Das Fitnessstudio scheint aufgrund der Trainingsrahmenbedingungen der optimale Ort zur Ausbildung und Förderung der individuellen Trainingskompetenz zu sein. Hier bietet sich die Chance, das eigenverantwortliche und selbstständige Trainieren zu entwickeln. Personen, die ein Fitnessstudio konsultieren, suchen in der Regel Hilfestellungen bei konkreten Trainingszielen. Die praktische Unterstützung von Fitnessexperten bildet dabei die Basis, um Trainingskompetenz in einem gewissen Zeitraum auszubilden.

Die Kerntätigkeit. Das Zentrum der Arbeit des Trainer-Teams stellt die fachgerechte Vermittlung von Trainingsübungen auf der Fitnessfläche dar. In erster Linie geht es darum, durch die Auswahl von zielgruppenspezifischen Angeboten und Trainingsübungen im Fitnessstudio ein gesundheitsförderliches Verhalten der Trainierenden aufzubauen und zeitgleich eine systematische Bindung an das Fitnessstudio über die kontinuierliche Trainingsarbeit unter professioneller Betreuung zu konstruieren. Fitnessfachkräfte sind insbesondere dann gefordert, wenn es darum geht, diese Funktionen auf der Trainingsfläche umzusetzen. Aus diesem Grund ist es für Trainer und Trainerinnen unverzichtbar, sich zu fachlichen Experten des Fitness- und Gesundheitstrainings auszubilden. Doch eine hohe Fach- und Selbstkompetenz ist für die geschilderte Trainingsbetreuung nicht ausreichend. Vielmehr müssen vertiefende methodische Kenntnisse der Trainingsgestaltung und ein hohes Maß an Sozialkompetenz vorhanden sein, damit ein Transfer und zugleich der Aufbau individueller Trainingskompetenzen bei Trainierenden erfolgen kann.

Was wird wissenschaftlich unter Trainingskompetenz verstanden?Derzeit existiert keine Definition zum Begriff „Trainingskompetenz“. Dennoch wird aktuell ein Fragebogen zur Erfassung des Konstruktes validiert und theoretisch überarbeitet, um ein fester Bestandteil des trainingswissenschaftlichen Diskurses zu werden. Vorarbeiten im Schulsetting zeigen erste Ergebnisse bezüglich einer Begriffsannäherung (1, 2). Der Begriff der Trainingskompetenz wird grundlegend als individuelle Kompetenz zu einem eigenverantwortlichenundselbständigenTraining beschrieben. Die Definition von Thienes nähert sich an, indem formuliert wird: „Trainingskompetenzen verweisen auf kontextbezogene (hier: den Trainingsprozess) ‚Leistungsdispositionen‘, die weniger auf übergreifende Qualifikationen, sondern auf domainspezifische Fähigkeiten, Fertigkeiten, Wissens- und Könnensbestände gerichtet sind. Sie deuten somit an, worin mögliche Kompetenzen bestehen, die im Trainingsverlauf über die zentrale Funktion der Leistungsveränderung hinaus erworben werden können“ (1). Trainingskompetenz ist somit nicht bereichsübergreifend zu verstehen, sondern muss sportspezifisch aufgefasst werden. Im Bereich des Fitness- und Gesundheitstrainings ist demnach eine Person trainingskompetent, wenn diese – vereinfacht gesagt – über das Wissen, Können und die Motivation verfügt, sich selbst zu trainieren. Um Trainingskompetenz abbilden zu können, wurden fünf Dimensionen aus einem Modell der Trainingssteuerung ausdifferenziert (3), die eine individuelle Kompetenz zum eigenständigen, selbstbestimmten Fitness- und Gesundheitstraining auch außerhalb von Schule und Unterricht beschreiben (2). Zum aktuellen Zeitpunkt darf ausschließlich von einem ersten Ordnungsrahmen gesprochen werden, der vermutlich in Abhängigkeit der entsprechenden Sportbereiche, in denen der Begriff Trainingskompetenz Anwendung findet, angepasst werden muss. Konsequenterweise kann die nachfolgend beschriebene Begriffsdefinition von Trainingskompetenz nicht abschließend als allgemeingültig angesehen werden.

Trainingsziele formulieren können

Trainierende müssen individuelle, realistische Trainingsziele formulieren können und eine passgenaue Auswahl von Trainingsmethoden bzw. -inhalten tätigen.

Diese Kompetenzdimension basiert auf bereits gewonnenen Trainingserfahrungen der Trainierenden unter der Berücksichtigung individueller Leistungsvoraussetzungen und Zielsetzungen im übergeordneten Trainingsprozess. Konkrete Wirkungsmechanismen des sportlichen Trainings, wie Gesundheitswirkungen und körperliche Veränderungsprozesse und das daraus resultierende Effektwissen, werden in Abhängigkeit der aktuellen Belastbarkeit bzw. des Trainingszustands und der Trainingsmethodik bzw. -inhalte adaptiert.

Fertigkeits- und Fähigkeitsvermögen

In ihrer Entwicklung müssen sich Trainierende ein grundlegendes motorisches Fertigkeits- und Fähigkeitsniveau aneignen.

