Höher, weiter, schneller – das brauchen Athleten, aber auch Freizeitsportler nach einer Verletzung in nahezu jeder Disziplin. Nach der Rehabilitation oder längerer Trainingspause können quantitative Sprungtests helfen, die Leistungsfähigkeit der unteren Extremität einzuschätzen. Sie sind sogar ein fester Bestandteil der Leistungsdiagnostik.

Tests. Verschiedene Testverfahren können zur Ermittlung der Sprungkraft sowie zur Bestimmung des Schnellkraftverhaltens der Beinstreckerkette durchgeführt werden. Diese Testverfahren sind ebenso Bestandteil des Return-to-Play-Prozesses wie die qualitativen Tests zur Bestimmung der physischen und psychischen Voraussetzungen für High-Impact-Bewegungen wie Lauf-, Stopp- und Start- sowie Sidecut-Manöver. Diese sind vor allem für Ballsportarten wie Fußball, Handball oder Basketball typisch.

Sprungtestverfahren sind sehr hilfreich, das zeigt die praktische Erfahrung in der Rehabilitation mit Athleten, aber auch verschiedene Untersuchungen. So konnten Zusammenhänge zwischen Sprungtestverfahren und diversen Risikofaktoren wie Muskelschwäche (1–3) oder auch Defiziten in der Tiefenwahrnehmung (Propriozeption) des Kniegelenks (4) festgestellt werden. Damit können Sprungtestverfahren als multifunktioneller Leistungsindikator nach einer Knieverletzung bezeichnet werden – dabei dienen qualitative Testverfahren eher der funktionellen Überprüfung und quantitative Verfahren der Testung von Kraftentfaltung.

Durchführung und Auswertung. Für die quantitativen Tests werden ein Messband oder eine App zur Messung der Distanz verwendet. Das Ergebnis ist der Messwert der maximal gesprungenen Distanz. Diese wird aus praktischen Gründen von der Absprunglinie bis zur Ferse definiert: So bleiben individuelle Fußlängen oder Fußstellungen beim Landen in der Messung unberücksichtigt. Dies wird jedoch unterschiedlich gehandhabt, im Testmanual der VBG erfolgt die Messung zum Beispiel von der Startlinie bis zur Fußspitze (5).

Der Klient darf beim Springen sowohl das Spielbein als auch die Arme als Schwungelement einsetzen (6). Nach der Landung muss ein sicherer Stand für mindestens für zwei Sekunden erfolgen. Von Interesse ist sowohl der individuelle Bestwert als auch der Mittelwert aus drei Sprüngen auf jeder Seite.

Distanz

Die VBG nennt für die absolute Sprungweite der Männer eine Weite von mindestens 80 bis 90 Prozent der Körperhöhe und für Frauen eine Weite von 70 bis 80 Prozent der Körperhöhe (5). In der Praxis mit Leistungssportlern hat sich jedoch gezeigt, dass diese vor einer Verletzung Weiten von circa 100 bis 120 Prozent der Körpergröße erzielen. Daher wird dieses Leistungsniveau nach einer Verletzung wieder angestrebt. Bei der Bewertung des Endergebnisses gleicht sich die Erfahrung wieder mit den Vorgaben der VBG an, die den maximal erlaubten Distanzunterschied zwischen den beiden Seiten auf 20 Zentimeter beziffert.

Limb Symmetry Index

Neben der absoluten Distanz werden auch die relative Distanz und der Limb Symmetry Index (LSI) erhoben. Der Unterschied zwischen dem verletzten und dem unversehrten Bein dient als wichtiges Kriterium für den sicheren Wiedereinstieg in den Sport (7) und wird mithilfe des LSI berechnet (8). Dafür werden jeweils der beste Wert des verletzten und des unversehrten Beines dividiert und mit 100 multipliziert (9). Der LSI sollte bei mindestens 90 Prozent liegen, die Abweichung zwischen der Sprungweite des verletzten und des unversehrten Beines sollte also maximal zehn Prozent betragen (10).

