Es gibt nicht viele so leidenschaftliche Trainer, die Menschen mit den verschiedensten Behinderungen offen annehmen, wie sie sind, und es auf unerwartete Weise schaffen, sie fitter zu machen, wie Herbert Pichler. Dass dafür aber nicht nur Leidenschaft, sondern auch Neugier, Mut und eine sehr gute eigene Physis notwendig sind, stellt er in seinem Beitrag und einem Interview dar. Gleichzeitig leisten viele weitere Trainer und Therapeuten im Behindertensport wertvolle Arbeit. Trainer, die eine Behinderung haben und als Coach im nichtbehinderten Breiten- und Leistungssport erfolgreich tätig sind, sind schon um einiges seltener. Im zweiten Teil unseres Titelbeitrags erzählt Mathieu Jerzewski, wie ein solcher Werdegang als Gehörloser aussehen kann und welche Hürden und Hindernisse zu meistern sind.

Training ist und bleibt Training

Das Training mit Menschen mit Handicap stellt den Coach sicherlich vor große Herausforderungen − aber das ist bei nichtbehinderten Sportlern oftmals auch so. Und deswegen gilt es im Training mit körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen offen für Besonderheiten zu sein und mit der gleichen Professionalität, viel Empathie und einer klaren Zielsetzung ein individuelles Training zu gestalten, das diese Zielgruppe nicht über-, aber auch nicht unterfordert.

Training ist und bleibt Training. Deswegen unterscheidet sich die Herangehensweise bei Menschen mit Handicap nicht gravierend von anderen Kunden. Zu Beginn steht natürlich immer die Ist-Analyse. Handelt es sich um einen Neukunden, solltest du dich vorab auch mit den Betreuern und der Familie austauschen. Analog dazu ist eine Rücksprache mit den Physiotherapeuten und Ärzten unter Umständen wichtig. Dieser Austausch sollte immer stattfinden und ist entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Das bedeutet, dass du dich auch mit der Krankenakte beschäftigen musst: Welche Reha-Maßnahmen wurden bereits durchgeführt? Wie wurde der Kunde genau betreut? Welche Übungen wurden absolviert und waren auch erfolgreich oder wurden vom Trainierenden angenommen?

Sind alle Rahmenbedingungen, Vorerfahrungen und Indikationen sowie Kontraindikationen im Rahmen der Anamnese geklärt, sollte ein Körper-Bewegungs-Screening stattfinden. Hier solltest du herausfinden, welche Handicaps, Dysbalancen und relevanten Ausschlusskriterien für bestimmte Bewegungsabläufe vorliegen. Danach erfolgt die Ausarbeitung eines ersten Coachingprogramms. Das Training sollte erst beginnen, wenn der Kunde schmerzfrei trainieren kann. Es ist gerade im Training mit Behinderten wichtig, dass du bereits beim ersten Kennenlernen Vertrauen aufbaust und sich deine Kunden sicher und wohlfühlen.

Viele Reize zu setzen, ist entscheidend. Du solltest als Trainer eine sehr gute Körperwahrnehmung haben und immer in der Lage sein, dich in deinen Kunden hineinzuversetzen. Wie fühlt sich eine Übung an? Wie weit kannst du gesichert gehen? Die eigene sportliche Athletik ist also mitentscheidend. Außerdem ist es im Training mit Menschen mit Handicap wichtig, alle Sinne zu beanspruchen. Ein Bewegungserfolg ist oftmals vom visuellen Input abhängig.

Auditive Elemente sind ebenfalls sehr wichtig: Du solltest Übungen laut und deutlich erklären, und auch Musik spielt eine bedeutende Rolle. Durch bodennahe Trainingsformen kannst du die Propriozeption deiner Kunden noch besser fördern. Auch die Kombination von langsamen und schnellen Ausführungen sorgt für eine bessere Körperentwicklung. Je mehr Informationen das zentrale Nervensystem bekommt, desto besser. Hilfsmittel wie ein Rollstuhl oder ein Rollator können zu einer Reduzierung der Bewegungsfähigkeit führen. Darum solltest du nach Möglichkeit immer frei arbeiten, damit deine Kunden ihren Körper vielfältig und in allen Bewegungsebenen erleben, spüren und so möglichst viele Trainingsreize setzen.

