Mit Menschen im Rollstuhl zu trainieren, ist eine Herausforderung – diese Phrase hat bestimmt schon der ein oder andere gehört. Dabei könnte es auch heißen: Mit Menschen im Rollstuhl zu trainieren, ist eine große Gelegenheit, die eigene Trainerkompetenz zu verbessern. Und dabei steht nicht das Sportgerät „Sportrollstuhl“ im Mittelpunkt. Wir sprachen mit Andreas Escher vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband über die Arbeit als Trainer und das Standing des Rollstuhlsportes in Deutschland.

Andreas Escher spielte von klein auf Tischtennis – als Erwachsener dann in der Zweiten Liga, zuerst beim TSG Steinheim und später beim Sportbund Stuttgart. Neben dem Tischtennis war er neun Jahre beim Württembergischen Behinderten- und Rehasportverband in verschiedenen Funktionen im Bereich der Sportkoordination und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Das Jahr 2016 war dabei ein besonderes Highlight: Als Co-Trainer der Para-Tischtennis-Mannschaft war Andreas in Rio de Janeiro mit dabei. Seit August 2018 leitet er den Bereich Sport und Kommunikation beim Deutschen Rollstuhl-Sportverband in Hamburg. Der Weg zum Behindertensport hat sich für ihn einfach so ergeben. Als ehemaliger Sportler, Trainer und Kommunikationsverantwortlicher kennt er viele Facetten der Forderung und Förderung des Sports von oder für Menschen mit Behinderung.

Andreas, du bist über den Minijob als Sportkoordinator während deines Studiums in die Branche des Behindertensports gekommen. Hattest du am Anfang Berührungsängste oder war das Thema Behinderung gar nicht auf deiner Agenda?

Ich würde es nicht Berührungsängste nennen, sondern eher, dass es anfangs ungewohnt für mich war. Grundsätzlich bin ich ein offener und interessierter Mensch. Mich interessieren Menschen, die „nicht von der Stange“ sind. Faszinierend und spannend finde ich es, wie Menschen mit Behinderungen kreative, clevere und mutige Lösungen finden. Letztendlich wird im Behindertensport sehr deutlich, dass der Charakter entscheidend ist. Der Umgang mit der eigenen Situation ist entscheidend, nicht die Behinderung.

Bevor wir weiterreden: Darf man das Wort Behindertensport eigentlich benutzen oder ist das politisch inkorrekt?

Das darf man benutzen. Wenn du ganz korrekt sein möchtest, sagst du „Sport von oder für Menschen mit Behinderung“. Dann steht der Sport dabei im Fokus.

Du bist nun schon einige Jahre im Sport von oder für Menschen mit Behinderung tätig. Was ist aus deiner Sicht das Außergewöhnlichste aus Trainersicht?

Den Behindertensport – du siehst, ich benutze den Begriff ebenfalls – empfinde ich als tolles Betätigungsfeld, um sich weiterzuentwickeln. Durch die individuelle Behinderung der Sportler lernt der Trainer Tag für Tag, kreative Lösungen im Sinne des Sportlers zu finden.

Durch das Leiten von teils sehr heterogenen Trainingsgruppen bekommen Trainer sehr schnell ein gutes Gespür für den Umgang mit Heterogenität. Diese Fähigkeiten – sich in den Sportler hineinzuversetzen, eine heterogene Trainingsgruppe zu führen – sind Kompetenzen, von denen jeder Trainer in seiner Arbeit profitiert, unabhängig davon, ob er mit Menschen mit oder ohne Behinderung arbeitet.

Sprechen wir mal über ein konkretes Beispiel: Rollstuhlbasketball ist ein ziemlich bekanntes Feld. Worauf kommt es dabei im Training an?

Training sieht hier nicht viel anders als im Fußgänger-Basketball aus. Besonders wichtig sind die „Chair-Skills“, sprich der Umgang mit dem Rollstuhl. Es kann einen großen Unterschied machen, ob jemand extrem gut Rollstuhl fahren kann oder nur „normal“. Das ist vergleichbar mit der Beinarbeit bei den Stehenden.

Ihr unterstützt deutschlandweit über 30 Sportarten. Bei meiner Recherche bin ich auf WCMX gestoßen. Kannst du uns dazu ein paar Infos geben?

Unter WCMX versteht man Rollstuhl-Skaten. Menschen mit Rollstuhl bewegen sich im Skatepark oder der Halfpipe, genau wie es stehende Menschen mit dem Skateboard tun. Diese Sportart ist noch sehr jung in Deutschland. Seit etwa sechs Jahren entwickelt sich hier in Deutschland etwas Tolles, wie ich finde. Dieses Jahr fand Ende August die erste WCMX-WM außerhalb der USA statt; das war in Köln.

Diese Sportart ist ein tolles Beispiel dafür, was alles im Rollstuhl möglich ist: Weg von der Denke des „beschützten Rollstuhlfahrers“ hin zum Skater im Rollstuhl, der im Skatepark wie jeder andere ohne Behinderung spektakuläre Tricks macht.

Auf eurer Website habe ich außerdem erfahren, dass zwischen Rollstuhl- und Elektrorollstuhl-Sportarten unterschieden wird. Warum?

