Der Countdown zum Workout gehört zum Crossfit dazu, wie das Reebok-Shirt und die Rogue-Handgelenksbandagen. Der Countdown leitet die Phase der Crossfit-Stunde ein, die bei den meisten Membern der Grund ist, einer Crossfit-Box beizutreten. Das Workout of the day (WOD) ist das Highlight einer jeden Stunde. In unterschiedlichen Modi wetteifern und schwitzen die Athleten für eine neue persönliche Bestzeit oder die schnellste Workout-Zeit des Tages. Nicht immer die beste Motivation, um die hoch komplexen Anforderungen der Übungen im Crossfit gerecht zu werden.

 

„Seid ihr bereit?“ Betritt man die Box – der Raum, in welchem die Athleten ihren Sport ausüben – spürt man sofort ein besonderes Flair, welches die Crossfit-Box von jedem herkömmlichen Fitnessstudio unterscheidet. Der Boden ist mit schweren, schwarzen Gummimatten ausgelegt, teils noch mit weißen Rückständen von Kreide (Chalk) versehen. Im Zentrum steht ein Rack, ein schweres Gestell. An diesem werden viele der Crossfit-Übungen mit der Langhantel, aber auch Bodyweight-Übungen im Hang gemacht. Rudergeräte, Air-Bikes oder Ski-Ergometer sind auf der Seite aufgeräumt – ebenfalls spezielle Markenprodukte, die mit Crossfit in Verbindung gebracht werden. Weiter findet man noch Langhanteln, schwere Gewichtsscheiben, Kettlebells, Dumbells, Wallballs und spezielle Holzboxen für Sprungübungen. Damit ist die Box bestens vorbereitet, um den Membern alles abzuverlangen.

„Wallballs sind ekelhaft…“, versucht sich Feli der Aufgabe zu entziehen. Nachdem aber verneint wurde, ob es irgendwelche körperlichen Probleme gibt, die ihr die Übung nicht möglich machen, gibt es kein Erbarmen. „Karen“steht auf dem Programm: 150 Wallballs am Stück, bestenfalls ohne Pause. Wozu, frage selbst ich mich immer mal wieder. Ich – eine Physiotherapeutin und Sportwissenschaftlerin, die ursprünglich aus dem Mannschaftssport und dem Skifahren kommt, die aber neugierig ist und es mag, an ihre Grenzen zu gehen. Und bei Letzterem kommt man im Crossfit voll auf seine Kosten.

Nicht nur ein Fitnesskonzept. Crossfit ist eine Marke, die es wie kaum eine andere in der Fitnessbranche versteht, sich zu verkaufen. Dabei versucht sich Crossfit eifrig am Spagat zwischen Kommerz und Wettkampf. Markeneigene Trainingsbekleidung, Crossfit-assoziierte Workouts (sogenannte Benchmark-Workouts) und sogar eigens organisierte Wettkämpfe auf nationaler, aber auch internationaler Ebene sind das Ergebnis. Und so kommt es, dass sich in meinem Regal die Crossfit-T-Shirts stapeln und ich sogar schon für die Crossfit Opens registriert war. Der Trend, der vor knapp zehn Jahren aus den USA zu uns nach Europa und nach Deutschland geschwappt ist, ist mehr als ein Sport. Eine Umfrage, ob Crossfit auch eine Lebenseinstellung sei, beantworteten 86 % der Befragten mit „ja“ (1). Das sieht man auch in der Box, in der ich trainiere. Es gibt Mitglieder, die sind täglich da – wenn nicht zum Trainieren, dann zumindest auf ein nettes Gespräch. Während man an einem Regenerations-Drink nippt, wird sich über die letzten Rekorde der Profis unterhalten, die eigenen neuen Bestmarken werden analysiert und man freut sich auf die kommenden Veranstaltungen innerhalb der Community: Der nächste Trumpf im Ärmel der Trendsportart. „Familiär“ beschreiben es die Owner und Mitglieder meiner Box, „nicht so anonym wie in herkömmlichen Studios“, „eine tolle Gemeinschaft mit super Events“.

Kann das gut gehen? Und dann kommt da noch die große Heterogenität innerhalb der Community, gar innerhalb der einzelnen Crossfit-Stunden, die jedem das Gefühl gibt, ein Teil davon zu sein. Bei uns trainiert die Leistungssportlerin, die an internationalen Wettkämpfen teilnimmt, neben der Hausfrau, die nach neuer sportlicher Motivation sucht oder dem übergewichtigen Sportanfänger, der von Anfang an willkommen ist und dazu gehört.

Theoretisch kann das gut gehen. Jede Übung kann abgeändert werden, sodass sie dem individuellen Leistungsstand zugeschnitten ist. Doch hier kommt das Know-how, aber auch die Überzeugungskraft der Coaches ins Spiel. Es gilt einerseits, individuelles Programm anzubieten und andererseits, jedes Mitglied zu catchen und die Motivation hoch zu halten, wenn der Countdown zum WOD ertönt. Ein weiterer Spagat, dem man nicht immer gerecht wird. Hier scheitert man oft am Leistungsdenken der heutigen Zeit, das so ein bisschen in jedem von uns steckt. Ein gefährlicher Mix, gepaart mit dem stark motivierenden, pushenden Charakter eines Workouts. Laute Musik, das Training in der Gruppe, gegenseitiges Anfeuern und Abklatschen und die Uhr, die immer gegen einen läuft. Schwäche zeigen fällt hier schwer – zum Leid der korrekten Bewegungsausführung. Dieser Kritik muss sich Crossfit immer wieder stellen. Die hohe Verletzungsgefahr, vor allem an Schulter und an Rücken, wird immer wieder beschrieben (2, 3).

„Coach, hast du eine andere Übung für mich? Das ist keine seltene Frage, die in der Box immer wieder gestellt wird. Hier erwacht die Physiotherapeutin in mir, die schon immer sportartspezifisch und funktionell gedacht hat. Das Risiko, das Crossfit mit sich bringt, wurde in meiner Stamm-Box erkannt. Zusammen mit den Head-Coaches der Box versuchen wir immer wieder, die Mitglieder zu sensibilisieren. Workshops zum Thema „Mobility“, „Technikschulungen“, „Verletzungsprävention“, „Trainingssteuerung“ oder auch „Achtsamkeit im Training“ werden regelmäßig angeboten. Themen, die ohne dem schneller weiterhöher auskommen müssen – und demnach auch nicht so Anklang finden wie das Workout of the day. Eine Herausforderung für eine Box, die mit einer Bewegungswissenschaftlerin und einer Physiotherapeutin zwei Owner hat, denen korrekte Bewegungsausführungen und eine verletzungsfreie Community am Herzen liegt. Aber wie im echten Workout: „Aufgeben zählt nicht“ – und so werden weiter Workshops geplant.

Literatur

1. Fitogram. 2015. CrossFit in Deutschland: Marktübersicht, Entwicklung und Trainingsverhalten. ll.rpv.media/2na. Zugriff am 17.02.2021

2. Rottkay E, et al. 2018. Schulterverletzungen im CrossFit und verwandten Sportarten. Sports Orthopaedics and Traumatology, 34(2): 145-150

3. Hak PT, et al. 2013. The nature and prevalence of injury during CrossFit training. Journal of Strength and Conditionig research. ll.rpv.media/2nb. Zugriff am 17.02.2021