Das Absetzen der Pille ist für viele eine echte Herausforderung: Zu bequem ist der künstlich regulierte Zyklus – vor der Vielzahl an Nebenwirkungen werden oft die Augen verschlossen. Wie man trotz natürlichem Zyklus seine sportliche Leistungsfähigkeit behält.

Hormonbombe Pille. Sechs bis sieben Millionen Frauen in Deutschland nehmen die Antibabypille (1). Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. So kann sie der Verhütung oder der Behandlung von Krankheiten, wie beispielsweise Endometriose, dienen. Seit 1960 verwenden etliche Frauen eine hoch konzentrierte Hormonkombination (1), bei der viele oft nicht wissen oder wissen wollen, welche Reihe an Nebenwirkungen sie mit sich bringt. Zu verlockend ist es, auf den Tag genau zu wissen, wann die Menstruation einsetzt. Pickel verschwinden, Regelschmerzen werden gemindert und die Blutung ist schwächer. Die Pille ist Teil des modernen Lebens geworden.

Gegenströmung. Doch das Interesse an einer bewussten Lebensweise und an dem, was im Körper tatsächlich passiert, steigt. Der natürliche Zyklus wird wichtiger als das schnelle „Betäuben“ der Symptome. Deshalb entscheiden sich immer mehr Frauen für das Absetzen der Pille – viele der Nebenwirkungen sind für sie nicht mehr tragbar. Mit dieser kontroversen Thematik befasst sich Functional Medicine-Spezialistin Annika Werpup in ihrem Buch, das im Herbst 2019 im Richard Pflaum Verlag erscheinen wird (2).

Künstlicher Eingriff in den Hormonhaushalt. Zunächst ist festzustellen, dass mit der Einnahme der Pille nicht nur der Eisprung unterdrückt wird, sondern eine künstliche Hormonzufuhr von Östrogen und Gestagen stattfindet. Es ist ein bewusster Eingriff in den Hormonhaushalt, bei dem alle Hormonrezeptoren besetzt werden. Eine körpereigene Produktion der Sexualhormone wird in der Zeit der Einnahme also überflüssig.

Oberflächlich betrachtet sorgt die Pille für einen konstanten Hormonspiegel. Menstruelle Symptome wie Müdigkeit oder Lustlosigkeit werden auf diese Weise vertuscht. Zudem stellen viele Frauen fest, dass ihr Zyklus geregelter ist und Unterleibsschmerzen während der Menstruation geringer sind oder gar ganz verschwinden.

Doch die Pille ist lediglich eine Fassade. Die vermeintlich verbesserte Leistungsfähigkeit und die erhöhte Konzentration halten nur für einen kurzen Zeitraum an. Die Einnahme muss unter der Berücksichtigung erfolgen, dass auch die Pille ein Medikament ist, das reichlich negative Symptome mit sich bringt. Ein Blick auf den Beipackzettel offenbart die Vielzahl der Nebenwirkungen (3): Brustschmerzen, Erschöpfung, Bauchschmerzen, Migräne oder Schwindel – um nur einige zu nennen. Vor allem für Sportlerinnen ist die Entscheidung gegen die Pille und für den natürlichen Zyklus unausweichlich.

Hormonchaos. Im Durchschnitt beginnen wir mit der Einnahme der Pille im Jugendalter. Beim Absetzen des Ovulationshemmers beginnt die Produktion körpereigener Hormone von Neuem. Nach jahrelangem Eingriff in den Hormonhaushalt bedeutet das für den Körper einen erheblichen Aufwand. Symptome, die durch die Östrogen-Gestagen-Kombination kaschiert wurden, treten mit aller Deutlichkeit wieder hervor (2).

Richtige Herangehensweise.Die Physiologie des weiblichen Zyklus ist höchst komplex und muss beim Absetzen der Pille beachtet werden. Als Botenstoffe haben unsere Hormone einen enormen Einfluss sowohl auf unser mentales Wohlbefinden als auch auf unsere körperliche Verfassung – beides zusammen steht in einer wechselseitigen Beziehung zueinander. Befinden wir uns in einer depressiven Stimmung, ist die Motivation, Sport zu treiben, gering. Sind wir mit unserem Körper unzufrieden, wirkt sich das weitreichend auf unser Gemüt aus. Das Absetzen des hormonellen Medikaments sollte deshalb ausreichend durchdacht werden und benötigt die richtige Herangehensweise.

