Wer im Gruppenbereich tätig ist, benötigt nicht nur sportliche Kompetenzen. Kommunikationsstärke und ein Gefühl für die Gruppendynamik sind ebenso wichtige Instrumente, um ein Team erfolgreich zu führen. Von diesen Fähigkeiten profitiert nicht nur die Gruppe: Trainer generieren dadurch wichtige Unterscheidungsmerkmale gegenüber anderen Wettbewerbern.

Ein Team ist mehr als jeder Einzelne. Auch wenn das berühmte Elf-Freunde-Zitat* nicht wie häufig behauptet von Weltmeistertrainer Sepp Herberger stammt, sondern wesentlich älter ist – der Inhalt wird bis heute von vielen Fußballexperten als Grundlage für eine erfolgreiche Mannschaft gesehen. Die Anzahl der Freunde kann dabei variieren, wie uns die deutsche Skisprung-Nationalmannschaft bei der WM in Seefeld im Februar 2019 eindrucksvoll bewies: Nach dem Gewinn der Goldmedaille im Teamspringen feierten im Schanzenauslauf nicht nur die vier aktiven Springer, auch Ersatzmann Andreas Wellinger jubelte für und mit seinen Kameraden. Als tags zuvor Markus Eisenbichler beim Einzelspringen in Innsbruck seinen Teamkollegen Karl Geiger mit dem letzten Sprung von Platz eins verdrängte, sah man, wie sich der in diesem Moment geschlagene Geiger euphorisch mit seinem Kontrahenten freute.

Der scheidende Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster bekräftigte in zahlreichen Interviews, wie wichtig es für jeden Einzelsportler ist, Teil einer funktionierenden Mannschaft zu sein (1). Diese Denkweise hat mittlerweile auch in den beruflichen Alltag Einzug gehalten. Firmen versuchen die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter durch die Förderung des Gemeinschaftsgefühls und die Verfolgung eines gemeinsamen Zieles zu steigern. Doch wie wird aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Persönlichkeiten ein Team, in dem man sich gemeinsam zu Höchstleistungen pusht? Und welchen Vorteil hat es für (Amateur-)Trainer oder Übungsleiter, in ihrer Gruppe den Teamgedanken zu stärken?

Hier hilft es zu Beginn, zu verdeutlichen, was genau ein Team ausmacht. Becker (2) beschreibt ein Team als Form einer Gruppe von mindestens zwei Personen, die sich einer gemeinsamen Aufgabe stellen und diese durch soziale Interaktion bewältigen. In diesem Kontext kann jede Trainings- und Sportgruppe als Team gesehen werden. Je nach Zusammensetzung der Gruppe wird unterschieden, ob deren Mitglieder miteinander interagieren (Mannschaftssportler) oder koagieren (Einzelsportler, Sportgruppen). Dass nicht aus jeder Sportgruppe ein homogenes Team entsteht, zeigt die Tatsache, dass selbst Profifußballmannschaften, die aus vielen sehr guten Einzelspielern bestehen, gegen vermeintliche Underdogs verlieren können – und das, obwohl im Profisport teamfördernde Maßnahmen zum Standardprogramm in der Vorbereitungs- und Wettkampfphase gehören. Die herausfordernde Aufgabe des Trainers ist es, aus der Vielzahl von Teambildungsmaßnahmen die für seine Sportler passenden Methoden herauszufinden und diese dann geschickt in den Trainings- oder Kursbetrieb zu integrieren.

Teamtheorie. Das Durchlaufen der vier Phasen Forming, Storming, Norming und Performing nach Tuckerman ist enorm wichtig. Das in der Normierungsphase entstehende Wir-Gefühl ermöglicht ein gegenseitiges Vertrauen, das sich positiv auf die Atmosphäre einer emotionalen Sicherheit auswirkt. Dadurch orientieren sich die einzelnen Teammitglieder mehr am Gruppenziel und erreichen eine Leistungssteigerung über das durchschnittliche individuelle Maß hinaus. Ebenso wird die Eigenaktivität erhöht und die einzelnen Personen bringen sich selbst mehr für das Team ein (3). Dadurch entwickelt sich im Mannschaftssport eine Steigerung der Teamleistung. Auch Einzelsportler – zu denen auch Teilnehmer von Sportkursen zählen – werden durch das Gruppengefüge zu einer größeren Leistungsbereitschaft angespornt. Sobald ein Gruppenmitglied eintritt oder ausscheidet, beginnt dieser Prozess von vorn und die Gemeinschaft ordnet sich neu (4).

