Die Koordination gehört zu den fünf grundlegenden motorischen Fähigkeiten, welche die sportliche Leistungsfähigkeit bestimmen. Sie ist die Voraussetzung, um sportliche Bewegungen schnell zu erlernen und ökonomisch auszuführen. Außerdem haben koordinative Trainingsprogramme positive Auswirkungen auf die Verletzungsprophylaxe und gehören zu jeder Rehabilitation.

Konditionelle und koordinative Fähigkeiten. Die Trainingslehre unterteilt üblicherweise die grundlegenden konditionellen und koordinativen Fähigkeiten in fünf Bereiche:

  • Kraft
  • Ausdauer
  • Schnelligkeit
  • Beweglichkeit
  • Koordination

Die konditionellen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit werden überwiegend durch energetische Prozesse bestimmt. Koordinative Fähigkeiten sind primär durch die Prozesse der Bewegungssteuerung und -regelung determiniert (1). Die motorische Fähigkeit Beweglichkeit lässt sich weder den konditionellen noch den koordinativen Fähigkeiten eindeutig zuordnen.

Sowohl im Leistungs- als auch im Breitensport wird ständig an Trainingsprogrammen zur Entwicklung von Kraft und Ausdauer gefeilt. Übungen zur Steigerung der Koordination finden im Trainingsalltag noch zu selten Berücksichtigung. Dabei sind die Vorteile eines entsprechenden Trainings immens, zum Beispiel:

  • Ökonomisierung sportlicher Bewegungsabläufe
  • verbesserte Eigenwahrnehmung
  • Unfall- und Verletzungsprophylaxe

Die motorische Fähigkeit Koordination ist eine Leistungseigenschaft von außerordentlicher Komplexität (1). Eine Vielzahl von Theoriemodellen versucht die Gesamtheit dieser Fähigkeit zu beschreiben; bis heute existiert jedoch kein allgemein anerkanntes Modell.

Im Folgenden beziehe ich mich auf den Strukturierungsansatz von Meinel und Schnabel, der vom Arbeitsmodell der Leipziger Koordinationsforscher als Grundlage ausgeht.

Das Modell der Leipziger Koordinationsforscher. Dieses Konzept gibt einen guten Überblick über die Vielfältigkeit der Koordination und hat sich aus Sicht verschiedenster Sportarten als praktikabel erwiesen.

Tabelle 1: Definitionen der koordinativen Fähigkeiten, modifiziert nach Meinel et al.

Koordinative Fähigkeit Definition
Reaktionsfähigkeit Die Fähigkeit zur schnellen Einleitung und Ausführung motorischer Aktionen auf mehr oder weniger komplizierte Signale
Rhythmisierungsfähigkeit Die Fähigkeit, einen von außen vorgegebenen oder im Bewegungsablauf enthaltenen Rhythmus zu erfassen und motorisch genau zu reproduzieren
Gleichgewichtsfähigkeit Die Fähigkeit, den Körper im Gleichgewichtszustand zu halten oder während und nach umfangreichen Körperverlagerungen diesen Zustand beizubehalten bzw. wiederherzustellen
Orientierungsfähigkeit Die Fähigkeit zur Bestimmung und zieladäquaten Veränderung der Lage und Bewegung des Körpers in Raum und Zeit, bezogen auf ein definiertes Aktionsfeld und/oder ein sich bewegendes Objekt
Differenzierungsfähigkeit Die Fähigkeit zum Erreichen einer hohen Feinabstimmung einzelner Bewegungsphasen und Teilkörperbewegungen, die in großer Bewegungsgenauigkeit und Bewegungsökonomie zum Ausdruck kommt
Kopplungsfähigkeit Die Fähigkeit, Teilkörperbewegungen untereinander und in Beziehung zu der auf ein bestimmtes Handlungsziel gerichteten Gesamtkörperbewegung räumlich, zeitlich und dynamisch genau aufeinander abzustimmen
Umstellungsfähigkeit Die Fähigkeit, während des Handlungsvollzugs auf der Grundlage wahrgenommener oder vorauszusehender Situationsveränderungen das Handlungsprogramm schnell und genau anzupassen bzw. zu verändern und motorisch umzusetzen

Koordinationstraining in der Praxis. Jeder Sportler, gleich welcher Disziplin er nachgeht, profitiert von einem Koordinationstraining. Im Folgenden erläutere ich ein Koordinationstraining in der Praxis am Beispiel eines Kickboxers. Tabelle 2 zeigt konkrete Trainingsbeispiele für die einzelnen koordinativen Fähigkeiten.

