Depressionen sind psychische Störungen, die nach heutigem Erkenntnisstand auch durch Entzündungsprozesse hervorgerufen werden können. Da sich bei depressiven Menschen häufig erhöhte Entzündungsmarker finden lassen, stellt die Behandlung mit antientzündlich wirkenden Omega-3-Fettsäuren eine interessante Therapieoption dar.

Depressionen sind gekennzeichnet durch gedrückte Stimmung, Antriebsminderung und Grübelneigung. Häufig ist das Selbstwertgefühl vermindert, die Leistungsfähigkeit nimmt ab und das Interesse an Dingen, die einem vorher Freude gebracht haben, geht verloren. Auch bei gesunden Menschen kann es beispielsweise im Zusammenhang mit Verlusterfahrungen zum Auftreten entsprechender Symptome kommen, die normalerweise nach einer bestimmten Zeit von selbst vorübergehen. Möglich ist, dass die Beeinträchtigungen unverhältnismäßig lange anhalten bzw. in ihrer Ausprägung in einem unangemessenen Verhältnis zu den auslösenden Faktoren stehen, so dass von einer Erkrankung gesprochen werden kann. Nach Daten der Studie des Robert-Koch-Instituts (DEGS1, 2013) zur Gesundheit der Erwachsenen in Deutschland liegt die Prävalenz von Depressionen in Deutschland im Bereich von 8,1 %, wobei Frauen (etwa 10,2 %) häufiger als Männer (etwa 6,1 %) betroffen sind.

Depressionen, Entzündungsprozesse und Omega-3-Fettsäuren

Die Inzidenz von Depressionen ist in der westlichen Welt seit Jahrzehnten ansteigend. Dabei hat sich im gleichen Zeitraum auch die Ernährung deutlich verändert, wobei die Aufnahme von mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren im Verhältnis zu einer Zunahme an Omega-6-Fettsäuren sank. Dies führte in unserer gegenwärtigen Ernährung zu einem geschätzten Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren von ca. 20:1. Man nimmt an, dass Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren in der Nahrung des Menschen vor etwa 10 000 Jahren, vor Beginn des Ackerbaus, in einem ausgeglichenen Verhältnis enthalten waren.

Eine Veränderung der Fettsäurezusammensetzung scheint an der Pathogenese von Depressionen ursächlich beteiligt zu sein, da erniedrigte Konzentrationen an Omega-3-Fettsäuren in Erythrozytenmembranen und im Blutplasma mit dem Auftreten von Depressionen assoziiert sind (1). Als zugrundeliegenden Pathomechanismus nimmt man dabei eine proinflammatorische Stoffwechsellage an, die durch ein erhöhtes Omega-6- zu Omega-3-Verhältnis begünstigt wird. Aufgrund erhöhter Konzentrationen an Omega-6-Fettsäuren bilden sich im Körper durch die Enzyme Delta-6-Desaturase und Delta-5-Desaturase mehr Arachidonsäure, die eine Vorstufe entzündungsfördernder Prostaglandine und Leukotriene darstellt. Da die überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln enthaltene Omega-3-Fettsäure α-Linolensäure die gleichen Enzyme zur Bildung von Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) nutzt, ist eine vermehrte Aufnahme von α-Linolensäure mit einer geringeren Arachidonsäurebildung verbunden. Omega-3-Fettsäuren wie EPA und DHA unterscheiden sich von Omega-6-Fettsäuren hinsichtlich der letzten Doppelbindung in ihrer Kohlenstoffkette, die an der drittletzten (ω-3) bzw. an der sechstletzten (ω-6) C-C-Bindung vorliegt. EPA und DHA stellen im Körper Vorstufen antientzündlicher Gewebshormone, sogenannte Resolvine, dar. Vor allem EPA besitzt eine deutliche entzündungshemmende Wirkung, da aus ihr über Cyclooxygenasen und Lipoxygenasen Prostaglandine und Leukotriene mit einer vergleichsweise schwachen inflammatorischen Wirkung gebildet werden. Erhöhte EPA-Konzentrationen führen zu einer kompetitiven Hemmung der Enzymsysteme, die Gewebshormone mit deutlich ausgeprägterem Entzündungspotential aus Arachidonsäure bilden (s. Abb. 1).