Anatomiekenntnisse und Empathie sind unabdingbar. Für mich als Trainer und vor allem als Ausbilder stellt die funktionelle Anatomie mein Kernrüstzeug dar. Wie funktioniert der menschliche Körper unter Belastung? Welche äußeren Umweltfaktoren gibt es? Innerhalb welcher Ebenen bewegen wir uns? Eine entsprechende funktionelle Trainerausbildung sollte daher dein Fundament sein. Danach spezialisierst du dich. Natürlich nützt dir aber nicht nur das theoretische Rüstzeug: Praxiserfahrungen sind für einen erfolgreichen Coach essenziell!

Neben fundierten Anatomiekenntnissen und einer sehr guten eigenen Körperwahrnehmung solltest du dein Gegenüber funktionell analysieren und jederzeit in seinen Bewegungen verändern können. Und selbstverständlich benötigst du eine ausgeprägte  Empathiefähigkeit. Menschen mit Handicap müssen dich als Trainer annehmen und gleichzeitig musst du offen auf diese Zielgruppe zugehen können.

Sei kreativ und bodennah. Wie schon erwähnt, solltest du mit deinen Kunden vorwiegend funktionell arbeiten. Roll-, Krabbel- sowie Tierbewegungen eignen sich hervorragend für sämtliche Körpertypen. Jüngere und ältere Menschen können auf diese Weise sportlich gefördert werden, aber eben auch Spitzensportler. Unterschiedliche Trainingslevels lassen sich dabei sehr gut individuell anpassen. Eine bodennahe Trainingsform ermöglicht zudem eine entsprechende Absicherung. Als Trainer für Menschen mit Handicap muss du kreativ arbeiten können. Du musst Probleme und Einschränkungen analysieren und eine Übung auf ein einfacheres Niveau herunterbrechen oder sie aber auch erschweren können.

Einschränkungen im Sprung-, Hüft- oder Handgelenk gehen mit Ausgleichsbewegungen einher. Auf welcher Trainingsebene setze ich also an? Kann mein Kunde beispielsweise seine Hände öffnen oder trainiere ich lieber im Unterarmstütz? Du musst lernen, spontan und rasch handeln zu können. Gerade im Rahmen von Gruppentrainings treffen unterschiedliche Handicaps aufeinander. Bei solchen Konzepten solltest du in der Lage sein, jeweils individuelle Trainingslösungen zu finden, damit alle zusammen in der Gruppe effektiv und mit Spaß trainieren können. Das motiviert die Teilnehmer ungemein.

Herbert Pichler

Als Trainer wird man zu hundert Prozent gefordert. Für Fehler ist absolut kein Platz. Du musst durchgehend konzentriert bleiben. Im Coaching selbst solltest du immer nur deinen jeweiligen Kunden oder deine jeweilige Gruppe wahrnehmen. Ich erlebe des Öfteren, dass ich nach einer Trainingseinheit selbst völlig durchgeschwitzt bin. Man ist eben unter Spannung, um sofort unterstützend helfen zu können. Vielleicht ist es eine Gabe, aber in jedem Fall ist es eine wichtige Voraussetzung, dass dich Menschen mit körperlichen Einschränkungen faszinieren. Frage dich: Wie kann ich diese Menschen ansprechen, welche Übungen kann ich umsetzen, wie kann ich am besten helfen?

Die Herausforderungen und damit das Potenzial, selbst als Mensch und Trainer zu wachsen, sind riesig. Für mich vollbringen Menschen mit Handicap absolute Höchstleistungen. Ich selbst ziehe daher auch immer die Parallele zum Spitzensport. Menschen mit Handicap, die sich dem Training verschreiben, sind für mich Weltmeister in ihrer eigenen Disziplin! Du solltest sie grundlegend als ganz normale Menschen wahrnehmen, mit allen Stärken und Schwächen, die eben dazugehören.

„Es sind einfach ganz normale Menschen!“

Den Menschen, mit oder ohne Handicap, in seiner Einzigartigkeit zu sehen und ihm individuell gemäß seinem Alter und seiner Entwicklung zu begegnen sowie sich bewusst zu machen, dass Vorstellungen von Normalität und Anderssein, Partizipation und Ausgrenzung von der eigenen Perspektive abhängen − das sind die Leitbilder von Herbert Pichler im Training mit Menschen mit Handicap.