Voraussetzung für quantitative Sprungtests

Bevor quantitative Sprungtestverfahren durchgeführt werden, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

  1. Balance Squat, Balance Error Score Screen (BESS), Y-Balance-Test und Landing Error Score Screen (LESS) sind unauffällig. Sie gelten bereits als Voraussetzung für die Durchführung von qualitativen Testverfahren.
  2. Front-Hop- und Side-Hop-Test sind qualitative Voraussetzungen für die Durchführung der quantitativen Testverfahren.
Abb. 1a–c (Single Leg) Front Hop for DistanceRichard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
Abb. 1a–c (Single Leg) Front Hop for Distance
Richard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
Richard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
Abb. 2a–c Triple HopRichard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
Abb. 2a–c Triple Hop
Richard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
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Abb. 3a–c Crossover HopRichard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
Abb. 3a–c Crossover Hop
Richard Pflaum Verlag GmbH &Co. KG
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Front Hop Test. Sind alle qualitativen Testkriterien erfüllt, wird zunächst der (Single Leg) Front Hop for Distance durchgeführt (Abb. 1). Dieser Test dient der Überprüfung der einbeinigen konzentrischen Kraft der Beinstreckerkette sowie der Überprüfung der motorischen Beinachsenkontrolle nach einer (exzentrischen) Landung.

Der Sportler steht auf dem zu überprüfenden Bein an einer am Boden markierten Linie (zum Beispiel mit einem Tape-Band). Es folgt ein möglichst weiter horizontaler Sprung mit einem einbeinigen Absprung und einer Landung auf dem Absprungbein.

Triple Hop. Erfüllt der Sportler die Kriterien des Front Hop for Distance, wird der Triple Hop durchgeführt (Abb. 2). Dieser Test überprüft die horizontale und vertikale Kraftentwicklung sowie die Balance und Koordination bei kontinuierlichen Sprüngen. Er ist ein guter Prädiktor für Muskelkraft und Power der unteren Extremität. Der Triple Hop eignet sich auch für ein Vorsaison-Screening. (6)

Der Patient stellt sich an eine am Boden markierte Linie und auf das zu überprüfende Bein. Er springt mit einem Bein möglichst weit und nach der Landung gleich weiter. Es werden so drei Sprünge mit drei Landungen vom Absprungbein aneinandergereiht.

Crossover Hop. Der Crossover Hop (Abb. 3) testet die Beinachsenstabilität nach seitlichen Sprüngen und die konzentrische Kraftentwicklung in Verbindung mit der motorischen Kontrolle bei Landungen. Er ist eine sinnvolle Ergänzung zu den oben vorgestellten Testverfahren, da er auch laterale Bewegungen wie bei Richtungswechseln und Side-Cut-Bewegungen berücksichtigt.

Der Patient stellt sich auf das zu überprüfende Bein an eine am Boden markierte Linie. Zusätzlich zur Startlinie wird nun noch eine 20 Zentimeter breite Mittellinie in Sprungrichtung markiert. Zuerst wird ein möglichst weiter horizontaler Sprung mit einem einbeinigen Absprung durchgeführt, gefolgt von zwei aneinandergereihten Sprüngen wie beim Triple Hop, allerdings muss der Sportler immer die Mittellinie überqueren. Er darf dabei sowohl das Spielbein als auch die Arme als Schwungelement einsetzen (11, 12).

Wichtig zu wissen. Neben dem LSI und der relativen Weite empfiehlt sich für alle drei Sprungtestverfahren der Vergleich der Ergebnisse mit denen vor der Verletzung. Denn so stehen individuelle Orientierungswerte für die Leistungsfähigkeit zur Verfügung, nach denen sich die Rehabilitation richten kann. Die oftmals isolierte Betrachtung des LSI als Steuerungsgröße birgt große Gefahren: Beim LSI dient das unversehrte Bein als Referenzwert. Kommt es aber zu einer schwerwiegenden Verletzung, ist gerade im Bereich der unteren Extremität meist die Belastbarkeit für die gesamte Extremität reduziert und auch das gesunde Bein dekonditioniert. Das bedeutet, auch bei einem optimalen LSI kann der Sportler noch nicht genügend leistungsfähig sein (13). Dementsprechend ist es in der letzten Phase der Rehabilitation elementar, neben der strukturellen, funktionellen und musklären Überprüfung der unteren Extremität auch komplexe, fordernde und sportartspezifische Testverfahren zu etablieren, um eine vollständige und anforderungsprofilentsprechende Rückkehr zum Sport gewährleistet zu können.

Ermüdung führt zu einer deutlichen Reduzierung der absoluten Sprungdistanz, vor allem im (Single Leg) Front Hop for Distance (14). Daher sollten die Testverfahren standardisiert in einem erholten Zustand durchgeführt werden.

