Jährlich geben die Bundesbürger nahezu 250 Millionen Euro für Magnesiumpräparate aus. In der Hoffnung, dadurch nicht nur Muskelkrämpfe und Schnupfen, sondern sogar schwere Erkrankungen wie Osteoporose, Diabetes, Bluthochdruck und Depressionen in den Griff zu bekommen. Doch was kann das Mineral tatsächlich?

Alleskönner Magnesiumöl? Es schmeckt salzig, wenn man den Mund damit spült; prickelt, wenn man die Füße darin badet; bleibt lang schmierig, wenn man die Haut damit besprüht. Aber das alles sollen nur Nebeneffekte sein. Denn „Transdermales Magnesiumöl“ ist zurzeit der große Trend auf dem bunten Markt der alternativen Heilverfahren. Es soll das Mineral über Haut und Schleimhaut viel schneller und effektiver in den Körper einschleusen als die üblichen Präparate zum Einnehmen. Weswegen es, wie einige Anbieter schwärmen, geradezu ein Gesundheits-Turbo sei. Es soll bei Schmerzen, Krämpfen, Schlafstörungen und Verspannungen hilfreich sein, und einige Anbieter empfehlen es sogar bei Asthma und Bluthochdruck.

Fußbad in Bier. Jürgen Vormann vom Institut für Prävention und Ernährung in Ismaning kann diesen Versprechungen nur wenig abgewinnen. Sein Hauptargument dagegen: „Magnesiumöl ist kein Öl, sondern eine konzentrierte Magnesiumchlorid-Lösung.“ (1) Und in dieser sei das Mineral ionisiert und dadurch gar nicht in der Lage, die Haut zu durchdringen. Was auch, wie der Biochemiker betont, durchaus zu begrüßen sei. Denn sonst hätte das Baden im Toten Meer nicht etwa einen therapeutischen Nutzen, sondern es würde den Patienten – wegen der hohen Magnesiumkonzentrationen – schlichtweg vergiften.

Matthias Bastigkeit vom Mediziner-Portal Doccheck geißelt Magnesiumöl sogar als transdermalen Bullshit (2). Dass ein Fußbad darin besonders viel Magnesium in den Körper überführe, sei vergleichbar mit der Behauptung, wonach ein Bier-Fußbad betrunken macht. Es sei schade, dass durch solche Märchen ein verdienstvolles Mineral diskreditiert würde.

Tatsächlich hat das Mineral diverse wissenschaftliche Belege für seine gesundheitlichen Wirkungen sammeln können, ohne dabei seine klassische Anwendungsform – nämlich einfach über Mund und Verdauungstrakt – ändern zu müssen. So ist mittlerweile bekannt, dass es an rund 600 enzymatischen Reaktionen im Körper beteiligt ist. Dementsprechend breit ist sein Wirkungsspektrum, und dementsprechend breit ist das Spektrum an Krankheiten und Funktionsstörungen, wenn das Mineral fehlt.

Ein chinesisches Forscherteam hat insgesamt 40 Studien gefunden, die einen Zusammenhang zwischen der Magnesiumaufnahme durch Lebensmittel mit verschiedenen Gesundheitsrisiken untersuchten (3). Demnach senkt ein täglicher Anstieg der Magnesiumzufuhr um 100 Milligramm das Risiko einer Herzschwäche um 22 Prozent und das einer Diabeteserkrankung um 19 Prozent, und die Sterberate geht insgesamt um zehn Prozent zurück.

Studienleiter Fudi Wang von der Zhejiang University in Hangzhou rät daher, den Verzehr von Vollkorn, Kakao, Nüssen und vor allem grünem Gemüse zu steigern, weil sich in dessen Chlorophyll große Mengen des Minerals befinden. „Dies dürfte durchaus die Volksgesundheit verbessern“, betont der Ernährungsmediziner. Denn auch in Ländern mit reichhaltigem Nahrungsangebot hätten bis zu 15 Prozent der Bevölkerung ein Magnesiumdefizit, was vor allem auf den Verzehr industrieller Lebensmittel und den Einsatz von stickstoff- und kaliumhaltigen Düngern in der Landwirtschaft zurückginge.

Puls und Stimmung. Andreas Götte von der Deutschen Herzstiftung rät, regelmäßig die Kalium- und Magnesiumwerte kontrollieren zu lassen. Denn, so der Kardiologe, „diese Mineralien bilden elektrische Impulse in den Herzzellen und sind für deren Weiterleitung von Zelle zu Zelle von entscheidender Bedeutung“. Sofern ihre unteren Grenzwerte im Blut – bei Kalium 3,6 mmol/l und bei Magnesium 0,7 mmol/l – unterschritten werden, können sich verstärkt Extraschläge im Herzen ausbilden. So beobachten gerade Leistungssportler immer wieder an sich, dass ihr Herz – trotz ihres guten Trainingszustandes – gerade in der Nacht zu Pulskapriolen neigt. Sie sollten bei der Suche nach den Gründen für dieses Phänomen auch ihre Magnesium- und Kaliumwerte im Auge haben.

Eine Besonderheit von Magnesium liegt darin, dass es im Körper als Gegenspieler zu Calcium fungiert. Letzeres kann in hohen Dosierungen die Spannung in den Blutgefäßen erhöhen. Dementsprechend kann es bei Bluthochdruck sinnvoll sein, dem Körper mehr Magnesium zuzuführen. In einer aktuellen Studie der medizinischen Universität in Wien hat sich diese Strategie als effektiver erwiesen, als wenn man – so wie es weithin üblich ist – die Salzzufuhr drosselt (4).