Im Wettkampfsport treten Rollstuhlfahrer und Elektrorollstuhlfahrer zum großen Teil in getrennten Sportarten an. Für uns ist der Rollstuhl ein Fortbewegungsmittel: Er sollte möglichst so beschaffen sein, dass er dem Menschen die bestmögliche Mobilität gibt. Menschen mit sehr starken Einschränkungen, wie etwa bei erheblicher Muskelschwäche, können ohne großen Kraftaufwand ihren Elektrorollstuhl per Knopfdruck und Joystick bedienen. Das macht dann den Sport und die Mobilität erst möglich. Aktuell sind die Sportarten wie Elektrorollstuhl-Hockey und Elektrorollstuhl-Fußball am Wachsen.

Auf welchem Niveau sind die Sportler bei euch aktiv: Breitensport, Leistungsniveau oder sogar Profiliga?

Wir stehen in erster Linie für die Mobilität und den Sport im Rollstuhl. Unser wichtigstes Ziel ist es, Rollstuhlfahrer mobil zu machen. Das ist auch mit viel Lebensqualität, Teilhabe und Selbstständigkeit verknüpft. Dazu zählen auch grundlegende Kurse und Mobilitätsprojekte mit dem Schwerpunkt „Umgang mit dem Rollstuhl“. In erster Linie sehen wir uns im Breitensport. In verschiedenen Sportarten gibt es aber auch Ligensysteme, bis hin zur Bundesliga. Du hattest schon ein Paradebeispiel genannt, den Rollstuhl-Basketball. Da sind die Vereine in der Ersten Liga sehr professionell aufgestellt und trainieren teils täglich.

Welche besonderen Anforderungen werden an Trainer im Rollstuhlsport gestellt?

Der Sportrollstuhl muss als Sportgerät verstanden werden und nicht als Behinderung. Außerdem muss der Rollstuhl auf die Physiologie des Sportlers zugeschnitten sein – da sind dann auch Anpassungen notwendig. Es geht nicht nur darum, dem Sportler die richtige Schlag- oder Wurftechnik beizubringen, sondern auch das Zusammenspiel zwischen Rollstuhl und dem Sportler zu verstehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, sich auch mit der individuellen Behinderung des Sportlers auseinanderzusetzen. Es ist beispielsweise von Bedeutung, wie viel Bauchmuskulatur ein Sportler hat oder eben aufgrund von Behinderung nicht mehr. Um ein besseres Gefühl zu bekommen, macht es Sinn, sich selbst beim Ausprobieren der Sportart in einen Rollstuhl zu setzen. Kreativität, Fantasie, Mut und eine gewisse Vorliebe für individuelle Lösungen sind wichtige Qualitätskriterien für einen guten Trainer.

Wie finden die Sportler zu euch in den Verein?

Als Bundesverband verfügen wir über ein deutschlandweites Netzwerk und haben ungefähr 330 DRS-Vereine in ganz Deutschland im Verbund. Mit den Vereinen stehen wir im regelmäßigen Austausch und unterstützen diese. Zum Beispiel haben wir eine eigene Vereinslandkarte für den Rollstuhlsport erstellt. So ist der Vereins-Rollstuhlsport auch bundesweit in der Fläche sichtbar. Unser Ziel ist nach wie vor, Rollstuhlsport in Deutschland flächendeckend anzubieten.

Wird das denn staatlich gefördert?

Wir finanzieren uns hauptsächlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Im Training oder im Verein ist man für das Thema Bewegungseinschränkung sensibilisiert. Was ist mit der Welt abseits des Sports?

Da hast du Recht – das Thema Mobilität betrifft nicht nur den Sport. Als Verband sehen wir uns auch als Lotse rund um das Thema „Mobilität im Rollstuhl“. Dazu gehören auch Dinge wie Autofahren, rollstuhlgerechte Wohnungen, Teilhabe durch barrierefreie Gebäude und viel mehr.

Es gibt zum Beispiel das Konzept des Peer-Counseling. Ein Mensch, der verunfallt und nach seinem Klinikaufenthalt wieder zurück ins Leben kommt, hat ganz neue Herausforderungen zu bewältigen. Da können erfahrene Rollstuhlfahrer eine ganz wichtige Hilfe sein.

Menschen, die erst seit Kurzem im Rollstuhl sitzen, haben viele Fragen. Ein Rollstuhlsportverein kann dann eine Anlaufstelle sein, um mit erfahrenen Rollstuhlfahrern in Kontakt zu kommen. Natürlich treiben wir im Verein Sport – es findet aber auch ein Austausch zwischen den „jungen“ Rollstuhlfahrern und den Erfahrenen statt. Da geht es nicht nur um Sport, sondern einfach um die alltäglichen Dinge im Leben. Dieser Austausch ist ein ganz wichtiger Faktor, wenn wir von Mobilität im Rollstuhl sprechen.

Herzlichen Dank für den interessanten Einblick und weiterhin viel Erfolg!

Das Gespräch führte Sabrina Harper.

Surftipp

Alle Sportarten, die im Deutschen Rollstuhl-Sportverband Hamburg stattfinden, findest du online auf: https://drs.org/sportarten/

Über Andreas Escher

WBRS

Andreas Escher hat einen Magisterabschluss in Berufs- und Wirtschaftspädagogik und Anglistik. Er ist ehemaliger Leistungssportler im Tischtennis. Als Leiter des Referats Sport und Kommunikation arbeitet er beim Deutschen Rollstuhl-Sportverband e. V. in Hamburg. In seiner Freizeit widmet er sich seiner Familie, Freunden, Reisen und Ballsportarten.