Das Essverhalten, die Auswahl und Zubereitung von Lebensmitteln, die eigene Essbiografie und Esserziehung, ebenso die seelische Verfassung und die Beziehung zum eigenen Körper – all das macht deutlich, wie komplex das Thema Essen und Psyche ist und welche Zusammenhänge es zwischen beidem gibt. Unsere Ernährung ist in gewisser Weise ein Spiegel der eigenen Psyche und Erfahrungen. Auf jeder Ebene – des Essens, des Körpers und der Seele – gibt es mehrere Aspekte, die wir uns bewusst machen und hinterfragen sollten.

Essen will gelernt sein! Die Ernährungspsychologie ist eine recht junge Wissenschaft, die sich erst seit Anfang der 1970er-Jahre in Deutschland langsam, aber stetig etabliert hat. Es handelt sich dabei sozusagen um eine Mischung aus Psychologie und Ernährungswissenschaft, auch Trophologie genannt.

Die Psychologie ist eine empirische Wissenschaft: Ihr Ziel ist es, menschliches Erleben und Verhalten, dessen Entwicklung im Laufe des Lebens sowie alle dafür maßgeblichen inneren und äußeren Ursachen oder Bedingungen zu beschreiben und zu erklären. Daher bezeichnet man sie auch als „Seelenkunde“.

Die Ernährungswissenschaft oder Trophologie ist eine Naturwissenschaft, die sich mit den Grundlagen, der Zusammensetzung und der Wirkung von Ernährung befasst. Sie ist zwischen den Fächern Medizin und Biochemie angesiedelt.Das menschliche Essverhalten wird von diversen Komponenten beeinflusst. Von ihnen hängt letztlich ab, wie ein Mensch isst, seine Nahrung auswählt und zubereitet. Auch die Einstellung zu Nahrung und Essen spielt eine Rolle.

Laut aktuellen Erkenntnissen der Neurowissenschaft agieren wir zu fast 99 Prozent unbewusst. Es liegt also nahe, dass auch das Essverhalten eher unbewusst als bewusst abläuft (1).

Essen und Emotion. Wir alle werden von unseren Emotionen (Gefühle in Bewegung) geleitet. Wir teilen sie in positive und negative Emotionen auf. Essen und Psyche sind untrennbar: Uns „schlägt etwas auf den Magen“, wir finden etwas „zum Kotzen“ oder wir haben ein „gutes/schlechtes Bauchgefühl“. Schon im Mutterleib erleben wir das Essverhalten unserer Mutter, nehmen Geschmäcker wahr und entwickeln Vorlieben. Über die Nabelschnur sind wir bereits in Abhängigkeit zu diesem Menschen verbunden, indem die gelösten Nährstoffe der Mutter in unseren eigenen Blutkreislauf transportiert werden. Nach der Geburt entsteht während des Stillens als erstem Essvorgang außerhalb des Mutterleibes ein Gefühl von Zufriedenheit, Sättigung, Fürsorge, Vertrauen und Liebe. Essen wird unbewusst mit Gefühlen verbunden, so wie es sein sollte. Jedoch sollten diese eher positiver Natur sein (2).

Sofern das Thema Essen positiv belegt ist, kann man von einem gesunden Essverhalten sprechen. Das zeigt sich in regelmäßigen Mahlzeiten und einem gesunden, bewussten Umgang mit Nahrung. Der Körper und auch das Körpergewicht bleiben so leichter in Balance. Durch Einflüsse wie etwa psychische Belastungen kann jedoch auch ein stabiles Essverhalten aus dem Gleichgewicht geraten – beispielsweise wenn wir trauern und deshalb kaum noch essen.

Multifaktorielle Bedeutung. Wir suchen nach einer ausbalancierten, richtigen Ernährungsweise. Dies ist jedoch nur mit einer ausgeglichenen Psyche möglich, da wir unsere Gefühle gerne unbewusst durch Essen kompensieren (Tab. 1).

Negative Gefühle

Positive Gefühle

Scham

Freude

Schuld

Geselligkeit

Depression

Genuss

Trauer

Gemeinsamkeit

Ohnmacht

Glücksgefühl

geringer Selbstwert

guter Geschmack

mangelnde Selbstliebe

Liebe

Stress (körperlich, emotional)

gute soziale Beziehungen

Suche nach Liebe

Festessen

innere Leere

positive Energie

Trost

Freude am Kochen

sich selbst fühlen wollen

Freude an Lebensmitteln

Aggression

Wut

Zorn

schlechtes Gewissen

Bedeutung des Essens. In erster Linie bedeutet Nahrungsaufnahme lediglich Aufnahme von Energie, die wir zum Leben benötigen. Das tägliche Essen und Trinken ist wichtig, um unseren Energie- und Flüssigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten.

