Jedes Jahr dasselbe Bild auf den Skipisten. Am Nachmittag reduziert sich die Fahrtauglichkeit derer, für die das Après-Ski das hauptsächliche Urlaubsvergnügen ist. Zu gern wird mittags ein Bier oder ein Schnapserl zu viel getrunken. Dann kommt noch die allgemeine Ermüdung der leider zu oft unfitten Wintersportler hinzu, die sich aber unbedingt auch auf der schwarzen Piste beweisen wollen. Und die Notaufnahmen füllen sich. Und an Fasching wird es erst recht bunt auf den Skipisten. 

Mythos schwarze Piste. Skifahren ist Volkssport. Gefühlt macht es fast jeder, wenn er es sich noch leisten kann, oder es überhaupt noch Schnee gibt. Und egal, ob es beherrscht wird oder nicht, oder die körperlichen Voraussetzungen gegeben sind. Hauptsache raus in die Natur, rauf auf den weißen Berg und die schwarze Abfahrt runter. Man möchte ja beim Après-Ski mit seinem Wagemut angeben. Das mit den schwarzen Pisten ist so ein Ding. Egal, wie ich den Berg technisch heruntergefahren beziehungsweise mich heruntergequält habe. Die „Schwarze“ ist gemeistert. Blöd für die guten Fahrer, die legitimerweise auch auf den schwierigen Pisten gern ihre rasierklingenscharfen Carving-Schwünge praktizieren würden. Spätestens am Nachmittag sind diese Pisten meist bucklig wie ein pubertäres Teenagergesicht vom zusammengeschobenen Schnee. Aber hier ist gegenseitige Toleranz angesagt. Es gilt, als guter Skifahrer einfach immer peripher Ausschau nach unsicheren Gelegenheitsskifahrern und Touristen aus einschlägig bekannten nicht-Skinationen zu halten, bevor ich den nächsten Schwung setze. Im Winter 2018/2019 wurden über 17 Prozent aller Verletzungen durch Kollisionen (mit)verursacht. Das bedeutet 1,36 Kollisionsunfälle je 1.000 Skifahrerinnen und Skifahrer (1,21 im Winter 2017/2018) (1).

Skifahren ist intensiver Sport. Früher bin ich mit meinen Kumpels im Winter fast jedes Wochenende, nur für einen Tag, zum Skifahren oder Snowboarden gefahren. Wir sind gegen 5:00 Uhr morgens von München ins Zillertal gestartet, um ja pünktlich zur ersten Liftfahrt schon anzustehen. Und gerade, dass wir noch kurz am Auto auf dem Parkplatz mit geschmierten Broten Mittag gemacht haben. Es galt für uns, den ganzen Tag bis zur letzten Liftfahrt durchzuheizen. Den Tag ausnutzen, nannten wir das. Und heute? Ich bin etwas älter und sehe nicht mehr den Sinn darin, acht Stunden am Tag Ski zu fahren. Gerade durch die Carving-Technik ist das Skifahren anstrengender geworden. Ich kann das nicht, nur entspannt den Berg runterschwingen und Schnee verschieben. Jeder Schwung muss bei mir optimal gecarvt werden. Und das bedeutet immensen Kanteneinsatz und kostet viel Muskelkraft. Ich mache ja auch nicht acht Stunden am Tag Kniebeugen. Ich fahre also vormittags Vollgas, und überlasse dann ab Nachmittag die abgefahrenen Pisten den anderen.

Ski fahren ist bekannterweise ein komplexer Sport, der eine gute Grundfitness, muskuläre Stabilität und Schnellkraftfähigkeiten verlangt. Oft liegen beim mäßig fitten Gelegenheitsskifahrer diese körperlichen Voraussetzungen für sichere Abfahrten über mehrere Tage nicht vor. Nun kommt zumeist noch der tägliche Alkoholüberkonsum dazu, der erwiesenermaßen unmittelbar die Reaktions- und Schnellkraftfähigkeiten einschränkt. Schon gefährlich. Alkohol hat als toxischer Stoff zudem negativen Einfluss auf die Regeneration. Die Leistungskurve und die Regenerationsfähigkeiten gehen also direkt proportional zum Alkoholkonsum von Tag zu Tag weiter nach unten.