Unter dem Fokus der systematischen Entwicklung, Wiedergewinnung oder Erhaltung von körperlichen und motorischen Voraussetzungen, müssen Trainierende kontinuierlich an den Qualitäten verfügbarer Fähig- und Fertigkeiten arbeiten, um das Basisniveau der geplanten Sportaktivität unter dem Fokus der Progression sicherzustellen.

Belastungssteuerung gestalten können

Trainierende müssen über Kenntnisse individueller Entwicklungen und Erfahrungen bzgl. eigener Voraussetzungen und Grenzen verfügen und eine individuelle optimale Beanspruchungsregulation beurteilen können.

Entscheidend in dieser Dimension ist diejenige der eigenen Leistungsvoraussetzungen und Trainingsbelastungen ohne wesentliche Beeinträchtigung, Überforderung oder sogar Schädigung des Organismus. Trainierende müssen Kenntnisse über die spezifischen Belastungsnormative besitzen, nur dies macht sie handlungsfähig.

Leistungszustand bewerten können

Die Überprüfung und Evaluation der aktuellen Leistungsfähigkeit ist für die Festlegung der Trainingsziele unabdingbar. Neben der Beurteilung müssen Anwendung, Durchführung und Auswertungsprozesse von diagnostischen Verfahren zur Leistungsüberprüfung bekannt sein, um die Realisierung des Trainingsziels eigenständig zu überprüfen.

Spezifische Ziele in einer Trainingsgruppe

Konkret geht es um die Abstimmung und ggf. Anpassung der individuellen Trainingsziele auf die Strukturen des Gruppen- oder Partnertrainings. Ziel ist es hier, die individuellen und kollektiven Trainingsanforderungen zu bewältigen.

Ein Konstrukt auf fünf Ebenen. Aus den vorstehenden Dimensionen der Trainingskompetenz wird deutlich, dass es sich um ein sehr spezifisches, individuelles Konstrukt handelt. Die wissenschaftliche Überprüfung der Kompetenzdimensionen steht noch aus. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass durch die fünf beschriebenen Ebenen eine neue Form der Trainingsbetreuung von Fitnesstrainierenden möglich ist.

Kompetenzen beschreiben „verfügbare oder erlernbare kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösung in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“ (4). Kompetenzen sind somit von Lern- oder Trainingsprozessen abhängig und veränderbar. Die Ausprägung von fitnessbezogenen Kompetenzen ist durch das Lern- und Trainingssetting dementsprechend bestimmt.

Wie angedeutet, unterscheidet sich der Begriff „Trainingskompetenz“ im Rahmen des Fitnesstrainings zwischen der Trainingskompetenz von Trainierenden „sich zu trainieren“ gegenüber einer Trainingskompetenz, die im Beratungsprozess an Trainierende weitergegeben werden. Im zweiten Kontext ist die Vermittlungskompetenz von Trainierenden ausschlaggebend. Der Aufbau individueller Trainingskompetenzen ist u. a. von dem Kompetenzniveau jedes Mitglieds des Trainerteams abhängig, sodass im Hinblick auf die Ausbildung des Trainerteams stärkere pädagogisch-didaktische Schwerpunkte gesetzt werden müssen.

Der weitgefasste, sportpädagogische Anspruch des betreuten Fitnesstrainings (5, 6) sollte auf dem Prinzip der Handlungsfähigkeit (z. B. Belastungssteuerung) von Trainierenden basieren (7). Ein potentieller Weg könnte die systematische Vermittlung von Handlungs- und Effektwissen innerhalb des Trainingsprozesses darstellen. Handlungswissen bezieht sich auf die Wissensbestandteile, die sich auf die Aus- und Durchführungen sportlicher Aktivitäten im Trainingsprozess beziehen (z. B. Kriterien einer korrekten Kniebeuge). Zudem beinhaltet es auch das konkrete Wissen über die trainingsbezogene Belastungsdosierung. Effektwissen beschreibt dagegen die Wirkungsweisen der jeweiligen Aktivität. Dementsprechend werden Kenntnisse über körperliche Anpassungsprozesse des Trainings, Beschwerden sowie weitere Gesundheitsparameter gebündelt (8).

Was ist von Fitnessfachkräften zu leisten? Sie sollten sich auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft befinden. Lediglich die normierte Vermittlung von Trainingsübungen wird nicht ausreichen, damit Trainierende eine hinreichende Trainingskompetenz aufbauen können. Zudem müssen sie Handlungs- und Effektwissen sowie weitere Einzelbestandteile der Dimensionen von Trainingskompetenzen vermitteln. Des Weiteren ist es essentiell, dass der Vermittlungsprozess an Praxiserfahrungen anknüpft sowie individuelle Kenntnisstände berücksichtigt werden. Fitnessfachkräfte haben den pädagogischen Auftrag, die Individualität der Trainierenden zu analysieren und für den progressiven Trainingsprozess gewinnbringend einzusetzen.