Stellenwert. Qualitative und quantitative Sprungtestverfahren haben einen enormen Stellenwert in der Rehabilitation mit Sportlern. Sie geben eine gute Auskunft über die Funktion und die Leistungsfähigkeit der unteren Extremität und eignen sich daher auch als Instrument zur Therapiesteuerung. Myers et al. (13) haben für gesunde Spielsportler Normdaten erstellt. Da diese klinisch irrelevante Unterscheidungen zwischen den verschiedenen Sportarten aufweisen, können diese Werte in der allgemeinen Endphase der Rehabilitation als Orientierungswerte genutzt werden (Tab. 1).

Für die letzte Entscheidung, ob ein Sportler seinen spezifischen Sport wieder sicher aufnehmen kann, bedarf es neben der Sprungkraftdiagnostik noch weiterer sportartspezifischer Testverfahren sowie eines transdisziplinären Urteils aller an der Rehabilitation beteiligten Experten.

Test

Highschool

College

Mädchen

Jungen

Frauen

Männer

Single Leg Front Hop for Distance (cm)

129 ± 18

181 ± 20

149 ± 17

192 ± 20

Triple Hop (cm)

428 ± 54

583 ± 72

470 ± 53

632 ± 72

Crossover Hop (cm)

375 ± 60

522 ± 77

406 ± 54

570 ± 75

Buchtipp

Mehr von Jesper Schwarz erscheint bald als Buch im Pflaum Verlag. Das Thema lautet Fußball Performance Training. Weitere Informationen findest du demnächst auf leistungslust.de oder buecher.pflaum.de

ISBN: 978-3-9482-7707-9

Literatur

1. Lewek MD, Rudolph KS, Snyder‐Mackler L. 2004. Quadriceps femoris muscle weakness and activation failure in patients with symptomatic knee osteoarthritis. J. Orthop. Res. 22:110–5

2. Noyes F, Barber S, Mangine R. 1991. Abnormal lower limb symmetry determined by function hop tests after anterior cruciate ligament rupture. Am. J. Sports Med. 19, 5:513–8

3. Barber S, Noyes F, Mangine R, DeMaio M. 1992. Rehabilitation after ACL reconstruction: function testing. Orthopedics 15, 8:969–74

4. Katayama M, Higuchi H, Kimura M, Kobayashi A, Hatayama K, et al. 2004. Proprioception and performance after anterior cruciate ligament rupture. Int. Orthopaedics 28, 5:278–81

5. VBG. 2015. Return-to-Competition: Testmanual zur Beurteilung der Spielfähigkeit nach Ruptur des vorderen Kreuzbands. https://ll.rpv.media/6i; Zugriff am 4.7.2019

6. Hamilton RT, Shultz SJ, Schmitz RJ, Perrin DH. 2008. Triple-hop distance as a valid predictor of lower limb strength and power. J. Athl. Train. 43, 2:144–51

7. Hoog P, Warren M, Smith C, Himera N. 2016. Functional hop tests and tuck jump assessment scores between female division I collegiate athletes participating in high versus low acl injury prone sports: a cross sectional analysis. Int. J. Sports Phys. Ther. 11, 6:945–53

8. Rohman E, Steubs JT, Tompkins M. 2015. Changes in involved and uninvolved limb function during rehabilitation after anterior cruciate ligament reconstruction: implications for limb symmetry index measures. Am. J. Sport Med. 43, 6:1391–8

9. Mattacola CG, Perrin DH, Gansneder BM, Gieck JH, Saliba EN, et al. 2002. Strength, functional outcome, and postural stability after anterior cruciate ligament reconstruction. J. Athl. Train. 37, 3:262–8

10. Munro AG, Herrington LC. 2011. Between-session reliability of four hop tests and the agility T-test. J. Strength Cond. Res. 25, 5:1470–7

11. Bolgla LA, Keskula DR. 1997. Reliability of lower extremity functional performance tests. J. Orthop. Sports Phys. Ther. 26:138–42

12. Reid A, Birmingham TB, Stratford PW, Alcock GK, Giffin J. 2007. Hop testing provides a reliable and valid outcome measure during rehabilitation after anterior cruciate ligament reconstruction. Phys. Ther. 87, 3:337–49

13. Myers BA, Jenkins WL, Killian C, Rundquist P. 2014. Normative data for hop tests in high school and collegiate basketball and soccer players. Int. J. Sports Phys. Ther. 9, 5:596–603

14. Leister I, Mattiassich G, Kindermann H, Ortmaier R, Barthofer J, et al. 2018. Reference values for fatigued versus non-fatigued limb symmetry index measured by a newly designed single-leg hop test battery in healthy subjects: a pilot study. Sport Sci. Health 14, 1:105–13