Kein Alkohol auf den Skipisten. Bei keiner anderen Sportart wird nebenher so viel gebechert, wie beim Ski- und Snowboardfahren. Trotzdem gibt es keine Promillegrenze, obwohl man bergab durchaus Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h oder mehr erreichen kann. Die körperlichen Anforderungen und die erreichten Geschwindigkeiten beim Skifahren berücksichtigend, wäre es also durchaus an der Zeit über ein Alkoholverbot ernsthaft nachzudenken. Das Problem ist, dass dies nur schwer kontrollierbar ist. Lohnen würde es sich. Das ergab eine Untersuchung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit in Österreich aus dem Jahr 2013. Per Zufallsauswahl wurden 600 Ski- und Snowboardfahrer zu einer Alkoholkontrolle gebeten. Das Ergebnis: 20 Prozent waren alkoholisiert und hatten einen Pegel von mehr als 0,5 Promille (2). Jeder fünfte hatte also einen im Tee. Übrigens erhält man eine Strafanzeige, wenn man mit 0,3 Promille mit dem Fahrrad einen Unfall verursacht. Und 60 km/h auf dem Fahrrad erreicht keiner.

Wie repräsentativ die Zahlen der genannten Untersuchung für eine allgemeine Einschätzung auf allen Skipisten ist, bleibt fraglich. Hierzu gibt es nur eine österreichische Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung von 2018. Bei einer Befragung gaben 15 Prozent der Skifahrer und 19 Prozent der Snowboarder an, gelegentlich unter Alkoholeinfluss auf der Piste unterwegs zu sein (2).

In den Skiurlaub fahren, hauptsächlich um mich ab dem Mittag schon volllaufen zu lassen, um mich dann bereits verkatert zum Abendessen zu schleppen, ist nicht mein Ding. Aber wie gesagt, jedem das Seine. Und feiern gehört im Urlaub schon auch dazu. Auch ich trinke gern ein Weißbier, auch zum Mittagessen, und ja, ich kann mit einem Bier noch wunderbar abfahren. Einfach weil ich sicher auf den Ski stehe und weiß, was ich tue. Wie so oft, sind das richtige Maß und der Zeitpunkt entscheidend.

Und dann kommt der Fasching. Meine Kinder lieben das Skifahren an Fasching. Alles ist bunt, viele sind verkleidet. Ein durchaus witziges Szenario auf den Skipisten. Aber die Bereitschaft zu saufen ist an Fasching nochmals höher, einfach weil es Tradition ist. Zugebenermaßen, eine fragliche Tradition in meinen Augen. Ich gehöre definitiv nicht zur Fraktion der Helikopter-Eltern, aber an Fasching scanne ich den Hang einmal mehr, bevor ich mit meinen Mädchen weiter abfahre. Einfach, weil ich keine Lust habe, dass meine Kinder von einem alkoholisierten Skitouristen mit orangener Perücke, der sich und seine Ski nicht unter Kontrolle hat, über den Haufen gefahren werden. Alles schon live erlebt. In diesem Sinne, Ski in den Skikeller und dann erst zum Bechern, wenn es denn sein muss.

Literatur

  1. ASU-Unfallanalyse – Zahlen und Trends. 2019. https://www.stiftung.ski/sis-lab/asu-unfallanalyse/. Zugriff am 12.01.2020
  2. Sicherheit beim Wintersport – „Alkohol hat auf der Piste nichts verloren“. Hannah Heinzinger. 2019. https://www.br.de/puls/themen/welt/alkohol-verbot-auf-der-skipiste-100.html. Zugriff am 12.01.2020