Östrogendominanz. Bei einigen Frauen verursacht das Absetzen den sogenannten Progesteronmangel; damit einher geht eine Östrogendominanz. Depressionen, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen sind unangenehme Nebenwirkungen, die oft dazu führen, dass wir in dieser Zeit die sportliche Betätigung einstellen. Vor allen Dingen bei Sportlerinnen wird das als hinderlich und störend empfunden. Doch wie bei jedem anderen Arzneimittel auch muss sich der Körper erst eine gewisse Zeit an die Umstellung gewöhnen.

Der richtige Fettanteil. Ein weiterer negativer Effekt der Östrogendominanz kann vermehrtes Bauchfett sein. Verarbeitet die Leber zu wenig Östrogen, beginnt ein körpereigener Teufelskreis: Der Fettspeicher vermehrt sich und begünstigt seinerseits wieder eine erhöhte Östrogenproduktion. Das Endergebnis ist eine unerwünschte Gewichtszunahme. Eine Kombination von Ausdauertraining und gezielten Workouts kann den hohen Fettanteil erheblich reduzieren.

Umgekehrt führt ein zu geringer, sogar kritischer Fettanteil zur Verlängerung der Menstruation oder gar zum Ausbleiben. In den kritischen Bereich rutscht man, wenn beispielsweise zu viel Sport betrieben wird und die Reduktion eines außerordentlich großen Anteils an Körperfett erfolgt. Soll mit dem Absetzen der Pille die Leistung also nicht beeinträchtigt werden, ist es essenziell, auf den Körperfettanteil zu achten.

Training auf den Zyklus abstimmen. Hormone können durch den richtigen Einsatz im Sport allerdings auch förderlich sein. Abgesehen von den negativen Effekten durch einen erhöhten Östrogenspiegel liefert Östrogen einiges an Energie und beeinflusst den Proteinstoffwechsel positiv. Für die Trainingseinheit ist das nicht unerheblich und kann für sich genutzt werden. Wie genau das Sexualhormon seinen Einsatz finden kann, zeigt eine kurze Betrachtung des Hormonverhältnisses während verschiedener Zyklusphasen.

Zyklusabgestimmtes Training. In der sogenannten Follikelphase stellt sich der Körper auf eine mögliche Schwangerschaft ein und der Östrogenanteil steigt (2). Da Östrogen anabol wirken soll, hilft es sowohl beim Muskelaufbau als auch bei der Regeneration nach intensiver sportlicher Belastung – perfekt für das Krafttraining (4). Demgegenüber ist das Progesteron, das in diesem Zeitraum gering gehalten wird, für das Muskelwachstum hinderlich. Die darauf folgende Ovulationsphase veranlasst die Ausschüttung des luteinisierenden Hormons – der Follikel platzt und der Eisprung erfolgt. Vorsichtig sollten Sportlerinnen während der Lutealphase sein, denn hier zeigt sich ein umgekehrtes Östrogen-Progesteron-Verhältnis: Das bedeutet viel Progesteron und wenig Östrogen. Die Trainierbarkeit des Körpers ist dementsprechend schlechter.

Tracking für das optimale Training. Um diese Erkenntnis und die beschriebenen Zyklusphasen für das Training optimal nutzen zu können, empfiehlt sich ein Zyklustracking. Abgesehen vom manuellen Kalendereintrag gibt es verschiedene Tracking-Apps. Wichtig ist bei der Nutzung: Je mehr Daten gespeichert werden, desto genauer trifft die Voraussage zu. Sollte die App zusätzlich zur Verhütung genutzt werden, ist auf die Daten jedoch nicht hundertprozentig Verlass. Stress oder eine Erkrankung sind nur zwei der vielen Gründe, weshalb ein unausgeglichenes Hormonverhältnis entsteht. Die Daten können dadurch verfälscht werden.

Nachgefragt

Annika Werpup spricht im Leistungslust-Interview über die Auswirkungen der Pille: http://bit.ly/AnnikaWerpup_LL

Pflaum Verlag

Weitere Infos zu ihrem bald erscheinenden Buch Adé, goldener Pillenkäfig.

Literatur

  1. Glaeske G, Thürmann P. 2015. Pillenreport 2015 https://www.tk.de/resource/blob/2043476/f68a7108f6cdeae1a58e438d312e3ac6/studienband-pillenreport-2015-data.pdf; Zugriff am 9.9.2019
  2. Werpup A. 2019. Titel noch nicht bekannt. München: Richard Pflaum Verlag
  3. Beipackzetteln.de. 2019. Maxim – Beipackzettel. https://beipackzetteln.de/maxim#[object%20Object]; Zugriff am 9.9.2019
  4. Elliott-Sale K. 2014. The relationship between estrogen and muscle strength: a current perspective. Rev. Bras. Educ. Fis. Esporte 28; 2:339–349