Baumann (5) beschreibt in seinem Buch über Mannschaftspsychologie das Schaffen einer sozialen Einheit. Dies wird bei Mannschaftssportlern bereits durch die gemeinsame Spielkleidung und den einheitlichen Mannschaftsnamen verdeutlicht. Diese Parameter erleichtern es, das Teamgefüge zu verstärken. Jedoch spielen die inneren Faktoren der sozialen Einheit eine wesentlichere Rolle. Durch die gemeinsame Zielsetzung der Gruppe entstehen Siege. Daraus ergibt sich sowohl die Parallele zum Einzelsportler (Ziel: der Sieg) als auch zum Freizeitsportler in einer Hobbygruppe (Ziel: Freude an der Bewegung, Gesundheitsbewusstsein, Gewichtsreduzierung et cetera).

Teambildung bei Freizeitgruppen. Die entscheidende Frage für den Übungsleiter ist: Wie forme ich aus der Gruppe eine soziale Einheit und wie stärke ich das Wir-Gefühl? Trainer von Mannschaften finden in der Literatur zahlreiche kleine und große Übungs- und Aktionsformen. Weitaus anspruchsvoller gestaltet sich die Schaffung eines Teams in Freizeitsportgruppen, denn hier steht nicht das gemeinsame Ziel des Siegens im Fokus. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Führungsverhalten des Übungsleiters gegenüber seinen Sportlern. Die Kunden sind freiwillig da und geben dafür Geld aus. Ein absolut autoritärer Führungsstil ist daher – mit Ausnahme von Bootcamps – selbstredend auszuschließen. Gleichzeitig benötigt jede Gruppe eine gewisse Führung, um erfolgreich zu sein.

Vertrauensbasis

Grundlage einer erfolgreichen Führung ist der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Trainer und Sportler. Dem trägt zum Beispiel die weitverbreitete Schnupperstunde zu Beginn eines Kurses Rechnung. Neben den fachlichen Kompetenzen spielt der menschliche Umgang des Trainers mit seinen Schützlingen eine wichtige Rolle. Klare Ansagen gehören für einen erfolgreichen Coach ebenso dazu wie das Gespür, auf die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder einzugehen und ihre möglichen Ängste und Sorgen ernst zu nehmen. Auf dem Weg zu diesem gewünschten Vertrauensverhältnis ist die Kommunikation zwischen dem Übungsleiter und seinen Schützlingen das Mittel zum Erfolg.

Kommunikation

Eine erfolgreiche Kommunikation stellt die nächste Hürde auf dem Weg zu einer gelungenen Teambildung dar. Die Aussage des polnischen Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick, „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (6), wird am deutlichsten, wenn man mit Kindern arbeitet: Sie nehmen viel stärker die Mimik und Gestik des Gegenübers wahr und reflektieren diese in ihrem eigenen Verhalten. Deshalb sollten Übungsleiter stets auf ihre Aussagen und die Körperhaltung vor der Gruppe sowie im Zwiegespräch mit einzelnen Teilnehmern achten. Auch Erwachsene reagieren auf saloppe Äußerungen oder falsch verstandene Ironie und übernehmen dieses Verhalten in ihren Umgang mit den anderen Teilnehmern – nach dem Motto: „Wenn der Coach so redet, dann darf ich das auch.“ Dies kann zu Spannungen unter den Sportlern führen, die das Gruppengefüge stören.

Spricht der Trainer in Ich-Botschaften, hat der Sportler die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge darzulegen. „Ich bin mit deiner Leistung im letzten Training unzufrieden, weil …“ ist eine kooperative Aussage und lädt zum Dialog ein. „Du hast schlecht trainiert“ ist hingegen konfrontativ, das Gegenüber kommt in eine Situation der Rechtfertigung.

Auf der anderen Seite muss der Trainer stets alle seine Teilnehmer nicht nur unter dem Leistungsaspekt beobachten. Körperhaltung, Mimik und Gestik jedes Einzelnen geben Aufschluss über den Gemütszustand. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf eine positive Stimmung in der Gruppe ziehen. Verrät der Ausdruck eine eher passive und zurückgezogene Haltung, sollte durch ein Einzelgespräch herausgefunden werden, worin dies begründet liegt und welche Lösungswege sich anbieten.

Eine positive Verstärkung einzelner Leistungen trägt in diesen Gesprächen zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins bei, was wiederum eine zufriedenere Haltung in der Gruppe bewirkt.

Teamgeist. Baumann (5) unterscheidet bei der Entstehung von Teamgeist zwei Formen des Zusammenhalts: Aufgabenzusammenhalt und sozialer Zusammenhalt. Der Aufgabenzusammenhalt entsteht aus einem gemeinsamen Ziel oder einer Aufgabe, welche die Teammitglieder als Gruppe bewältigen möchten. Persönliche Missgunst rückt auf dem Weg zum Erreichen des Ziels weitestgehend in den Hintergrund. Der soziale Zusammenhalt besteht darin, dass die Mitglieder das Miteinander in der Gruppe genießen, einander schätzen und mögen. Gerade für Hobby- und Freizeitsportler ist diese zweite Ebene des Zusammenhaltes ein entscheidender Motivationsfaktor.

