„Und jetzt alle!“ Mit grimmigem Blick, oder einfach nur peinlich berührt, starren mich meine Zwölftklässler an, während ich unnachgiebig praktische Tipps unserer Bundeskanzlerin umsetze und sie in der fünften Stunde zum Klatschen und Kniebeugen machen animiere. Realsatire? Ein wenig, aber eigentlich befinden wir uns mittendrin im alternativen Sportunterricht an Deutschlands Schulen zu Zeiten von Corona. Angela Merkels Ratschlag ist sicherlich gut gemeint, aber wenn mir meine schulische Reputation innerhalb der Schülerschaft wichtig ist, muss ich eine andere Umsetzung finden.

Aber wie sehen echte Alternativen aus? „Gut!“, denke ich mir, „dann bleiben die Masken eben auf und wir halten Abstand!“, beschließe ich. Erinnerungen an die Wochen vor Weihnachten kommen wieder auf, in denen Sportunterricht mit Masken erst sehr spät verboten war.

Die siebte Klasse freut sich – noch! Denn sie dürfen Basketball spielen. Schnell wird mir klar, Basketball ist zwar offiziell ein kontaktloses Spiel, aber eben nur offiziell. Heftig unter der Maske schnaufend blockt Magdalena Fatima engagiert und wischt ihr dabei aus Versehen die Maske vom Gesicht. Fatima stellt die bockige Magdalena daraufhin lautstark zur Rede – natürlich ohne Maske, die in der Zwischenzeit von einer anderen Schülerin händisch auf Schäden untersucht wird.

Ich pfeife ab. Zu gefährlich. Nachdem Fatimas Maske durch einige Hände gewandert ist, setzt Fatima die Maske brav wieder auf. Ich seufze verzweifelt.

Was bleibt? Turnen? Gute Idee, nachdem eigentlich alle Ballsportarten wegfallen. Handstand mit Abrollen – ein Klassiker, geht immer!

Lange Gesichter unter den Masken, als ich meine Entscheidung kundtue. Während des Aufbaus wuseln die Schüler*innen durch die Garagen und mir wird klar: Es ist unmöglich, Matten zu transportieren und dabei Abstand zu halten. Ich beobachte Mareikes Maske, die mittlerweile schon unter die Nase gerutscht ist. Beherzt schiebt Lea im Vorbeigehen die Maske wieder auf ihre korrekte Position: „Mareike, die ist dir wirklich viel zu groß!“ Danach kratzt sich Lea zufrieden ihre eigene Nase und zieht eine weitere Matte aus der Garage.

Ich bin überfordert. Eine Schülerin zeigt, wie der Handstand funktioniert, möchte aber gerne Hilfestellung haben. Mir schwant Übles. Vor meinem geistigen Auge ziehen Bilder von Schülern vorbei, die andere Schüler keuchend in wilden Positionen irgendwo zwischen Liegestütz und Handstand begleiten. Das mit dem Abstand hat sich erledigt. Gut, dass die Schüler wenigstens brav ihre mittlerweile völlig durchweichten Masken irgendwo im Gesicht tragen.

Sportunterricht mit Masken ist bis zu einem gewissen Punkt sicherlich einmal möglich, aber nicht unbedingt schön – so viel ist klar. Natürlich konnten bis vor Weihnachten kleine Bewegungseinheiten im Klassenzimmer stattfinden, um nach einer Doppelstunde Mathe und viel Aufsatzarbeit zu mobilisieren.

Derzeit steht ja wieder Distanzunterricht auf dem Plan, wieso also nicht online Sport anbieten? Hybrid-Workouts sind ja schließlich der Renner in der Coronazeit, ein bisschen Freeletics oder Bauch-Beine-Po kann ja wohl jeder. Her also mit den Kniebeugen – den Zuspruch der Bundeskanzlerin haben wir ja. Das Ganze ergänzen wir dann noch mit ein paar Burpees und Liegestütze und schon sind wir mittendrin: in den Knie- und Rückenschmerzen von morgen! Neben den allgemeinen Bewegungsdefiziten, zu dem mangels attraktiver Angebote die Kinder und Jugendliche im Moment angehalten werden, kommen nämlich früher oder später die Folgeschäden von Über- oder Fehlbelastung dazu. Übungen werden oft falsch ausgeführt und sind im digitalen Format häufig schwer zu erkennen und – was entscheidend ist – noch schwerer zu korrigieren. Eine engmaschige Betreuung von 27 oder mehr Schülern über den Bildschirm ist realistisch betrachtet nur schwer zu stemmen. Wie in der Digitalisierung in allen Bereichen ist auch hier viel Potential erkennen – mehr aber derzeit auch nicht. Dann also doch lieber in die Hände klatschen?

Vielleicht sollte der Fokus aber auch ganz woanders liegen, Randthemen könnten die großen Gewinner sein. Das sonst meist zu kurz kommende Handlungsfeld aus der Gymnastik und dem Tanz birgt zum Beispiel eine geringe Gefahr für Fehlbelastungen. Insgeheim wissen wir doch, welch essentielle Rolle Motorik, genauer gesagt Bewegungs- und Körpergefühl, spielen. Wer um die allgemeinen sportmotorischen Fähigkeiten vieler Jugendlichen weiß und in der zwölften Klasse schon einmal Purzelbäume üben musste, weiß, was gemeint ist. Wieso also die Zeit nicht nutzen, um eben Motorik zu schulen? Lehrvideos zu exakten Übungsausführungen mit Möglichkeiten der Differenzierung wären eine echte Alternative. Der Fokus liegt nicht auf schneller, weiter, höher – sondern vielmehr auf Genauigkeit der Ausführung.

Koordinative Aufgabenstellungen sind vielleicht die einzig echte Alternative für den Sportunterricht in Zeiten von Covid-19. Diese können kreativ, abwechslungsreich und in den unterschiedlichsten Stufen dargeboten werden. Und am Ende wäre auch die Bundeskanzlerin zufrieden – Händeklatschen kann schließlich jederzeit eingebaut werden.