Warum hast du dich des Themas Training mit Behinderten angenommen? Was waren deine Beweggründe oder Erfahrungen, die dazu führten?

Eine Erfahrung, welche mich unheimlich geprägt hat, war der Kontakt zu einem Mädchen. Sie hatte sowohl eine geistige als auch eine körperliche Beeinträchtigung. Zur damaligen Zeit wurde sie leider regelrecht von der Außenwelt isoliert. Auf einem gemeinsamen Ausflug stellte ich mir selbst die Frage: „Wie kann ich Menschen mit Handicap unterstützen?“ Innerhalb meines ganzen Lebens nahm Sport immer einen zentralen Stellenwert ein: angefangen mit Leichtathletik über Krafttraining bis hin zum funktionellen Training. An diesem Punkt wollte ich anknüpfen und Menschen mit Handicap sportlich betreuen. Die Lebenshilfe Ennstal gab mir diese Chance. Ich lernte die heutige Geschäftsführerin in einem Fitnessstudio kennen und dabei stellte sich eben heraus, dass es ein Interesse an einer sportlichen Förderung gibt. Heute stellen wir mit unserer Firma ein eigenes Tochterunternehmen dar und betreuen über 70 Kunden. Auch bilden wir mittlerweile selbst Trainer und Trainerinnen aus.

Wie gehst du mit dem Begriff „behindert“ um? Ist dieser politisch korrekt?

Es sind einfach ganz normale Menschen. Für mich stellt eine körperliche Beeinträchtigung nichts Negatives dar; ich sehe es nicht als Barriere. Menschen mit Handicap haben einen komplett natürlichen Zugang zu ihrer jeweiligen Behinderung. Für sie gehört es einfach dazu, sie kennen es nicht anders, gehen Tätigkeiten nach, arbeiten in Werkstätten und trainieren zudem. Ihre Tagesstruktur sieht nicht anders aus als bei uns. Der Tag beginnt früh und es geht eben in die Arbeit. Gelebte Inklusion ist daher extrem wichtig! Menschen mit Handicap können viele Dinge schaffen und möchten daher auch ernst genommen werden. Liebe, Trauer, Freude, diese Menschen nehmen Gefühle nicht anders wahr. Der Ausdruck „Behinderte“ wirft oft ein schlechtes Bild, suggeriert einen falschen Eindruck. Für mich hat jeder Mensch ein gewisses „Handicap“, und ich meine dies keineswegs abwertend. Persönlich mache ich keinen Unterschied, ob jemand im Rollstuhl sitzt oder soziale Defizite aufweist. Ein Mangel an Feingefühl für Mitmenschen stellt in meinen Augen ein wirkliches Handicap dar.

Wie differenzierst du das Training mit deinen Profisportlern und deinen behinderten Kunden?

Ich liebe beide Tätigkeitsbereiche, es gibt zahlreiche Parallelen! Wenn sich jemand selbst aus dem Rollstuhl wirft, wieder anfängt zu laufen oder wenn sich jemand nach einem Herzinfarkt wieder zurück ins Leben kämpft, sind das Gänsehautmomente. Einsatz, Wille, die Bereitschaft, über seine eigenen Grenzen zu gehen, gibt es sonst nur im Spitzensport. Man bewegt sich einfach unausweichlich außerhalb der persönlichen Komfortzone. Ein Trainingsbeispiel: Hubert, 65 Jahre, rechtsbetonte spastische Lähmungen in Verbindung mit zerebraler Kinderlähmung (Little’sche Krankheit mit ausgeprägter Tetraspastik). Hubert kann sich nur unter Schmerzen fortbewegen, er ist auf seinen Rollstuhl angewiesen. Im Zuge eines Outdoor-Gruppentrainings trainierten wir mit Gymnastikbällen − ideal geeignet, um seinen Rumpf anzusteuern. Ein riesiger Erfolg für uns beide. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Moment erinnern. Hubert sprach mich direkt an: „Lass mich los!“, er wollte keine Absicherung. Hubert wollte selbstständig, frei am Ball sitzen. Ich bekomme heute noch Gänsehaut.