Abbildung 1: Zielsetzungen im Mannschaftssport
Abbildung 1: Zielsetzungen im Mannschaftssport

Um mit der Gruppe an der Mannschaftsbildung zu arbeiten, können Trainer vier verschiedene Ziele nutzen (Abb. 1). Grundsätzlich lassen sich alle Ziele für jede Sportgruppe anwenden. Zum Zweck der Motivation ist es jedoch besser, die gemeinsame Freude oder den gemeinsamen Vorteil in den Mittelpunkt zu stellen. Die beiden verbleibenden Ziele „gemeinsamer Gegner“ und „gemeinsame Not“ sind eher für leistungsorientierte Sportgruppen von Bedeutung.

Soziale Faultiere. Bei einem Leistungsgefälle zwischen ambitionierten und weniger ambitionierten Sportlern besteht die Gefahr, dass sich eine soziale Faulheit einstellt. Gute Sportler strengen sich weniger an, da sie aus ihrer Sicht den anderen überlegen sind. Schwächere Sportler verlassen sich auf die Topleute und zeigen deshalb weniger Leistungsbereitschaft. Dieses Phänomen gilt es frühzeitig zu erkennen und die Athleten durch individuelle Ziele an ihre persönliche Leistungsgrenze heranzuführen (7).

Praktische Beispiele für die Entwicklung des Teamgedankens gibt es in der Literatur und im Internet zuhauf. Die Kunst des Trainers ist es, aus der Masse der Angebote die für seine Gruppe und Situation passenden Übungsformen herauszufiltern.

Ein erster Kontakt zwischen neuen Teammitgliedern lässt sich bei Mannschaftssportlern durch einfache Fangspiele herstellen, bei denen man nicht gefangen werden kann, wenn sich die Spieler paarweise zusammenfinden. Partnerübungen sind auch in Sportgruppen ein geeignetes Mittel, um den Teilnehmern einen Erstkontakt untereinander zu ermöglichen. Selbst wenn sich das nicht anbietet, erzeugt der Trainer durch eine Veränderung der Aufstellungsform eine nonverbale Kommunikation unter den Teilnehmern. Es ist ein Unterschied, ob Teilnehmer einander paarweise oder gruppenweise gegenüberstehen. Weniger leistungsorientierte Sportler rücken beispielsweise etwas mehr in den Fokus, da sie sich beim Gegenüberstehen beobachtet fühlen. Das Vertrauen wird erst zwischen den einzelnen Sportlern aufgebaut und im Verlauf auf das ganze Spiel übertragen.

Egal für welche Übungsform der Trainer sich entscheidet: Er muss versuchen, seinen Sportlern diese so zu verkaufen, dass sie unterbewusst die Erfahrung machen, zusammen stärker zu sein. Dieser positive Effekt überträgt sich auf alle Mitglieder der Trainingsgruppe – ob Freizeit-, Mannschafts- oder Einzelsportler.

Praxistipps

  • Integriere Partner- und Teamaufgaben in das tägliche Training.
  • Sei als Trainer ein Vorbild in Umgangsformen und -ton.
  • Verliere nie den Blick für den Einzelnen.
  • Greife bei Konflikten frühzeitig ein.
  • Beginne mit Partnerübungen zum Kennenlernen.

Lesetipp

Mehr zu Tuckerman findest du in diese Ausgabe im Beitrag „Sportpsychologische Aspekte im Mannschaftsgefüge“

Literatur

1. Honndorf R. 2018. Schuster sieht sein Team auf dem richtigen Weg. https://www.mdr.de/sport/andere_sportarten/werner-schuster-ausblick-neue-saison-100.html; Zugriff am 7.5.2019

2. Becker F. 2016. Teamarbeit, Teampsychologie, Teamentwicklung – so führen Sie Teams! Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag

3. Stein R. 2002. It’s team time. Scheinfeld: Hans Meyer Verlag

4. Migge B. 2005. Handbuch Coaching und Beratung. Weinheim: Beltz Verlag

5. Baumann S. 2008. Mannschaftspsychologie – Methoden und Techniken. Aachen: Meyer & Meyer Verlag

6. Bender S. 2014. Die fünf Axiome von Paul Watzlawick. https://www.paulwatzlawick.de/axiome.html; Zugriff am 8.5.2019

7. Linz L. 2014. Erfolgreiches Teamcoaching. Aachen: Meyer & Meyer Verlag