Sein Style fällt auf, seine Leistung beeindruckt und seine aufrichtige und lockere Art begeistert: Die Leistungslust traf den Ultraläufer Florian Neuschwander. Im Interview sprachen wir über die Definition von Weite, den inneren Schweinehund und Burger.

Ein sonniger Tag im Olympiapark München. Neben mir trabt Florian Neuschwander in einem – wie er sagt – angenehmen Lauftempo von etwas mehr als fünf Minuten je Kilometer. Heute stellt er sich einer besonderen Challenge und läuft den halben Tag auf einem Laufband gegen Münchens Lauf-Community. Müsste ich mitjoggen, wäre das folgende Interview mit hoher Wahrscheinlichkeit kürzer ausgefallen. Aber so kann ich alles fragen – ein Glücksfall für mich als Redakteur.

Florian Neuschwander hat seine Liebe zur Strecke mit 16 Jahren entdeckt: Bei einem 800-Meter-Lauf in der Schule ging es los. Mit der Zeit wuchsen die Distanzen und 21 Jahre später ist er bei 160 Kilometern angekommen. Den Rest erzählt er euch am besten selbst!

Flo, du läufst alle möglichen Distanzen: zehn, 50 oder auch mal 100 Kilometer. Vergangenes Jahr hast du dich sogar an 100 Meilen, also 160 Kilometern, versucht. Hast du eine Lieblingsdistanz?

Am liebsten laufe ich 50 Kilometer Trail. Auch auf dem Laufband – da kann man gut die Geschwindigkeit halten.

Neulich bist du auch bei Wings for Life World Run gestartet. Da gibt es gar keine Ziellinie …

Ja, hier starten die Läufer gleichzeitig auf der ganzen Welt. Die Startgelder kommen der Rückenmarksforschung zugute. Man läuft los und eine halbe Stunde später startet das sogenannte Catcher Car: Das erhöht die Geschwindigkeit alle halbe Stunde und man läuft so weit, bis man von diesem Catcher Car eingeholt wird. Der, der am weitesten läuft, gewinnt.

Als Motivation hat man doch eigentlich die Ziellinie. Letztes Jahr hast du dennoch 69 Kilometer zurückgelegt – ganz schön weit. Woher nimmst du die Motivation?

Das Interessante für mich daran ist, dass ich schauen kann, wie gut ich an diesem Tag drauf bin. Manchmal läuft es super, wie vor zwei Jahren in Mailand, da bin ich 84 Kilometer weit gekommen. Letztes Jahr bin ich in München gelaufen und das Wetter war etwas wärmer; da kam ich nur 69 Kilometer weit. Es ist einfach geil, weltweit mit anderen Läufern zu laufen, und mein Team „Run with the Flow“ hat immer gewonnen. Das ist einfach cool!

Und was motiviert dich, wenn eine Ziellinie vorhanden ist? Du machst auch 100-Kilometer-Läufe, da ist das Ziel ziemlich weit entfernt!

Ich hatte schon immer Bock, weit zu rennen, getreu dem Motto: umso weiter, umso besser. Die besten Sachen sind, wenn ich spontan losrenne und mal schaue, wie weit ich komme. Zum Beispiel einen Marathon ganz spontan laufen – das kommt schon mal vor.

Was ist an Tagen, wenn es nicht so gut läuft?

Ende letzten Jahres hatte ich leichte Fußprobleme, aber das ist jetzt wieder gut. Und als Vater habe ich natürlich auch immer wieder Viren von der Kleinen aus der Krippe abbekommen. Das gehört halt dazu. Jetzt läuft’s wieder – ich bin zufrieden!

Dass du eine hohe intrinsische Motivation hast, ist offensichtlich. Was pusht dich zusätzlich?

Mein Schweinehund ist ein großer Gegner. Sobald ich merke, etwas funktioniert nicht, wie ich es gern hätte, dann ist es schwierig, mich weiter zu pushen. Letztes Jahr bei dem Einhundert-Meilen-Lauf habe ich mich echt ins Ziel gepusht – wobei ich die letzten 30 Kilometer eher gewandert bin.