Herbert Pichler

Ein anderes Beispiel ist Bernhard, 19 Jahre, Polytrauma infolge eines Verkehrsunfalls, Schädeldachfraktur. Als er zu mir kam, musste er sich noch auf einen Stock abstützen. Im Zuge einer Trainingseinheit hat er erstmals diese Hilfe komplett weggelassen. Er war rein auf die Übung fokussiert. Bernhard hat alles andere ausgeblendet − wie ein Spitzensportler, ein Rennfahrer, ein Kampfsportler. Für Ängste war kein Platz, er wollte selbst freie Schritte gehen. Diese Momente prägen mich als Trainer. Im Spitzensport fängt das Training oftmals erst an, wenn der eigene Körper eigentlich nicht mehr möchte. Motivation sowie mentale Stärke sind hierbei von zentraler Bedeutung. Das vermittle ich auch innerhalb meiner Motivationsvorträge. Was löst Kälte, körperliche Erschöpfung oder extreme Höhe in mir aus? Lasse ich zu, dass es mich beeinflusst, oder blende ich es aus und konzentriere mich auf meine Aufgabe? Beide Welten, Menschen mit Handicap sowie Spitzensport, faszinieren mich und stehen nicht ansatzweise im Widerspruch.

Wie verarbeitest du besonders schwerwiegende „Fälle“?

Als Trainer lebt man komplett mit. Zu Beginn hat es noch etwas mehr in mir ausgelöst. Jedoch wollte ich helfen und suchte nach Lösungsmöglichkeiten. Wenn Kunden zu mir kommen, bekommen sie von mir 100 Prozent. Oft ertappe ich mich, dass ich stundenlang über Trainingsmethoden nachdenke, und leider beeinflusst das meine Schlafqualität. Man nimmt seine Arbeit, seine Gedanken einfach mit nach Hause. Meiner Meinung nach muss man aber für eine Sache regelrecht brennen, um sein Feuer weitergeben zu können. Vielleicht ist das mein Grund, warum ich auf die Welt gekommen bin. Diese Chance möchte ich einfach nutzen. Mir liegt meine Tätigkeit als Trainer, Referent und vor allem als Motivator unheimlich am Herzen. Diese Spuren möchte ich auf dieser Welt einfach hinterlassen und zudem an andere weitergeben. Auch die Ausbildung dieser „speziellen“ Art von Trainern ist mir enorm wichtig. Selbst lernen und auch an andere weitergeben − nur so können wir in unserer Gesellschaft und im Coaching Nachhaltigkeit garantieren.

Welche abschließenden Tipps kannst du anderen Coaches weitergeben für ein Training mit „Menschen mit Behinderung“?

Zunächst kann ich einmal anraten, einfach offen auf Menschen mit Handicap zuzugehen. Alleine der Austausch mit Angehörigen, Einrichtungen oder eben Menschen mit Handicap selbst kann Ansichten und komische Gefühle ändern. In unserer heutigen Gesellschaft vergleichen wir uns zu oft mit anderen. Höher, schneller, weiter geht nicht mit Nachhaltigkeit einher. Menschen mit Handicap können herrlich entschleunigen. Sie würde es eben stressen, wenn man zu viel Druck ausübt. Manche Tätigkeiten dauern einfach etwas länger und es ist trotzdem in Ordnung. Es muss nicht immer alles zu 100 Prozent pünktlich oder genau sein, um trotzdem seine Berechtigung zu haben. Übungen sollten vor allem spielerisch gestaltet werden. Im Training selbst ist es von enormer Bedeutung, möglichst aktiv mitzumachen. Je mehr ich mich selbst als Trainer einbringe, desto besser wird es funktionieren. Man sollte versuchen, immer möglichst offen zu bleiben, andere Zugänge und Ideen zuzulassen. Der Austausch mit Trainerkollegen liegt mir sehr am Herzen. Unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen können sich positiv auf die eigenen Methoden auswirken. Meine Functional-Evolution-Trainingsmethode ist daher sehr facettenreich konzipiert. Unser (Trainings-)Alltag lässt keine strikten Konzepte zu, denn unser aller Bewegungsapparat funktioniert wesentlich differenzierter.

Vielen Dank für das Gespräch und es ist schön, dass es Trainer wie dich gibt!