Wegen seiner engen Verbindung zu den Stoffwechsel- und Elektroprozessen im Körper liegt zudem die Vermutung nahe, dass Magnesium auch vor Hirnerkrankungen wie Demenz und Depressionen schützt. Die medizinische Literatur liefert dazu diverse Belege. Es gibt sogar Fallberichte von Patienten, die sich binnen einer Woche von ihrem depressiven Schub erholten, sofern man ihnen ein Magnesiumpräparat zu den Mahlzeiten und zur Nacht verabreichte. Bestätigt werden diese Beobachtungen mittlerweile durch eine kleine klinische Studie der University of Vermont, USA (5). Doch für die generelle Empfehlung einer Magnesiumkur im Falle einer Depression ist es noch zu früh.

Wadenkrampf. Das klassische Einsatzgebiet der Magnesiumpräparate muss sogar als überholt eingeschätzt werden. Denn der Wadenkrampf wird wohl nicht durch einen Mangel des Minerals, sondern durch fehlerhafte Rückenmarksreflexe ausgelöst. Dabei wird der Muskel zum Schutz angespannt, obwohl keine Gefahr für ihn besteht. Gegen diesen Irrtum kann Magnesium nichts ausrichten. Wohl aber, wie man an der North Dakota State University ermittelt hat, wenn man ein Glas Essiggurkenwasser trinkt (6). Und die Muskelentkrampfung erfolgt bereits weniger als eine Minute, nachdem man es getrunken hat. Die US-Forscher vermuten, dass der saure Geschmack des Gurkenwassers schon im Mund einen Reiz auslöst, der die gestörten Reflexe im Körper wieder in Ordnung bringt.

Magnesium scheint also eher zur Prävention und Therapieunterstützung von großen Volkserkrankungen wie Herzschwäche, Herzjagen, Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen und Demenz geeignet zu sein. Unklar ist allerdings, ob man dazu unbedingt Präparate braucht. Denn oft lässt sich ein Mangel schon verhindern, indem man in der Nahrung den Gehalt von tierischen Fetten und Phosphaten reduziert. Denn sie behindern die Magnesiumresorption. Calcium hingegen macht dies – auch wenn dies aufgrund der antagonistischen Eigenschaften der beiden Mineralien oft behauptet wird – nicht, denn sie werden auf unterschiedlichen Transportwegen aufgenommen.

Mangold und Nüsse versuchen. Gegen den vorschnellen Griff zu Supplementen spricht auch, dass einige konventionelle Nahrungsmittel mit hohen Magnesiumwerten aufwarten. So enthalten beispielsweise 50 Gramm Cashewnüsse 135, 50 Gramm Sonnenblumenkerne 210 Milligramm oder 200 Gramm Mangold 140 mg Magnesium. Es bietet sich also an, einer natürlichen Versorgung erst einmal eine Chance zu geben, bevor man zu Nahrungsergänzungen greift. Zumal Supplemente, wie die Verbraucherzentralen warnen, in jedem zweiten Fall eine höhere Menge des Minerals bergen als vom Bundesinstitut für Risikobewertung als Höchstdosis (250 Milligramm) empfohlen wird (7). Dadurch könne es zu Überdosierungen mit sehr unangenehmen Folgen kommen.

Andererseits erscheinen solche Warnungen auch übertrieben. In der medizinischen Literatur existieren zwar vereinzelte Berichte von Durchfällen, wenn das Mineral weit jenseits der 250 Milligramm dosiert wird. Doch wirklich starke Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall und Muskelschwäche treten eigentlich nur dann auf, wenn es als Infusion verabreicht wird.

Praxistipps

  • Achte bei deiner Ernährung auf magnesiumhaltige Lebensmittel.
  • Reduziere phosphathaltige Lebensmittel wie Limo oder Schmelzkäse.
  • Prüfe kritisch, ob Du Nahrungsergänzungsmittel benötigst.

Nachgefragt 

Im Leistungslustinterview geht´s weiter. Dr. Jörg Zittlau spricht über den Mythos Functional Food und geschlechterspezifische Ernährung: https://ll.rpv.media/functionalfood

Richard Pflaum Verlag

Literatur

  1. Vormann J, et al. 2017. Sinn oder Unsinn von transdermalem Magnesium. Z Orthomol Med. 15(04): 10-13
  2. Bastigkeit M. 2017. Transdermaler Bullshit. https://ll.rpv.media/8t; Zugriff am 23.6.2017
  3. Wang F, et al. 2016. Dietary magnesium intake and the risk of cardiovascular disease, type 2 diabetes, and all-cause mortality, BMC Medicine 14: 210
  4. Igbal S, et al. 2019. The Effect of Electrolytes on Blood Pressure. Nutrients. Jun 17;11(6)
  5. Tarleton EK, et al. 2017. Role of magnesium supplementation in the treatment of depression. PLoS One. Jun 27;12(6)
  6. Miller KC, et al. 2010. Reflex inhibition of electrically induced muscle cramps in hypohydrated human. Med Sci Sports Exerc. 42(5): 953-61
  7. Verbraucherzentrale 2019. Magnesium. Was ist zu beachten. https://ll.rpv.media/8u; Zugriff am 28.2.2020