Kompetenz und Autonomie. Das Fitnessstudio scheint aufgrund der Trainingsrahmenbedingungen der optimale Ort zur Ausbildung und Förderung der individuellen Trainingskompetenz zu sein. Hier bietet sich die Chance, das eigenverantwortliche und selbständige Trainieren zu entwickeln. Personen, die ein Fitnessstudio konsultieren, suchen in der Regel Hilfestellungen bei konkreten Trainingszielen. Die praktische Unterstützung von Fitnesstrainerinnen und -trainern bildet dabei die Basis, um Trainingskompetenz in einem gewissen Zeitraum auszubilden.

Trainierende sind in der Regel aus sportlicher Überzeugung im Studio angemeldet und entwickeln bewusst Interesse an einem eigenen Trainingsprogramm. Wissbegierig wollen Trainierende nicht nur Trainingsübungen kennenlernen, sondern auch Anpassungs- und Optimierungsmöglichkeiten der eigenen Trainingsplanung. Positiv in diesem Kontext ist, dass durch die steigende Anzahl der Trainingstage und die zunehmende bewusste Belastung auch die körperlichen Wahrnehmungsprozesse (u. a. subjektives Belastungsempfinden) geschult werden können. Diese Erfahrungen sind potentiell in einer späteren Phase des Trainingslebens zur optimalen Gestaltung der Belastungsdosierung nutzbar. Dieser Aspekt ist allerdings bislang eine nicht untersuchte Annahme, die u. a. damit ergänzt werden könnte, dass der Aufbau von gesundheitsförderlichen Lebensweisen eng mit der Ausprägung autonom abrufbarer Trainingskompetenzen korreliert.

Aufgrund der bisherigen schulorientierten Forschungsansätze sind in Bezug auf das Konstrukt der Trainingskompetenz in außerschulischen Settings viele Forschungsdesiderate zu erkennen. Ein wichtiger Schritt wird die theoretische Konkretisierung des Konstrukts sein, um aus den praktischen Ideen der Umsetzung weitere Erkenntnisse zu ziehen. Derzeit wird ein Messinstrument zur Erfassung der Trainingskompetenz von jungen Erwachsenen in einer Validierungsstudie durch die Arbeitsgruppe um Thienes überprüft.

Werden Trainer und Trainerinnen überflüssig? Die Frage kann eindeutig beantwortet werden: Nein! Die Abhängigkeit der Trainierenden muss mit steigender Trainingskompetenz zwar abnehmen, sodass diese durch den Trainingsprozess handlungsfähiger und selbstständiger werden. Überflüssig werden Trainer und Trainerinnenals Experten der Fitnessszene nicht, wenn sie sich stets auf dem aktuellen Wissenstand der praxisorientierten Forschung halten und zudem pädagogische Aufgaben des Fitness- und Gesundheitstrainings berücksichtigen. Denn dadurch, dass „Fitness als Trend des Jugendsports“ in den Fokus rückt, müssen pädagogisch-didaktische Aspekte der Trainingssteuerung aus der Außenperspektive an Bedeutung gewinnen (9). 

Praxistipps

  • Gib Trainierenden umsetzbares Wissen über technische Ausführungen.
  • Vermittle den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung.
  • Zeige Trainierenden, wie sie Belastungsdosierungen eigenständig steuern können.
  • Vermittle die selbstständige Leistungsüberprüfung innerhalb des Trainings.
  • Zeige Trainierenden Möglichkeiten der Trainingsreflexion.
  • Berücksichtige die Erfahrungen von Trainierenden bei der Trainingsplanung.

Literatur

  1. Thienes G. 2011. Training im Berufsschulsport – zwischen Anleitung und Entwicklung selbständiger Trainingskompetenz. In: Selbstkompetenz der Schülerinnen und Schüler fördern. Klingen. Bremen: LIS
  2. Thienes G, Ohrt T. 2015. Fitnesstraining im Berufsschulsport – im Hinblick auf die Vermittlung von Trainingskompetenz. In: Beiträge zum innovativen Sportunterricht im Kontext von allgemeiner und beruflicher Bildung. Hohengehren: Schneider
  3. Hohmann A, et al. 2020. Einführung in die Trainingswissenschaft. Wiebelsheim: Limpert
  4. Weinert FE. 2001. Vergleichende Leistungsmessung in Schulen- eine umstrittene Selbst-verständlichkeit. In F. E. Weinert, Leistungsmessung in Schulen (S. 17-31). Weinheim: Beltz
  5. Franco S, Simoes V. 2017. Review Paper: Fitness professionals‘ pedagogical intervention. ll.rpv.media/3-p. Zugriff am 20.10.2021
  6. Baschta M, Lange H. 2007. Sich selbst trainieren können. sportunterricht, 56(9), 266-272
  7. Wydra G. 2001. Belastungssteuerung als eine sportpädagogische Aufgabe in Gesundheitssport und Sporttherapie. Gesundheitssport und Sporttherapie 16, 81-85
  8. Brehm W, et al. 2018. Fit und Gesund – Ein Gesundheitssportprogramm zur umfassenden Stärkung der Fitness (2. Aufl..). Aachen: Meyer & Meyer
  9. Bindel T, Theis C. 2020. Fitness als Trend des Jugendsports – eine Wissenskultur. Forum Kinder- und Jugendsport 1: 6-14