddies sind dann verängstigt und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Was ist nur mit den Leuten los, die sowas machen. Und vor sowas möchte ich die Leute bei mir im Team beschützen.

Wenn du als Puffer dazwischenstehst, fehlt den Betroffenen dann nicht später der Erfahrungswert, um mit solchen Situationen aber auch Problemen jeglicher Art selbst klarzukommen?

Ne, absolut nicht. Ich bin im Kader der Trainer aber in der Gruppe auch der Betreuer. Es wird ganz normal trainiert. Aber in der Betreuung erhalten sie mehr support, der sonst untergehen würde. Zum Beispiel mache ich mit ihnen Hausarbeiten oder organisiere einen Praktikumsplatz. Für eine Sportlerin habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und musste dafür in den Togo fliegen. In regulären Vereinsstrukturen fallen solche Bedürfnisse durchs Raster.

Man sollte vielleicht auch noch anführen, dass die Hautfarbe  ja noch nichts über den Bedarf aussagt. Eine dunkle Haut steht nicht automatisch für Armut oder jemand Hellhäutiges kann auch schwierige Familienverhältnisse haben.

Absolut. Genau da liegt das Problem. Wir müssen uns von Stereotypen trennen. Jeder hat seinen Struggel. Ich versuche, innerhalb der Gruppe einen Solidaritätsgedanken zu etablieren und stehe für die Personen ein, die Unterstützung benötigen. Ich möchte vermitteln, dass der Migrationshintergrund bei der Gestaltung der Gesellschaft keine Rolle spielt.

Wie stehts denn bei euch um die Finanzen? Gibt es einen Grundsupport, etwa von Vereinen?

Wenn ich in den Togo fliege, bezahle ich das aus eigener Tasche. Wenn jemand Laufschuhe benötigt, bezahle ich das. Wenn ich die Sportler in den Kraftraum schicke, dann bezahle ich das. Es ist wichtig für die Kiddies und ihr Selbstbewusstsein, das alles zu haben. Aus Vorschüssen für meine Musik konnte ich das bisher bestreiten. Das ist allerdings nicht ewig machbar und aus dem didaktischen Anspruch gegenüber den Kiddies auch nicht richtig. Ich will ihnen ja auch mitgeben, dass wir in einem Sozialstaat sind und man sich solidarisiert. Deshalb habe ich nun ein Crowdfunding ins Leben gerufen.

Bei der Bundesregierung habe ich auch mal angeklopft, allerdings sind die Hürden sehr hoch. Sponsoren suche ich ebenfalls, aber es ist schwierig. So ganz verstehen kann ich es allerdings nicht. Wenn mir Banken wie die Sparkasse oder Spardabank sagen, sie hätten keine Mittel, dann ist das schon seltsam. Großkonzerne wie etwa bekannte Sportartikelhersteller sponsern erst, wenn du größer bist.

Soweit ich weiß, ist das Oregon Sport Projekt gestorben. Vielleicht wäre es nun Zeit für das Bonn Projekt. Machen eigentlich Sachspenden neben der finanziellen Unterstützung auch Sinn?

Es kommt darauf an. Klamotten sind schwierig, da die ja auch passen müssen. Geräte machen natürlich Sinn.Hanteln, Therabänder, Schlitten für Zug-Widerstandsläufe oder Geräte für Gleitmassagen. Man muss halt immer schauen, was gebraucht wird. Ich möchte den Kiddies alles geben, was sie brauchen. Aber sie sollen nicht denken, wir leben hier wie Gott in Frankreich. Sie sollen sich das schon verdienen.

Jetzt haben wir sehr viel über die Athleten gesprochen. Was bedeutet die Leichtathletik denn für dich?

Eigenantrieb wird als Leichtathlet stark gefördert. Du musst einfach mehr Biss entwickeln, um die gesamten Vorbereitungszeiten zu überstehen. Ich habe es ja selbst erlebt. Es ist nicht wie beim Fußball, wenn du ein Knipser bist, dich nach vorn stellst, zwei drei Tore schießt und kriegst dann die Million und bist der gefeierte Typ. Wenn du in der Leichtathletik deine Vorbereitung verkackst, dann läufst du nicht gut. Der Eigenantrieb und die Persönlichkeitsbildung werden in der Leichtathletik noch mehr gefördert und geformt.

Das Projekt selbst ist für mich auch eine Art Selbsttherapie. Ich komme dadurch von dem ganzen Musikstress runter. Emotional, strukturell und sozial profitiere ich auf jeden Fall. Ich bin mit ganz anderen Rollen konfrontiert. Ich bin Kumpel, Betreuer, Trainer, manchmal ein Vater und manchmal sogar eine Mutter. Das Projekt formt also auch mich.

Während ich mit dir spreche, muss ich an einen Satz aus einem Track denken. Torch rappt in diesem „In all den Jahren, in denen wir Airplay verschwendet haben. Man könnte denken, wir Rapper hätten nichts zu sagen“. Du bist ein Rapper, der hier sehr deutliche Worte findet und sich sozial einbringt. Ist das etwas, das die Szene benötigt?

Vielen im Game geht es nur ums Finanzielle. Die ganzen Outcaller-Rapper schauen sich meine Insta-Story zu Tracksrunner an und machen den Mund nicht auf. Eigentlich müssen die Rapper, und da gibt es viele mit einer größeren Reichweite als ich, sagen: Wir supporten so ein Projekt oder starten selbst was. Denn so erreichen wir eine neue Ebene, eine weitere Gesellschaftsstruktur. Das bedeutet, wir verselbstständigen uns und können damit den großen Major Labels und Konzernen zeigen, wozu wir fähig sind, und wie wir die Gesellschaft gestalten können. Gleichzeitig würde die Gesellschaft sehen, dass Rapper nicht nur Figürchen sind, sondern auch Leute, die etwas Positives bewegen können.

Was wünschst du dir denn für deine sportliche, musikalische und persönliche Zukunft?

Sportlich wünsche ich mir auf jeden Fall, dass die Kiddies der Tracksrunner erfolgreich werden und immer an sich glauben. Musikalisch wünsche ich mir mehr Resonanz und persönlich wünsche ich mir vor allem Gesundheit. Die Achillessehne macht sich schon immer wieder bemerkbar.

Was steht bei dir in der Zukunft auf der Agenda?

Musikalisch werde ich wieder loslegen, allerdings erst, wenn die Zeit reif ist. Ich habe drei Alben quasi in der Schublade und bin auch bei dem Label Das Maschine gesigned. Sportlich stehen als nächstes die Wettkämpfe von Veronique an.

Das Gespräch führte Sabrina Harper.

Musitu Kumuini

Er ist in Kinshasa (Kongo) geboren und kam mit sieben Jahren nach Deutschland. Musitu besitzt die Trainerlizenz B Kurzsprint und trainiert in Bonn Nachwuchs- und Leistungssportler. Persönlich betreibt er dazu noch Cross Fit. Neben dem Sport ist er für seine Musik bekannt. Unter dem Namen Sylabil Spill veröffentlichte er schon mehrere Alben.

Surftipp

Die Tracksrunner auf Instagram: https://ll.rpv.media/tracksrunner