Im Laufe der Jahrtausende haben wir jedoch begonnen, unsere Nahrung nicht mehr nur darauf zu beschränken. Wir verknüpfen Essen bewusst und unbewusst mit Emotionen, Beziehungsmustern und Bewertungen. Teilweise wird die eigene Ernährung als eine Art Lifestyle gelebt, der Tagesablauf kreist um die Themen Essen und Lebensmittel.

Unsere Nahrung ist jedoch in erster Linie neutral zu sehen: Sie versorgt uns mit Energie aus den drei Hauptnährstoffen Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Ebenso erhalten wir die nötigen Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe, sekundären Pflanzenstoffe, Spurenelemente und Flüssigkeit. Essen hält uns schlichtweg am Leben – daher auch der Begriff „Lebensmittel“ (3).

Menschen sind verschieden, deshalb benötigt jeder von uns unterschiedliche Portionsgrößen. Dabei spielen die Mengenanteile der jeweiligen Lebensmittel eine große Rolle (Abb. 1).

Abbildung 1: Die ErnährungspyramideOlgaChernyak / shutterstock.com
Abbildung 1: Die Ernährungspyramide

Aus rein biologischer Seite geht es in erster Linie um Nahrungsaufnahme, Verdauung und Assimilierung (schrittweise erfolgende Stoffumwandlung körperfremder in körpereigene Stoffe) durch die Zellen. Das Prinzip bleibt jedoch das Gleiche: Von Geburt an bis hin zum Tod müssen wir essen, um zu leben. Menschen, die spüren, dass sie bald sterben, hören oft auch auf zu essen. Umgekehrt sind Säuglinge extrem hungrig und fordern Energie ein.

Essen und Sport. Alles beginnt im Kopf – unsere Ziele, Motivationsstrategien und unser Glaube daran, ein Ziel umsetzen zu können. Beim Ernährungscoaching mit dem Zweck einer Gewichtsabnahme ist es wichtig, die Motivation und die Gedanken hinter dem Ziel herauszufinden; diese sollten positiv belegt sein. Das bedeutet: Wenn jemand wirklich daran glaubt, dass er eine große Menge abnehmen kann, wird er es auch schaffen. Als Trainer sollte man dem authentisch nachspüren, zum Beispiel mit der Frage: „Was denken Sie über das Abnehmen?“ Ebenso wichtig ist es auch, Glaubenssmuster über die Nahrung, also über Lebensmittel oder Nährstoffe, abzufragen – hier können ebenso viele falsche Gedankengänge lauern. Durch Medien und andere externe Faktoren werden Menschen kontinuierlich beeinflusst, teilweise ohne es zu bemerken. Ein weiterer wichtiger Ansatz lautet: so tun, als ob das Ziel schon erreicht wäre. Das Gehirn arbeitet dann mit der Vorstellung des Ziels und das intrinsische Motivationssystem wird besser aktiviert.

Inhaltliche Wiederholungen und regelmäßige Treffen in festen Abständen spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle. So wird sichergestellt, dass das Gehirn sich weiter erinnert. Wer nur ein paar Mal zum Sport geht, wird nicht viel Erfolg haben. Durch die Wiederholung von Zielen und Motivationen fällt die Überwindung des inneren Schweinehundes leichter. Deshalb ist Mentalcoaching im Ernährungs- und Sportbereich äußerst wichtig, um langfristig erfolgreich zu sein.

Nachgefragt

Im LL-Interview erläutert Sylvia Herberg den Ursprung der Esspsychologie und gibt hilfreiche Tipps.

​http://bit.ly/LL_Esspsychologie​
​http://bit.ly/LL_Esspsychologie​

Literatur

1. Stüvel H. 2009. Die heimliche Macht des Unterbewusstseins. https://www.welt.de/wissenschaft/article3411612/Die-heimliche-Macht-des-Unbewussten.html; Zugriff am 6.5.2019

2. Spitzer M. 2011. Dopamin und Käsekuchen. Stuttgart: Schattauer Verlag

3. David M. 1994. Vom Segen der Nahrung. München: Ansata Verlag