Neue Denkmodelle und alternative Verletzungsauswertungen treten im Wintersport schnell in den Hintergrund: Zu omnipräsent sind die Prävention sowie Versorgung und Rehabilitation nach Kreuzbandruptur. Doch welche Rolle spielt eigentlich das Geschlecht beim Verletzungsrisiko? 

Relevanz des Wintersports. Der alpine Wintersport steigt im Interesse der deutschen Bevölkerung. Laut Statista gaben rund 7,74 Millionen Personen an, sich insbesondere für den alpinen Skisport zu interessieren (1); im Jahr 2015 waren es noch 7,14 Millionen. Die meisten Skifahrer und Snowboarder kommen laut Statistik aus den USA (2). Deutschland belegt dahinter Platz zwei. Skifahren und Snowboarden wird mit Sonne, Schnee und einer guten Zeit assoziiert – gleichzeitig aber auch mit Verletzungen, in erster Linie der Kreuzbandruptur. In der Saison 2017/2018 bezifferte die statistische Auswertungsstelle für Skiunfälle 42.000 bis 44.000 Verletzungen (3). Auch die Forschung befasst sich regelmäßig mit dem Thema Verletzungen; vor allem stehen die klassische Prävention, Versorgung und Rehabilitation bei Kreuzbandrissen im Fokus. 

Geschlechterspezifische Unterscheidung. Eine Kausalität zwischen dem Geschlecht und dem Verletzungsrisiko wird immer wieder thematisiert. In einem Diskussionsbeitrag beziffern Ruedl et al. bei Freizeitskifahrerinnen die Häufigkeit einer Knieverletzung als doppelt so hoch wie bei Skifahrern (4). Das Risiko für eine Kreuzbandverletzung sei bei Frauen sogar dreifach erhöht. Eine Ursache dafür sehen die Forscher in der Bindung. Die ISO-Norm 11088 regelt, wie die Bindung eingestellt werden muss. Die Kritiker bemängeln, dass zwar Parameter wie Körpergewicht und Größe berücksichtigt werden, eine Unterscheidung zwischen Mann und Frau aber nicht stattfinde (5). Laut Ruedl und Kollegen schlug die Bindungsfreigabe bei Skifahrerinnen in 20 Prozent der Fälle häufiger fehl als bei den Männern – ein Aspekt, der vermuten lässt, dass eine geschlechterspezifische Differenzierung wichtig ist.

Eine These von US-Wissenschaftlern verknüpft den Hormonhaushalt von Frauen während des Eisprungs mit der Zugfestigkeit des Kreuzbandes. Der erhöhte Östrogenspiegel zum Zeitpunkt des Eisprunges könnte eine Kreuzbandverletzung womöglich begünstigen. Der Einfluss des weiblichen Geschlechtshormons wurde schon mehrfach untersucht, allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen (6). Eine gesicherte Aussage über den Wirkungsgrad des Hormons im Hinblick auf Verletzungen des vorderen Kreuzbandes kann nicht endgültig getroffen werden: Dazu müsste der hormonelle Aspekt von weiteren Faktoren wie Anatomie, Umwelt oder auch neuromuskulären Faktoren spezifischer abgegrenzt werden. Indizien weisen allerdings grundsätzlich auf einen Effekt hin.  

Dass im Allgemeinen ein erhöhtes Verletzungsrisiko bei Frauen vorliegt, wird durch die Zahlen der Auswertungsstelle für Skiunfälle deutlich: Der Anteil an Knieverletzungen in der Saison 2018/2019 lag mit 42,9 Prozent bei den Frauen deutlich über dem der Männer (3). 

Literatur

  1. Statista. 2019. Anzahl der Personen in Deutschland, denen die Sportart Ski-Alpin bekannt ist, nach Interesse an diesem Sport von 2015 bis 2019. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/171055/umfrage/interesse-an-der-sportart-ski-alpin; Zugriff am 7.11.2019
  2. Statista. 2019. Anzahl der Skifahrer und Snowboarder in den wichtigsten Ski-Nationen in der Skisaison 2018/2019. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/247654/umfrage/die-herkunft-von-wintersportlern-nach-laendern-in-absoluten-zahlen; Zugriff am 7.11.2019
  3. Sis Lab. 2018. AUS-Unfallzahlen – Zahlen und Trends. https://www.stiftung.ski/sis-lab/asu-unfallanalyse; Zugriff am 7.11.2019
  4. Ruedl G, Burtscher M. 2019. Why not consider a sex factor within the ISO 11088 ski binding setting standard? Br. J. Sports Med. 53:1127–1128 
  5. Kura L. 2018. Skisport: Knieverletzungen bei Frauen oft durch falsch eingestellte Skibindung verursacht. https://www.zeitschrift-sportmedizin.de/skisport-knieverletzungen-bei-frauen-oft-durch-falsch-eingestellte-skibindung-verursacht; Zugriff am 7.11.2019
  6. Wolf P, et al. 2005. Rupturen des vorderen Kreuzbandes bei weiblichen Athleten. Teil 1: Epidemiologie, Verletzungsmechanismen und Ursachen. Dtsch. Z. Sportmed. 56; 6:150–156