Das Gespräch führte Florian Münch.

Über Herbert Pichler

Herbert ist Mastertrainer bei LH Equal Sport in Liezen, Österreich, und verbindet hier seine jahrelange Trainingserfahrung mit seiner Funktion als Personal Trainer. Im Rahmen seines Ausbildungskonzeptes „Functional Evolution“ bildet er auch Trainer und Trainerinnen für das Training mit Menschen mit Handicap aus. 2015 gewann er den NEOS Award für Nachhaltigkeit und gesellschaftliches Engagement.

Herbert Pichler

„Alles hört auf mein Kommando!“

Mathieu Jerzewski ist von Geburt an hochgradig schwerhörig und hat sein Leben lang hart an sich gearbeitet, um der zu werden, der er heute ist. Der Anspruch, eigene Grenzen zu überwinden und Alltagssituationen zu meistern, ist ein Charakteristikum seines Werdegangs. Aufgewachsen in Berlin, hat Mathieu schon früh mit Logopädie begonnen und verlässt sich beim Sprechen ausschließlich auf sein Gefühl. Das „J“ zum Beispiel gelang ihm wie aus dem Nichts erst mit 14 Jahren. Wenn man von klein auf lernt, mit Wenigem viel zu erreichen, und dabei eine gehörige Prise Geduld sowie den Glauben mitbringt, dass nichts unmöglich ist, dann kann man als Gehörloser zum erfolgreichen Trainer von Normalhörenden werden.

Mit leistungsstarken Hörgeräten höre ich 20 Prozent. Trotzdem bin ich komplett auf Lippenablesen angewiesen, und nur auf diese Art und Weise ist für mich die Kommunikation mit Normalhörenden möglich. Von zentraler Bedeutung für den Spracherwerb ist natürlich die frühkindliche Förderung im Elternhaus mit fachkundiger Hilfestellung. Da ich vom Kindergarten bis zum Abitur nur Regel- und nicht behindertenspezifische Einrichtungen besucht habe, wuchs ich in die Muttersprache ebenso hinein wie in die Schriftsprache. Das sind unabdingbare Voraussetzungen für Chancengleichheit und Gleichberechtigung und in meinem Fall der richtige Weg zur Integration in die Gesellschaft und zur Vermeidung von Isolation. Das war aber mit viel Selbstdisziplin und der Bereitschaft, immer wieder auch auf „fremdelnde Normalos“ zuzugehen, verbunden. Mit der Zeit habe ich gelernt, mich wie ein normalhörender Mensch zu verhalten, man merkt mir meine Behinderung nicht sofort an. Heute stehe ich selbstbewusst im Berufsleben.

Ich konnte sofort überzeugen! Aktuell bin ich beim TSV Neuried angestellt, einem Sportverein nahe München mit über 3.000 Mitgliedern. Dort habe beziehungsweise hatte ich folgende Aufgabenbereiche inne: Athletikcoach für Fußballleistungsteams, Fußball- und Futsaltrainer, Sportlehrer in der Kindersportschule, Sporttherapeut und organisatorischer Leiter der Fußballabteilung. Gleich im Vorstellungsgespräch war man von mir überzeugt und ich bekam meine Chance. Das Vertrauen zahle ich seitdem mit Engagement und Fleiß zurück und habe mir mit der Zeit einen gewissen Status erarbeitet, gleichzeitig auch eine Wertschätzung für meine ehrgeizige, leidenschaftliche und zuverlässige Arbeit. Das Wichtigste ist, dass du in deinem gewünschten Arbeitsbereich Authentizität, Zugewandtheit, Fachkompetenz und Selbstbewusstsein ausstrahlst. Wenn du meine bisherige Lebenserfahrung aufgreifen möchtest: Glaube an dich und deine Fähigkeiten und lass dich nicht in die Irre führen, bleibe geduldig und fokussiert! So führte ich zuletzt meine Futsalmannschaft in die höchste deutsche Spielklasse.