Du bist damals 35. geworden…

Ja, genau. Das war bisher der härteste Lauf, den ich gemacht habe. Nach 20 Stunden habe ich es jedenfalls ins Ziel geschafft.

Glückwunsch! Wenn wir gerade dabei sind: Was heißt für dich eigentlich „weit“? Deine Definition ist bestimmt anders als meine.

Es kommt drauf an. In den Bergen ist 30 oder 40 Kilometer schon weit. Wenn ich flach laufe, ist weit für mich ab 50 Kilometer aufwärts.

Bei den Strecken benötigst du einiges an Energie. Wie sieht es denn mit deiner Ernährung aus?

Ich esse, was auf den Teller kommt.

Aber du wirst dir doch nicht regelmäßig einen Burger reinhauen?

Doch! Zwar nicht zum Frühstück, aber sonst … erst gestern hatte ich Burger.

Und vor dem Wettkampf hauptsächlich Nudeln?

Ach nö. Klar, wenn es Nudeln gibt, esse ich die – Pizza esse ich aber auch. Zum Frühstück gibt es ein weißes Brötchen mit Erdnussbutter, eine Banane dazu, O-Saft und Kaffee. Also alles ganz normal.

Wie sieht es mit deinem Trainingsplan aus? Du variierst ziemlich in den Distanzen – wie bildest du das ab?

So einen kleinen Trainingsplan habe ich im Hinterkopf, aber ich habe keinen niedergeschrieben. Es gibt so zwei oder drei Trainingseinheiten, die ich machen will; zum Beispiel die, die auf die Geschwindigkeit abzielen. Kürzlich habe ich sechs Wochen lang immer dienstags einen 30-Kilometer-Lauf gemacht, und eine Intervalleinheit und einen Berglauf. Und alles drum herum ist eher spontan und wie ich Lust habe.

Das alles kostet aber schon viel Zeit. Würdest du dich als Einzelgänger beschreiben?

Das kommt auf die Stimmung an. Mein Tempo oder sehr harte Einheiten laufe ich am liebsten allein. So lockeres Tempo wie jetzt gerade laufe ich gern in der Gruppe. Aktuell laufe ich fünf Minuten pro Kilometer – da kann man gut nebenher plaudern.

Wie war das denn in deiner Kindheit: Wie haben dein Umfeld oder deine Eltern auf deine andauernde Freude beim Laufen reagiert?

Meine Eltern sagten: „Du könntest ja auch mal einen normalen Job machen“, und meinten, mit dem Laufen kann man kein Geld verdienen. Aber ich dachte immer, mir ist das alles egal – ich will laufen. Das ist, was mir Spaß macht. Seit 21 Jahren bin ich jetzt am Trainieren. Man kommt rum und sieht viel. Und ich habe bis heute die Freude daran nicht verloren.

Was steht als Nächstes bei dir an?

In den Alpen stehen ein paar alpine Rennen an. Am 2. Juni bin ich beim Hochkönig in Österreich und mache ein Skyrace mit 31 Kilometern auf 2.800 Höhenmeter. Am 30. Juni ist der Mont-Blanc-Marathon in Chamonix/Frankreich und circa zwei Monate später der OCC.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute auf deinen weiteren Wegen!

Das Gespräch führte Sabrina Harper.

Ein Dude rennt selten allein…

Wer Lust hat, eine Runde mit Florian Neuschwander zu laufen, sollte auf seiner Facebook-Seite vorbeischauen: Dort postet Florian immer wieder mal, wenn eine Trainingsrunde ansteht.

https://de-de.facebook.com/florian.neuschwander

Über Florian Neuschwander

Nils Borgstedt

Florian Neuschwander ist Ultraläufer und lebt in Offenbach am Main. 2018 absolvierte er den Western States 100 in 20:22:04. Zu seinen Vorbildern zählt der Leichtathlet Steve Prefontaine. Neben dem Laufen spielt Florian Gitarre und geht gern in die Sauna.