Die Digitalisierung wird häufig verteufelt – sie verändert das Zusammenleben, sie beschleunigt unseren Alltag. Warum aber gerade Sportler und Trainer die Möglichkeiten nutzen sollten, die Smartphones, Fitnesstracker, Apps und Co bieten, erklärt Sportwissenschaftler Dr. Kornelius Kraus im Interview.

Die Digitalisierung ist auch im Trainingsbereich nicht mehr aufzuhalten. Welche digitalen Angebote nutzt du selbst bei der Arbeit mit Sportlern?

Beim Regenerationsmanagement arbeite ich mit der Omegawave-App in Kombination mit einer PC-gesteuerten Analyse. Ich bin da noch relativ alt gestrickt und nutze gerne die PC-Anwendungen. Man hat einfach einen größeren Bildschirm, um Dinge zu analysieren und die Bedienung ist häufig etwas angenehmer. Für die Praxis gilt aber natürlich: Wenn man auf dem Platz mit Sportlern arbeitet, hat man nicht immer einen Monitor dabei. Von daher sind die Apps sehr nützlich und gut. Für das Bewegungscoaching nutze ich zum Beispiel „Coach’s Eye“. Diese App gefällt mir ganz gut, weil man in Videos, die mit ihr aufgenommen wurden, beispielsweise Linien einzeichnen kann und so Erkenntnisse und Hinweise auch für den Athleten gut veranschaulichen und sichtbar machen kann.

Um es zusammenzufassen: Es geht im Grunde um zwei Komponenten, bei denen man sich technische Unterstützung holen sollte. Einmal „Readiness“ – macht es Sinn, zu trainieren, und nach dem Training könnte man messen, ob das Trainingsziel erreicht wurde. Und zum Zweiten geht es um Bewegungs- und Technikschulung. Gerade hier wird in nächster Zeit noch viel passieren, denke ich.

Sprich, dass man digitale Anleitung und Apps nutzt, die auch direkt korrigieren können?

Bisher kann man nur sagen: So ist das Ideal. Die Apps sind bisher noch nicht so intelligent, dass das System Korrekturen anzeigt. Aber das ist sicherlich der nächste Schritt. In diese Richtung muss man auf jeden Fall denken, beispielsweise indem man einen Schatten direkt über die Bewegung legt. Die Systeme werden immer intelligenter.

… und der Trainer wird dann irgendwann überflüssig?

Nein, das denke ich nicht. Die Maschine kann einen Menschen im Training nicht ersetzen. Jede App ist nur so gut wie der Mensch dahinter, der sie programmiert hat. Und im Ergebnis ist der Coachingprozess auch nur so gut wie die Entscheidungsprozesse dahinter. Die Technologie kann nur helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidungen selbst trifft aber immer noch der Mensch. Künstliche Intelligenz kann hier sicherlich in der Zukunft vielleicht etwas ändern, aber momentan ist sie meines Wissens im Sport in der Form noch nicht im Einsatz. Solange das so ist, ist der Trainer immer noch auf dem Fahrersitz. Aber: Wenn der Athlet allein mithilfe der Technik gleich gut oder besser werden kann, sollte ich als Trainer meinen Ansatz hinterfragen.

Die Technik unterstützt unsere Entscheidungsfindung, indem sie uns Daten liefert. Es wird immer einfacher, immer mehr Daten zu erheben, auch für Trainer im Breitensport. Welche Parameter sind für dich die wirklich entscheidenden?

Da müssen wir zuallererst einmal differenzieren. Die Frage, die sich jeder stellen muss, lautet: Was interessiert mich? Ist es der Regenerationsstatus? Ist es der Trainingsstatus? Oder Schnelligkeit? Oder Reaktionsgeschwindigkeit? Oder Beweglichkeit? Wir müssen uns also zunächst überlegen: Was wollen wir messen? Und dann: Welche Möglichkeiten habe ich, um zu messen? Stehen mir alle erdenklichen Messsysteme zur Verfügung, ist es etwas einfacher und ich kann die besten Methoden heraussuchen. Aber in der Praxis wird das nicht der Fall sein. Wir müssen also die Rahmenbedingungen klären: Was wollen wir messen, welches Budget steht zur Verfügung, wie viel Zeit habe ich, welche Möglichkeiten eines Re-Tests habe ich und so weiter. In diesem Kontext wird dann gemessen. Und dann sollte man Kriterien bestimmen, nach denen man die Daten erhebt. Dafür bieten sich klassische wissenschaftliche Gütekriterien an: Was ist valide, was ist reliabel und was ist objektiv? Danach kann ich meine Methode wählen. Hier spielt außerdem die Erfahrungshistorie eine Rolle. Kennzahlen, die sich über Jahre oder Jahrzehnte etabliert haben, sind in aller Regel eine gute Orientierung, es existieren bereits viel Erfahrung und Vergleichswerte.

