Wie sieht die tägliche Arbeit mit Menschen im therapeutischen Reiten aus? Welche Rolle spielt der Körper, aber auch die Psyche? Im Interview sprechen wir mit Judith Goßmann über den Ablauf, die Herausforderungen und die Erfolge bei ihrer Arbeit als Trainerin für therapeutisches Reiten mit Kindern und Erwachsenen.

Judith, wann und wie bist du auf das Pferd gekommen?

Ich wollte immer reiten. Auch schon mit vier, fünf Jahren wollte ich reiten, obwohl wir in Schwabing gewohnt haben und eigentlich gar keine Pferde da waren. Mit acht habe ich angefangen und dann bin ich immer weiter geritten. Seither begleitet es mein Leben. 

Was hat dich dazu bewogen, dich auf therapeutisches Reiten zu spezialisieren?

Ich glaube, die Idee hatte ich schon so mit 14, 15 Jahren. Bei uns im Stall habe ich schon immer gesehen, wie wir und andere Jugendliche, wenn schwierige Familienverhältnisse waren, immer davon profitiert haben – auch jüngere Kinder. Uns hat das Reiten und der Umgang mit den Pferden alle beruhigt. Da habe ich mir gedacht: Das muss man doch irgendwie miteinander verbinden können. So ist diese Idee tatsächlich damals schon in meinem Kopf entstanden. 

Warum ist das Pferd ein ideales Therapietier?

Pferde sind hochsensibel und Fluchttiere. Sie reagieren ungemein schnell auf Umweltveränderungen, Stimmungen und Schwingungen – was sie auch müssen, um zu überleben, rein evolutionstechnisch betrachtet. Zudem sind Pferde wahnsinnig neugierig. Das ist etwas, was man ausgezeichnet nutzen kann: Durch die Neugierde gehen sie auf die Menschen zu und sie wollen eine Beziehung. Da kommt das Thema Herdentier noch dazu. 

Worin unterscheiden sich die Benefits der Pferdetherapie vonzu Therapieformen mit anderen Tieren – zum Beispiel Delfintherapie –, abgesehen von der lokalen Verfügbarkeit?

Also, es ist natürlich entscheidend, dass wir auf dem Pferd reiten können. Das Pferd bewegt sich dreidimensional im Schritt und diese Bewegung überträgt sich auf unseren Körper, überträgt sich auf unsere Wirbelsäule. Die Theorie ist, dass dieser Bewegungsdialog an den Bewegungsdialog erinnert, den wir im Mutterleib erfahren.

Mit welchen Formen von Beeinträchtigung hast du es täglich zu tun?

Bei meiner Arbeit geht es vorrangig um Entwicklungsförderung und Persönlichkeitsentwicklung mit allen Altersklassen. Ich habe mich auf psychische und psychosomatische Störungen spezialisiert, sowie auf Autismus-Spektrum-Störungen, die gelegentlich mit körperlichen Beeinträchtigungen einhergehen können. Gerade habe ich jemanden mit einer ganz schweren Skoliose. Das spielt natürlich oft mit hinein. Man hat dann beide Seiten: den psychischen Aspekt, aber auch physische Aspekte. Bei Autismus hat man das auch teilweise, dass die Klienten Spastiken haben. Durch das Reiten und die Bewegung lösen sich diese Spastiken zum Beispiel auch ganz toll auf. 

Wie lange dauert es, bis sich die ersten Therapie-Erfolge zeigen?

Ich habe immer das Gefühl, bei der achten Stunde: Da merke ich, es entsteht eine Beziehung zu mir. Sie bauen ja auch ein Vertrauen zu mir auf, sitzen teilweise rückwärts auf dem Pferd; und zum Pferd auch. Da habe ich immer das Gefühl, wir kommen in die Richtung von einem Transfer in den Alltag. 

In welchem Alter sind die Klienten? Sind das nur Kinder oder sind da auch Erwachsene mit dabei?

Beides. Kinder ab vier Jahren. Sie reiten auf Shetlandponies. Dann bis hundert (lacht). Relativ viel Erwachsene betreue ich auch gerade, tatsächlich. Es ist ein schöner Wechsel. 50/50 würde ich sagen. Das ist schon ziemlich ausgeglichen.

Wie reagieren die Menschen auf das Training, gibt es Abbrüche?

