Neulich war ich im Sportgeschäft. Ich brauchte eine Reepschnur, einen Meter lang, vier Millimeter dick. Kostenpunkt: etwa ein Euro. Einen Euro ist so eine Reepschnur also wert – und kann doch von unschätzbarem Wert sein. Denn es ist der Einsatzzweck, der selbigen bestimmt.

Ich treffe mich an einem Donnerstag im August zum Laufen im Olympiapark und ahne vorher nicht, welch bedeutende Rolle, welchen Wert ein Stück Schnur tatsächlich haben kann, wenn man die Perspektive ändert. Der Lauftreff, zu dem ich mich in Münchens Norden einfinde, ist kein gewöhnlicher; ich werde heute nicht einfach in irgendeiner Gruppe trainieren, wie es sie zahlreich in den Städten der Republik gibt. Wir laufen nicht als Pulk durch den Park oder an der Isar entlang. Bei dem Lauf, den ich absolvieren werde, habe ich einen fixen Parter, der mich begleitet. Oder treffender: den ich begleite. Mein Laufpartner ist Christian, ein freundlich-fränkischer Mitfünfziger, gelbes Laufoutfit, dunkle Hose, eine Schnur in der Hand. Christian ist blind. Früher konnte er noch alleine joggen gehen, erzählt er mir. Inzwischen ist er auf Hilfe angewiesen. Zweimal wöchentlich kommt er daher zum Lauftreff im Olympiapark, der vom Verein Achilles International Germany organisiert wird. Hier laufen Blinde mit Sehenden, immer pärchenweise geht es auf die Strecke.