Kickboxer profitieren von einem Koordinationstraining.antoniodiaz / shutterstock.com
Kickboxer profitieren von einem Koordinationstraining.

Tabelle 2: Kickboxen – Trainingsbeispiele für die koordinativen Fähigkeiten

Koordinative Fähigkeit Training in der Praxis
Reaktionsfähigkeit Der Sportler muss auf akustische oder visuelle Signale des Trainers reagieren. Bestimmte Schlagkombinationen beim Schattenboxen nach Pfiffen vom Trainer bieten sich an.
Rhythmisierungsfähigkeit Der Sportler muss Schlagkombinationen, die der Trainer oder Trainingspartner vorgibt, genau reproduzieren und spiegeln.
Gleichgewichtsfähigkeit Der Sportler führt verschiedene Schlagkombinationen und Kicks auf unterschiedlichen Unterstützungsflächen wie Kreiseln oder Wackelbrettern durch.
Orientierungsfähigkeit Der Sportler folgt den Bewegungen des Trainers oder Trainingspartners im Boxring: Bewegt sich der Partner nach vorne, muss er sich nach hinten bewegen; bewegt sich der Partner nach hinten, muss er nach vorne folgen. Der Sportler muss so immer die optimale Schlagdistanz halten und sich im Ring bewegen und orientieren.
Differenzierungsfähigkeit Der Sportler muss an einem Sandsack befestigte Zielscheiben mit Schlägen und Tritten präzise treffen. Einfache Ziele aus Papier, die an den Sandsack geklebt werden, reichen hier aus.
Kopplungsfähigkeit Der Sportler schlägt mit der linken Hand und geht gleichzeitig mit dem linken Bein einen Schritt nach vorne. Die Übung lässt sich auch mit mehreren Schlägen und im Rückwärtsgang ausführen.
Umstellungsfähigkeit Der Sportler wechselt beim Sparring jede Runde den Trainingspartner.

Wie die Beispiele in Tabelle 2 verdeutlichen, lassen sich viele Übungen in das sportartspezifische Training integrieren. Im Rahmen des Aufwärmens können schon beim Schattenboxen mit Partner Übungen für die Reaktions-, Rhythmisierungs- und Orientierungsfähigkeit eingebaut werden. Ohne großen Aufwand lassen sich so die koordinativen Fähigkeiten verbessern. Abhängig von der jeweiligen Sportart und den individuellen Voraussetzungen empfiehlt sich darüber hinaus ein spezielleres und separates Training. Gerade für koordinativ anspruchsvolle Disziplinen wie beispielsweise Boxen, Schwimmen und die meisten Ballsportarten macht ein differenziertes Training durchaus Sinn.

Neben dem positiven Einfluss eines koordinativen Trainings auf die Leistungsfähigkeit ist ein entsprechendes Training zur Verletzungsprophylaxe ratsam.

Koordinationstraining zur Verletzungsprophylaxe. Knobloch et al. (2) untersuchten an 24 Fußballspielerinnen der ersten Frauenmannschaft des FC Bayern München, ob Muster und Schwere einer Verletzung durch eine prospektive Trainingsintervention mit propriozeptiven und koordinativen Übungen zusätzlich zum fußballtechnischen Training im Saisonverlauf verändert werden. Die Spielerinnen absolvierten ab der Rückrundenvorbereitung ein Propriozeptions- und Koordinationstraining neben den fußballspezifischen Trainingsinhalten.