Dadurch, dass wir immer im Vorfeld einen Schnuppertermin haben, bei dem die Menschen mich kennenlernen, kann man eigentlich auch immer so ein bisschen hineinspüren, ob das passt. Menschen reagieren viel mit Freude, ganz viel Angst ist aber auch häufig dabei. Angst, wie das Pferd reagiert oder ob sie es „richtig“ machen. Im Großen und Ganzen mache ich eigentlich immer die Erfahrung, dass die erste Stunde so einen Wow-Effekt hat: Das war jetzt gut. Vielleicht ist es wichtig zu sagen, dass wir nicht nur am Pferd arbeiten, vor allem mit den Erwachsenen. Vorher haben wir ein Gespräch. Um was geht es eigentlich, was sind die Themen gerade? Das geht 90 Minuten. Dann gehen wir ans Pferd. Da werden mögliche Konflikte oder Probleme aufgegriffen. Probleme mit der Selbstbehauptung zum Beispiel. Wie kann ich da übers Pferd arbeiten, dass ich mich besser durchsetzen kann? Ich kann Dir hundert Mal sagen: Jetzt setz Dich doch mal durch, aber das Pferd spiegelt das eben zurück. Und dadurch erlebt man tatsächlich viele Aha-Erlebnisse, große Momente mit viel Rührung. Und klar brechen auch immer mal ein paar Kunden ab, aber ganz selten. Das muss ich echt sagen. Ich habe eigentlich eher Leute, die wirklich lange zu mir kommen. Einen jetzt sechs Jahre. Abbrechen tun Menschen tatsächlich nur, wenn es ihr Krankheitsbild gerade nicht hergibt. Wenn sie so angeschlagen sind psychisch, dass sie das nicht in den Tag integriert bekommen. 

Was wird im Training angesprochen? Gibt es physische und psychische Komponenten?

Genau, das trifft es schon ganz gut. Natürlich auch der Bewegungsdialog, das ist spannend. Alleine das Neben-dem-Pferd-Laufen: Da sieht man schon ganz viel, und ohne die Psyche funktioniert es nie. Ich habe natürlich auch schon mit geistig und körperlich schwer behinderten Menschen gearbeitet. Die Psyche spielt einfach die entscheidende Rolle, was das für sie dann bewirkt. Wenn sie sagen: Mir geht es drei Tage später noch gut, ich nehme diese Entspannung mit, ich nehme die Freude mit. Und umso länger sie kommen, umso länger können sie davon im Alltag zehren. 

In den letzten Jahren hat man Sport als Mittel der Inklusion entdeckt, in wie weit lässt sich das auf therapeutisches Reiten übertragen?

Gerade in dem Bereich ist ja ganz viel passiert. Das Kuratorium hat sich tatsächlich viel damit beschäftigt, vom therapeutischen Sinne her, und dann gibt es ja auch immer mehr therapeutische Inklusionsgruppen, in denen „normale“ Reitschüler mit Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit Störungsbildern diverser Art zusammen reiten. Ich habe einen großen Teil an Kunden, die bei mir in der Therapie waren und so stark davon profitiert haben, dass sie dann auch mit Reiten anfangen. 

Jetzt mal weg von der Behinderung, – wer profitiert noch vom Reiten beziehungsweise Reitsport?

Ich glaube tatsächlich, dass jeder davon profitieren kann, weil es so viele Leute anspricht; weil Reiten das körperliche und die Emotionen anspricht. Was man im Reitstall lernen kann im Sinne von Gruppendynamik, Durchsetzen, Frustrationstoleranz. Das gilt für Kinder wie auch für Erwachsene. Das kann man nutzen und auf andere Sportarten übertragen. Man lernt über das Reiten definitiv das Zur-Ruhe-Kommen. Demut – Reiten schult die Demut, weil die Pferde manchmal anders reagieren, als wir uns das vorstellen. Aber sie reagieren immer ehrlich. Deswegen ist es wahrscheinlich auch leichter, das anzunehmen. 

Das finde ich jetzt einen sehr schönen letzten Satz. Herzlichen Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Dr. Julia Röder.

Judith Goßmann

Judith Goßmann

Die angehende Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bietet in Parsdorf bei München pferdegestützte Therapie an. Sie ist zertifizierte Reittherapeutin für Heilpädagogisches Reiten DKThR, Diplom-Sozialpädagogin und Trainerin C/FN. Unter dem Credo, den Klienten in seiner Individualität und Einzigartigkeit anzunehmen, legt sie besonderen Wert auf die Förderung des Autonomieprozesses, die Befriedigung basaler Bedürfnisse und die Schaffung eines Raums für „Quality time“.