Mathieu Jerzewski

Ich legte großen Wert darauf, neben meinen Lizenzen einen Blick hinter die Kulissen diverser Einrichtungen zu werfen. Das hilft einerseits, einen breiteren Horizont zu erschließen, andererseits gab es mir konkret Aufschluss darüber, woran ich mich in Zukunft messen würde und auf welche Problemfelder ich stoßen könnte. Es sind die praktischen Erfahrungen, die Gold wert sind! Beim TSV Neuried habe ich zudem das Projekt „MJ – Athletik, Koordination, Sporttherapie“ eigenverantwortlich entwickelt und integriert: Ziel war der Aufbau einer Sporttherapie und eines Athletikbereiches. Dieses Projekt war für mich ideal, um mein grundsätzliches Potenzial als Athletiktrainer auszuloten.

Ich kommuniziere nur über Lautsprache. Telefonieren wird durch SMS-, E-Mail- oder WhatsApp-Kontakt ersetzt. Eine gewisse Barriere existiert beim Lippenablesen, wenn Gespräche in der Gruppe stattfinden und man etliche Gesichter nicht direkt sehen kann. Das passiert bei Kindern öfter, lässt sich aber gezielt eindämmen, indem man sie geschickt diszipliniert oder besser: einweist. Ich bin sehr kommunikativ und achte darauf, dass ich Gesprochenes mitbekomme. Bisher habe ich mich gegen ein Cochlea-Implantat entschieden, weil ich seit meiner Kindheit mit Hörgeräten und Lippenablesen zurechtgekommen bin und auf mein natürliches Restgehör nicht verzichten möchte. Je älter die Kommunikationspartner, desto besser klappt die Verständigung, da diese sich bewusster auf mich als Hörbehinderten einlassen und ihre Aussprache bei Sichtkontakt klarer und deutlicher fokussieren können.

Lautsprache

Lautsprache bezeichnet eine Sprache, die aus Lauten besteht, wie zum Beispiel gesprochenes Deutsch. Gesprochene Sprachen werden vokal mit der Stimme produziert, mittels der Artikulationsorgane (Kehlkopf, Mund, Zunge et cetera) erzeugt und auditiv über das Ohr wahrgenommen.

Eine Lautsprache besteht aus Sprachlauten, die auf eine spezifische Weise artikuliert werden und in bestimmte funktionale Einheiten gegliedert werden können.

Andere Sprachsysteme sind die Gebärdensprache, die Zeichensprache, die geschriebene Sprache, die Literatursprache und im weiteren Sinne auch die Sprache von Bildern.

Die Wahl einer angemessenen Ausdrucksweise. Das betrifft das pragmatische Einbeziehen von Gestik, Mimik und sonstiger Körpersprache. Im Sportbetrieb gibt es eine weitere Schwierigkeit, da sich natürlich kein Spieler bei einer Handlungsausführung mir mit Blickkontakt zuwenden kann. In diesem Falle benötige ich gewissermaßen eine Hilfestellung, sei es durch einen Co-Trainer oder einfach mittels meiner Augen, durch die ich Gestiken sowie Situationen schneller überblicke. Für Hörgeschädigte gilt nämlich das optische System als verstärkendes Medium, das die räumliche Wahrnehmung der Ohren größtenteils übernimmt. Weitere nützliche Kommunikationstools sind das Vormachen, aber auch das Erklären der Übungen mittels Tafeln sowie der Körpersprache selbst, gepaart mit Gestik und Mimik, was vor allem Kinder mit Begeisterung aufnehmen.

Mathieu Jerzewski

Cochlea-Implantat

Das Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv als Teilorgan der auditiven Wahrnehmung noch funktionsfähig ist

Oft wurde ich zum Scheitern verurteilt! Kontinuierlich in die Welt der Normalhörenden eingegliedert, wuchs ich ständig mit Prophezeiungen hinsichtlich meines möglichen schulischen Scheiterns auf. Erst nach geraumer Zeit wurden meine Qualitäten vom Großteil meiner Umgebung wahrgenommen und schließlich sogar mit Hochachtung registriert. Davon ausgenommen sind selbstverständlich all diejenigen, die meinen Werdegang stets mit vorangetrieben und gefördert haben. Mittlerweile sprechen meine erreichten Leistungen mit Sicherheit für die erfolgreiche Überwindung vielfältiger Hindernisse, zumal meine Wahrnehmungsfähigkeit in anderen Bereichen über der von normalhörenden Menschen liegt. Wünschenswert wäre also ein verstärkter Respekt nicht nur vor dem Behinderten als Menschen, sondern auch vor seinen potenziellen Fähigkeiten. Entscheidend sind dafür aber der soziale Rückhalt aller Menschen in seinem Umfeld und integrative Fördermaßnahmen, die seine volle Entfaltung ermöglichen.