Für den Physiotherapeuten und Personal Trainer könnten Apps zur Messung der Beweglichkeit und Mobilität spannend sein. Aus meiner Sicht funktionieren die schon erstaunlich gut. In einer Studie bei Nachwuchshandballern haben wir mit der App „GonioPro“ gearbeitet und erzielten damit gute Ergebnisse. Auch Apple hat mittlerweile eine App zur Messung von Winkeln und Längen, welche schon recht ausgereift ist. Aber auch mit dem digitalen Goniometer aus dem Baumarkt kann man mit kleinem Budget Winkel messen. Auch gibt es mittlerweile valide Apps zur Messung der Sprintzeit, Sprunghöhe und konzentrischen und exzentrischen Kraft.

Möglichkeiten gibt es viele und es werden immer mehr kommen. Daher ist es wichtig, dass man weiß, was man misst, dass man vertraut mit seinen Messgeräten ist und sich über die Messfehler und Schwächen der Messung im Klaren ist.

Je mehr Daten wir kennen, desto mehr verlassen wir uns auf sie. Plakativ gesagt: Ich habe schlecht geschlafen, weil mir das meine Uhr sagt, nicht weil ich es so fühle. Verlernt man durch die Digitalisierung und die damit einhergehende Datenflut als Sportler, auf seinen Körper zu hören?

Das kann schon passieren, ich sehe es aber eher andersherum. Nehmen wir das Beispiel des Regenerationsmanagements. Das Problem bei Leistungssportlern ist, dass sie immer Gas geben wollen. Aber: Wir wissen nicht wirklich, wie sich „erholt sein“ anfühlt. Genauer gesagt: Wir kennen die Grenzbereiche gut, also „richtig gut erholt beziehungsweise ausgeschlafen“ und „richtig müde“. Aber in dem Bereich dazwischen kennen wir uns aus Sicht des Körpergefühls eigentlich nicht gut aus. Und das ist der Bereich, der Probleme macht. Verletzungen sind in der Regel die Folge chronischer Überlast, man ist also eher zu erschöpft, um die geforderte sportliche Leistung zu erbringen. Da Sport nichts Natürliches ist, kennt sich unser Körper von Natur aus entsprechend schlecht mit diesen Belastungen aus. Das heißt, wir müssen uns etwas überlegen, um dieses Gefühl zu verbessern. Um in diesem Punkt das Körpergefühl zu schulen, können Apps und die von ihnen erhobenen Daten nützlich sein. Sie geben dem Sportler einen Referenzwert. Dadurch lässt sich das Gefühl einordnen. Die Zahlen übernehmen in etwa die Funktion eines Spiegels beim Bewegungslernen. Ganz simples Beispiel: Ein Athlet soll sich gerade hinstellen. Er meint, er stehe gerade, tut das faktisch aber nicht. Jetzt halte ich ihm einen Spiegel vor und er sieht, dass er tatsächlich schief steht. Mithilfe des Spiegels kann er sich selbst korrigieren. Er braucht aber die Referenz des Spiegels. Das gleiche Prinzip funktioniert mit den Apps.

Das heißt, sie dienen eher dazu, sich besser kennenzulernen: Wenn ich dieses und jenes Stresslevel habe, fühle ich mich so und so. Und das nächste Mal kann ich das interpretieren und sagen, ich fühle mich wieder genauso, also wird mein Stresslevel ähnlich sein.

Genau, man kann definitiv die Antennen schärfen.

Und was bedeutet das für den Trainer, solche Hilfsmittel zu haben, beispielsweise bei der Bewegungsanalyse? Kann man den Blick für eine korrekte Bewegungsausführung durch zu viel Technik auch verlieren?

Das denke ich nicht. Letztendlich sind Trainer und Athlet ein lernendes System. Der Trainer ist dafür da, den Athleten besser zu machen. Die Technologie hilft ihm, sein Auge zu verbessern, weil sie ihm neue Möglichkeiten gibt. Als in den 70er-Jahren die Videoanalyse aufkam, hatte das eine gravierende Folge: Die Athleten wurden schlagartig technisch versierter, weil man zum Beispiel eine Slow Motion hatte und Bewegungen so viel genauer als mit dem bloßen Auge analysieren konnte. Ähnlich ist das heute bei den Apps mit ihren Funktionen: Sie können helfen, die Dinge besser zu visualisieren und das Training so zu professionalisieren. Ich glaube, dass die Trainer technische Entwicklungen eher zulassen müssen und sich der Trainerberuf weiterentwickeln muss. Wenn nur das gemacht wird, was in den 80er- und 90er-Jahren gemacht wurde, erhält man auch die gleichen Ergebnisse – und man ist ständig von den gleichen Problemen umgeben. Und wenn man ständig von den gleichen Problemen umgeben ist, hat es viel mit der Person zu tun, die die Probleme hat. Aus meiner Sicht sind Probleme etwas Gutes, auch wenn sich das im ersten Moment manchmal wie eine bittere Niederlage anfühlen kann. Denn mit Problemen schickt uns das Leben eine Nachricht, dass etwas nicht stimmig ist in unseren Leben. Jetzt geht es nur noch um die Frage, wie wir damit umgehen. Ich finde das sehr spannend.

Du rätst Trainern dazu, sich explizit mit dem technischen Fortschritt auseinanderzusetzen und sich ihm nicht zu verweigern. Warum?