Abb. 1: Über Cyclooxygenasen (COX) und Lipoxygenasen (LOX) werden aus der Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure Prostaglandine (PGs) und Leukotriene (LTs) mit hohem Entzündungspotential gebildet. Aus EPA entstehen dagegen PGs und LTs mit vergleichsweise niedrigem Entzündungspotential. Eine antiinflammatorische Wirkung resultiert aus der kompetitiven Hemmung der verantwortlichen Enzymsysteme durch EPA sowie aus der Bildung antientzündlicher Resolvine (nach 3).
Abb. 1: Über Cyclooxygenasen (COX) und Lipoxygenasen (LOX) werden aus der Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure Prostaglandine (PGs) und Leukotriene (LTs) mit hohem Entzündungspotential gebildet. Aus EPA entstehen dagegen PGs und LTs mit vergleichsweise niedrigem Entzündungspotential. Eine antiinflammatorische Wirkung resultiert aus der kompetitiven Hemmung der verantwortlichen Enzymsysteme durch EPA sowie aus der Bildung antientzündlicher Resolvine (nach 3).

Diese Stoffwechselprozesse scheinen nach heutigem Erkenntnisstand eine grundlegende Rolle in der Pathophysiologie von Depressionen zu spielen, da bei Menschen mit Depressionen häufig erhöhte Werte entzündungsfördernder Gewebshormone messbar sind und die Verabreichung derartiger Botenstoffe mitunter Symptome einer Depression hervorruft (2). Die antidepressive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren konnte in verschiedenen Studien deutlich aufgezeigt werden.

Abb. 2: Einschätzung der Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren mit erhöhtem EPA-Gehalt bei Depressionen, im Vergleich zu Pharmakotherapie und Verhaltenstherapie, Dargestellt als normierte Differenz der Mittelwerte (engl. Standard Mean Difference, SMD) (nach 5, 6, 7)
Abb. 2: Einschätzung der Wirksamkeit von Omega-3-Fettsäuren mit erhöhtem EPA-Gehalt bei Depressionen, im Vergleich zu Pharmakotherapie und Verhaltenstherapie, Dargestellt als normierte Differenz der Mittelwerte (engl. Standard Mean Difference, SMD) (nach 5, 6, 7)

EPA und DHA bei Depressionen

Als Fettsäurekomponente von Phospholipiden stellt DHA einen integralen Bestandteil der Zellmembranen von Nervenzellen dar. DHA ist insbesondere im Gehirn und in der Netzhaut angereichert. Es bildet einen Anteil von bis zu 97 % der Omega-3-Fettsäuren des zentralen Nervensystems bzw. bis zu 93 % der Omega-3-Fettsäuren in der Netzhaut. Gegenüber DHA scheint EPA eine ausgeprägtere antidepressive Wirksamkeit aufzuweisen. Aufgenommene EPA wird demnach schnell verstoffwechselt und beeinflusst im Gehirn die Wirkung verschiedener Signalmoleküle (4). In klinischen Studien konnte eine therapeutische Wirksamkeit vor allem beim Einsatz von Supplements, die mehr EPA als DHA enthielten (≥ 60 % EPA, s. Abb. 2), herausgestellt werden. Effektive Dosierungen scheinen dabei im Bereich von 500 bis 4 000 mg zu liegen, wobei man ein Wirkoptimum im Bereich von 2 000 mg EPA annimmt (5). Omega-3-Fettsäuren können in vergleichbaren Mengen mit der Nahrung zugeführt werden. Nebenwirkungen sind deshalb nicht zu erwarten.

Abb. 3: Es gibt Untersuchungen, die eine überlegene Wirksamkeit von EPA gegenüber einer Behandlung mit antidepressiven Medikamenten aufzeigen. Hier mit dem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Fluoxetin. Durch eine Kombination der beiden Therapieoptionen kann die Wirkung demnach weiter gesteigert werden (nach 8).
Abb. 3: Es gibt Untersuchungen, die eine überlegene Wirksamkeit von EPA gegenüber einer Behandlung mit antidepressiven Medikamenten aufzeigen. Hier mit dem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Fluoxetin. Durch eine Kombination der beiden Therapieoptionen kann die Wirkung demnach weiter gesteigert werden (nach 8).