Meine Fähigkeiten wurden oft unterschätzt. In meinem Leben gab es zu oft Situationen, in denen offenkundig war, dass trotz gebührendem Respekt vor mir als Person das Vertrauen des Gegenübers in meine Fähigkeiten zu wünschen übrig ließ.

Gesellschaftlich fest verankert ist die Auffassung, dass Kommunikation ohne die Komponenten Hören und Sprechen chancenlos sei. Natürlich stößt man ohne eine gewisse Hörqualität durchaus auf Barrieren, aber an dieser Stelle wäre es verantwortungslos, sehr schlecht hörende Menschen generell nicht vollständig in die verschiedensten Berufsfelder einzugliedern. Vor allem bei Gehörlosen, die von Geburt an oder vor dem Spracherwerb ertaubt sind, besteht die Gefahr der gesellschaftlichen Isolation mangels landläufiger Kommunikationsfähigkeit, da sie durch die Gebärdensprache ihre eigenen „Sprechakte“ entwickeln, die nicht kompatibel mit der Norm der Laut- und Schriftsprache sind. Taube Menschen, die nur mit Gebärden artikulieren und kaum mit der uns bekannten Sprache aufwachsen, haben Probleme, diese zu verstehen – sowohl beim Lippenablesen als auch beim Lesen.

Es fehlt oftmals an Akzeptanz und Vertrauen. Ein geregeltes Miteinander mittels Hören und Sprechen ist Standard. Heißt das aber automatisch, hörbehinderte Menschen zu ignorieren beziehungsweise auszuschließen? Meiner Erfahrung nach ist die Einstellung gegenüber Hörgeschädigten immer noch geprägt von – zumindest vorsichtiger – Distanz: Sie werden „anders“ wahrgenommen. Auf die Mehrheit normalhörender Menschen wirkt die Sprechweise Hörbehinderter oder ihre Kommunikationsform mittels Gebärdensprache beziehungsweise Fingeralphabet befremdlich und schwer verständlich. Es gibt aber mittlerweile zahlreiche höreingeschränkte Personen, bei denen die Zeichensprache nicht oder nur ansatzweise vorhanden ist, da sie ausschließlich mit hörenden Menschen via Lautsprache in Kontakt treten.

Durch die steigende Technologisierung der Hörhilfen sowie die Weiterentwicklung von Computer und Laptop haben sich die Lebensbedingungen Höreingeschränkter zudem signifikant verbessert. Mithilfe sachgerechter Unterstützung – beispielsweise aus dem familiären Umfeld, via Sprachförderung durch Logopädie und auch mittels Integration in die normalhörende Gesellschaft in Schulen, Hochschulen und Berufsfeldern – wandelt sich zudem langsam das Bild eines hörgeschädigten Menschen: Es wird immer positiver konnotiert.

Inklusion funktioniert! In letzter Zeit gibt es zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Inklusion im Grundschulbereich und für das Gelingen mitunter „zweisprachiger“ Entwicklungsprozesse, also des Erlernens der deutschen Laut- und Schriftsprache sowie der Anwendung der Gebärdensprache in einem erweiterten Umfeld, wenn dies erwünscht ist.

Allgemein betrachtet will der richtige Umgang mit behinderten Menschen als auch deren Förderung im schulischen, beruflichen und sozialen Bereich gelernt sein, um bestehende Barrieren konsequent und nachhaltig zu reduzieren. Ein Mensch, der eine Behinderung aufweist, ist stark bestrebt, diese Einschränkung zu überbrücken und das Beste aus der Situation herauszuholen. Auch wenn ein Sinnesorgan nicht richtig funktioniert, wird versucht, mit den übrigen Sinnesqualitäten zu leben und auf einem anderen Weg die Behinderung zu relativieren und zu reduzieren. Gehörlose sowie Schwerhörige zählen zu dieser Personengruppe und haben genauso wie andere Menschen das Recht, ein erfülltes und bedürfnisorientiertes Leben zu führen!