Im Prinzip haben wir durch die Digitalisierung primär mehr Zeit, bessere Entscheidungen zu treffen – vermehrt datengestützt, weniger intuitiv. Dass die Intuition uns häufig falsch leitet, ist wissenschaftlich gut belegt. Zeit ist das wertvollste Gut, das wir als Trainer haben. Daher ist alles zu begrüßen, was unsere Arbeit effizienter macht – also gleich gute oder sogar bessere Resultate bei weniger beziehungsweise gleichem Zeitaufwand erzielt. Die Digitalisierung ist eine riesige Chance, ganze Berufsbilder zu professionalisieren und weiterzuentwickeln. Der klassische Therapeut wird sich immer mehr zu einem Präventionsberater entwickeln; das ist das moderne Bild. Für Trainer gilt das ebenfalls: Er wird immer weniger für klassische Fragestellungen gebraucht werden und hat damit Zeit für neue Herausforderungen. Wir wissen ja ständig mehr, immer mehr Dinge können erfasst werden und müssen gegebenenfalls sinnvoll integriert werden. Für so etwas braucht ein Trainer Zeit. Wie messe ich besser? Wie treffe ich bessere Entscheidungen? Und sich gegen den Fortschritt zu verweigern, hilft meistens ohnehin nichts. Das Smartphone hat sich auch durchgesetzt, ob ich das wollte oder nicht.

Du hast immer wieder davon gesprochen, man müsse gute Entscheidungen treffen. Was macht denn in deinen Augen eine gute Entscheidung aus? Wie treffe ich diese, wenn mich die Technik dabei unterstützt?

Eine gute Entscheidung muss immer nachprüfbar sein; ich kann eine Entscheidung ja erst im Nachhinein bewerten. Ich muss also vorher Kriterien festlegen, nach denen ich Erfolg und Misserfolg unterscheiden kann. Wenn ich das nicht vorher definiere, ist am Ende alles immer relativ subjektiv. Solche Kriterien werden im Sport oder der Therapie häufig noch nicht definiert. Der Athlet oder Patient fühlt sich besser, also ist das ein Erfolg? Schwierig, denn es ist nur sein Gefühl. Das Gefühl als alleinigen Maßstab für den Erfolg zu nutzen, halte ich nicht mehr für zeitgemäß. Sicherlich ist es bequem, denn das Gefühl lässt sich leicht erfassen und Skalen dafür gibt es unzählige. Allerdings ist Bequemlichkeit keine Argumentationsbasis für eine wertige Dienstleistung.

Doch zurück zur Frage. Ich muss mir also vorher Gedanken machen: Was ist für mich ein Therapieerfolg oder das Ergebnis einer guten Entscheidung? Bei einem Athleten ist das relativ einfach. Das Ziel ist: Er soll besser werden. Wird er besser, habe ich am Ende mehr gute als schlechte Entscheidungen getroffen. Prinzipiell ziehe ich dafür verschiedene Kriterien heran, zum Beispiel Gelenkstabilität, Gelenkmobilität, Kraft oder Ausdauer. Dann schaue ich mir an, was er in seiner Sportart braucht und wo er Limitationen hat. Nach dem Pareto-Prinzip schaue ich: Wo habe ich den größtmöglichen Gewinn bei den geringsten Kosten? So schaffe ich einen guten Kontext für gute Entscheidungen. Und ich kann relativ schnell prüfen, ob es funktioniert. Pareto besagt, dass ich mit 20 Prozent Aufwand 80 Prozent Ergebnis bekomme. Handele ich danach, kann ich das schon nach zwei bis vier Wochen sehen, ob meine Intervention Erfolg haben kann. Hinweise zeigen sich meistens sogar schon in ersten zwei Einheiten. So habe ich mein System kalibriert und erkenne schon relativ schnell, ob meine Entscheidung tendenziell gut war. Ich habe damit einen Prozess, um Fehler zu reduzieren. Wir machen alle Fehler – die Frage ist nur: Wie viele mache ich, wie schnell merke ich, dass es ein Fehler war, und wie schnell bin ich bereit, mein Vorgehen zu ändern? Ich provoziere also Fehler schneller und wir müssen eigentlich nur dann gegebenenfalls eine Kurskorrektur vornehmen. Und dabei können mich digitale Hilfsmittel sehr gut unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gerne, vielen Dank.

Das Gespräch führte Nils Borgstedt

Über Dr. Kornelius Kraus

Dr. Kornelius Kraus ist Diplom-Sportwissenschaftler sowie Wissenschafts- und Technikphilosoph. Kornelius hat sich in den vergangenen Jahren auf die Themen Muskelfunktionsdiagnostik, Regenerationsmanagement und Trainingssteuerung spezialisiert. Derzeit ist er an der Universität der Bundeswehr in München als sportwissenschaftliche Lehrkraft zum Beispiel in der Leichtathletik, im Fußball, Schneesport und Konditionstraining tätig.

Porträt Kornelius KrausFotostudio SAUTER
Porträt Kornelius Kraus