EPA als komplementäre Therapieoption

Verschiedene Untersuchungen bestätigen EPA eine überlegene antidepressive Wirksamkeit gegenüber Pharmakotherapien wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (8, 9). Es ließ sich ebenfalls aufzeigen, dass EPA die Wirkung entsprechender Medikamente verbessern kann (8, 10). In Untersuchungen wird dabei meist die sog. Hamilton-Skala (HDRS) herangezogen, um die Schwere der Symptomausprägung einzuschätzen. Dabei handelt es sich um einen standardisierten Fragebogen, bei dem eine höhere Punktzahl im Ergebnis auf eine ausgeprägtere Symptomatik hinweist. Eine Punktzahl (Score) von bis zu 8 Punkten bei dem 17 Fragen umfassenden Test (HDRS17) gilt als klinisch unauffällig. 9 bis 16 Punkte weisen auf eine leichte Depression hin. Eine mittelschwere Symptomatik wird bei 17 bis 24 Punkten angenommen. Eine schwere Depression liegt bei ≥ 25 Punkten vor. In einer randomisierten Doppelblindstudie erhielten 48 Teilnehmer mit schwerer Symptomatik entweder 20 mg des selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers Fluoxetin, 1 000 mg EPA oder eine Kombination beider Wirkstoffe. Während für EPA und Fluoxetin eine ähnliche Wirksamkeit herausgestellt werden konnte, zeigt die komplementäre Therapie die deutlichste Verbesserung der Symptome, die nach acht Wochen den Bereich einer leichten Symptomausprägung erreichte (s. Abb. 3) (8).

Auch ein Mangel bestimmter Mikronährstoffe, wie Folat und Vitamin B12 kann Symptome einer Depression hervorrufen (11). Da eine Unterversorgung in Deutschland weit verbreitet ist, sollte ein Defizit beim Vorliegen einer entsprechenden Symptomatik ausgeschlossen werden. Verschiedene Untersuchungen konnten eine antidepressive Wirkung der Omega-3-Fettsäure EPA bzw. einer Kombination von EPA und DHA mit einem erhöhten EPA-Gehalt (≥ 60 %) herausstellen. Aufgrund des Fehlens gravierender Nebenwirkungen bieten sich Omega-3-Supplements als mögliche Alternative zu einer Pharmakotherapie an. Daneben ließ sich auch eine synergistische Wirkung bei Kombination mit antidepressiven Medikamenten aufzeigen. Bei einer ausgeprägten Depressionssymptomatik sollte jedoch unbedingt erwogen werden, einen Arzt oder Psychotherapeuten hinzuzuziehen. Wenn ein Behandlungsversuch mit Omega-3-Fettsäuren erfolgt, liegt die empfohlene Tagesmenge im Bereich von 2 g.

(Grafiken: Philipp Gebhardt, Bearbeitung: Pflaum Verlag)

Literatur

  1. Husted KS, Bouzinova EV: The importance of n-6/n-3 fatty acids ratio in the major depressive disorder. Medicina (2016), 52(3), 139–147
  2. Raison CL, Capuron L, Miller AH: Cytokines sing the blues: inflammation and the pathogenesis of depression. Trends in immunology (2006), 27(1), 24–31
  3. Calder PC: Omega-3 fatty acids and inflammatory processes. Nutrients (2010), 2(3), 355–374
  4. Bazinet RP, et al.: Brain eicosapentaenoic acid metabolism as a lead for novel therapeutics in major depression. Brain, behavior, and immunity 2019
  5. Sublette ME, et al.: Meta-analysis: effects of eicosapentaenoic acid in clinical trials in depression. The Journal of clinical psychiatry (2011), 72(12), 1577
  6. Cipriani A et al.: Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: a systematic review and network meta-analysis. Focus (2018), 16(4), 420–429
  7. Cuijpers P, et al. How effective are cognitive behavior therapies for major depression and anxiety disorders? A meta‐analytic update of the evidence. World Psychiatry (2016), 15(3), 245–258
  8. Jazayeri S, et al.: Comparison of therapeutic effects of omega-3 fatty acid eicosapentaenoic acid and fluoxetine, separately and in combination, in major depressive disorder. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry (2008), 42(3), 192–198
  9. Masoumi SZ, et al. :Effect of Citalopram in combination with omega-3 on depression in post-menopausal women: a triple blind randomized controlled trial. Journal of clinical and diagnostic research: JCDR (2016), 10(10), QC01
  10. Gertsik L, et al.: Omega-3 fatty acid augmentation of citalopram treatment for patients with major depressive disorder. Journal of clinical psychopharmacology (2012), 32(1), 61
  11. Coppen A, Bolander-Gouaille C: Treatment of depression: time to consider folic acid and vitamin B12. Journal of Psychopharmacology (2005), 19(1), 59–6