Der regelmäßig wöchentlich durchgeführte Koordinationszirkel enthielt typische Koordinationsübungen, unter anderem Einbeinstand auf einem Kreisel, Springen in den Einbeinstand und Seilspringen. Die Autoren stellten einen positiven Effekt fest. Nach Initiierung der zusätzlichen propriozeptiven und koordinativen Trainingsintervention sank die hohe Rate von Muskelverletzungen bereits innerhalb einer Rückrundenspielzeit signifikant um 400 Prozent. Während in der Hinrunde drei schwere Knieverletzungen auftraten – darunter zwei vordere Kreuzbandrupturen –, wurden in der Rückrunde keine Kreuzbandverletzungen beobachtet. Außerdem zeigte ein Re-Test eine Verbesserung des Koordinationsvermögens, der Sprunghöhe- und weite sowie der Beweglichkeit. Neben dieser Untersuchung gibt es noch weitere Studien, die ähnliche Effekte beschreiben (2–4). Daraus leitet sich eine Empfehlung zur Integration von koordinativen Übungen zur Verletzungsprophylaxe in Trainingsprogramme ab.

Ein Koordinationstraining dient aber nicht nur der Verletzungsprophylaxe, sondern ist auch für die Trainingstherapie nach einer Verletzung von entscheidender Bedeutung.

Koordinationstraining nach Verletzungen. Gerade nach Verletzungen am Bewegungsapparat gehört ein Training zur Verbesserung der Bewegungssteuerung und -regelung zu jeder Trainingstherapie. Durch traumatische Ereignisse oder degenerative Prozesse kommt es zu Abweichungen in der Haltungs- und Bewegungssteuerung des Patienten (5). Deshalb ist es ein wesentliches Ziel eines Wiederaufbautrainings, verloren gegangene Bewegungsmuster wiederzuerlangen und die Eigenwahrnehmung zu verbessern. Besonders nach Verletzungen der unteren Extremitäten kommen klassische Übungen aus dem Koordinationstraining zum Einsatz, beispielsweise Einbeinstände auf stabilen und labilen Untergründen. Diese Übungen zielen auf die Verbesserung der Propriozeption ab. Propriozeptoren sind die verantwortlichen Organe für die Reiz- beziehungsweise Informationsaufnahme der Bewegungsregelung. Sie befinden sich in Faszien, Sehnen und Gelenkkapseln (5). Dazu gehören unter anderem Muskelspindeln, Golgi-Sehnenorgane und Ruffini-Endorgane. Da jede Bewegung des menschlichen Körpers propriozeptiv registriert wird (6), ist ein entsprechendes Training zur Wiedererlangung verlorener Bewegungsmuster unerlässlich.

Besonders wichtig sind Trainingsinterventionen mit propriozeptiven und koordinativen Übungen bei Verletzungen der unteren Extremitäten, da diese entscheidend für die Bewegungs- und damit auch Lebensqualität sind.

Praxistipps

  • Baue in das sportartspezifische Training deiner Athleten koordinative Trainingsinhalte ein.
  • Führe bei Bedarf extra Trainingseinheiten zur Schulung der Koordination durch.
  • Achte darauf, alle sieben speziellen koordinativen Fähigkeiten anzusprechen.

Literatur

  1. Hirtz P. 2007. Koordinative Fähigkeiten und Beweglichkeit. In: Bewegungslehre Sportmotorik. Herausgeber: K. Meinel, G. Schnabel. Aachen: Meyer & Meyer
  2. Knobloch K, et al. 2005. Prospektives Propriozeptions- und Koordinationstraining zur Verletzungsreduktion im professionellen Frauenfußballsport. Sportverletz. Sportschad. 19; 3:123–129
  3. Caraffa A, et al. 1996. Prevention of anterior cruciate ligament injuries in soccer: a prospective controlled study of proprioceptive training. Knee Surg. Sports Traumtol. Arthrosc. 4:19–21
  4. Wedderkopp N, et al. 1999. Prevention of injuries in young female players in European team handball: a prospective intervention study. Scand. J. Med. Sci. Sports 9:41–47
  5. Froböse I. 2015. Training in der Therapie. München: Urban & Fischer
  6. Niethard FU, Pfeil J. 1997. Orthopädie. Stuttgart: Hippokrates